Überraschend niedrige Liefermengen aus Russland über die Jamal-Pipeline haben Europas Gasmärkte zeitweise in Panik versetzt. Am Dienstagmorgen sprangen die Preise um mehr als sieben Euro pro MWh gegenüber dem Vortag, wie Branchenkenner übereinstimmend berichteten.
Seit Wochen befinden sich die Gaspreise auf Rekordniveau. Am Dienstag notierten die Spotmarktpreise am Handelspunkt NCG laut Daten der Energiebörse EEX zum Schluss bei 78,34 Euro pro MWh (Vortag: 75,31 Euro pro MWh). Im Frontmonat waren es zuletzt 78,89 Euro pro MWh. (Mehr Zahlen finden Sie hier.)
Vorgeschmack auf Oktober?
Seien in den Tagen zuvor noch deutlich mehr als 800 GWh pro Tag über die Jamal-Pipeline nach Europa gelangt, sei die Liefermenge am Dienstag auf etwas mehr als 400 GWh pro Tag gesunken, schildert Gasanbieter GVS in seinem aktuellen Chart-Telegramm.
Ein Vorgeschmack auf den Oktober? Tatsächlich buchte Gazprom nur etwa 325 GWh pro Tag für den kommenden Monat und damit weniger als die Hälfte der zur Auktion stehenden Kapazitäten.
Ukraine-Unmut über neuen Gasvertrag
Zudem entschied sich der Gaskonzern gegen die Buchung zusätzlicher Kapazitäten über die Ukraineroute.
Apropos Ukraine: Das für Europas Gasversorgung bislang so wichtige Transitland fühlt sich neuerlich brüskiert. Der Grund: ein neuer Gasvertrag zwischen Russland und Ungarn.
Ukraine umgangen
Demnach beliefert Gazprom über 15 Jahre das ungarische Energieunternehmen MVM Group unter Umgehung der Ukraine jährlich mit 4,5 Mrd. Kubikmeter Erdgas. Mit 3,5 Mrd. Kubikmetern soll der Löwenanteil über die Südroute durch das Schwarze Meer, die Türkei, Bulgarien und Serbien nach Ungarn gelangen.
Der ukrainische Außenamtssprecher Oleh Nikolenko bezeichnete das Abkommen laut Agentur Interfax als "ernsten Schlag für die ukrainisch-ungarischen Beziehungen". Kiew werde "entschlossene Maßnahmen" zur Verteidigung der nationalen Interessen ergreifen.
Beziehungen zu Russland zerrüttet
Ungarn wiederum bestellte den ukrainischen Botschafter ein. "Wir verbitten es uns, dass die Ukraine die Gasversorgungssicherheit Ungarns zu torpedieren trachtet", sagte Außenminister Peter Szijjarto in Budapest.
Die Ukraine kauft seit 2015 kein Gas mehr beim russischen Nachbarn. Die Beziehungen zwischen Moskau und Kiew sind seit langem zerrüttet.
Südroute nur vorsichtig kritisiert
Die Südroute wird in Kiew dagegen aus Rücksicht auf die Türkei nur vorsichtig kritisiert. Im April hatte das ukrainische Gastransportunternehmen den Verlust an Gastransit infolge von Turkish Stream auf etwa zehn bis zwölf Milliarden Kubikmeter jährlich geschätzt. (aba/dpa)
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