Die Nervosität auf Europas Gasmärkten steigt. Und einer der Hauptgründe dafür ist einmal mehr der russische Gaskonzern Gazprom.
Dieser buchte für die über Polen gehende Jamal-Pipeline im Oktober weniger als die Hälfte der zur Auktion stehenden Kapazitäten. Zudem entschied er sich gegen die Buchung zusätzlicher Kapazitäten über die Ukraineroute.
Gaspreise auf Rekordniveau
Dabei präsentieren sich Europas Gasmärkte angesichts unterdurchschnittlich gefüllter Speicher, hoher LNG-Preise und immer näher rückender Wintersaison seit Wochen angespannt, befinden sich die Gaspreise auf Rekordniveau.
Am Montag notierten die Spotpreise am niederländischen Handelspunkt TTF bei 73,45 Euro pro MWh, am Dienstag waren es 72,45 Euro pro MWh.
IEA: Russland könnte "mehr tun"
Nun meldete sich die Internationale Energieagentur (IEA). Russland erfülle zwar auf Basis verfügbarer Informationen seine langfristigen Lieferverträge mit europäischen Kunden, schrieb sie. Zugleich aber seien die Exporte nach Europa im Vergleich zu 2019 rückläufig.
Russland könnte "mehr tun", um das Gasangebot in Europa zu erhöhen und sicherzustellen, dass die Gasspeicher angemessen gefüllt seien, mahnte die Agentur. In der jetzigen Situation habe Russland die Chance, seine Reputation als verlässlicher Versorger auf dem europäischen Markt zu unterstreichen.
Gazprom-Speicher fast leer
Tatsächlich produzierte Gazprom in den vergangenen Wochen eher Schlagzeilen, die Marktteilnehmer verunsicherten. Da waren zeitweise stark zurückgehende Gasflüsse über die Jamal-Pipeline. Als Grund wurde ein Brand in einer Verarbeitungsanlage nahe der westsibirischen Stadt Nowy Urengoi angeführt.
Da ist Deutschlands größter Gasspeicher im niedersächsischen Rehden, den die Gazprom-Tochter Astora betreibt. Dieser ist mit einem Füllstand von aktuell 4,6 Prozent fast leer. (Die ZfK berichtete.)
Gezerre um Nord Stream 2
Und da ist das Gezerre um die Ostseepipeline Nord Stream 2 und deren Inbetriebnahme.
Für Oliver Krischer, Vize-Fraktionschef von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag und Experte in Energiefragen, ist die Sache klar. Russlands Präsident Wladimir Putin und Gazprom nutzen die prekäre Lage aus.
"Deutschland erpressbar"
Sie wollen Druck machen, um noch ausstehende und heikle Genehmigungen bei Nord Stream 2 zu erzwingen. "Deutschland rutscht gerade in eine Situation hinein, in der man erpressbar wird", schrieb er Ende vergangener Woche in seinem Newsletter.
Kreml-Sprecher Dmitri Peskwo wies Vermutungen zurück, dass Russland irgendetwas mit der derzeitigen Preisrallye zu tun habe.
Uniper: Gazprom liefert vertragsgerecht
Auch Gazprom bestreitet den auch von mehreren Dutzend EU-Abgeordneten geäußerten Verdacht der Marktmanipulation. Die EU erhalte alles, was laut Verträgen vereinbart sei, teilte das Unternehmen der Agentur Interfax zufolge mit. Es werde auch versucht, den zusätzlichen Bedarf zu decken.
Gregor Pett, Marktexperte beim Energieversorger Uniper, wollte sich auf einer vom "Handelsblatt" organisierten Gastagung an Spekulationen über politische Motivationen Russlands nicht beteiligen. Er fügte aber an, dass sein Unternehmen vertragsgerecht beliefert werde.
Situation in Russland
Zudem wies er darauf hin, dass auch Russland selbst ein "ambitioniertes Speicherfüllprogramm" habe, nachdem das Land ebenfalls unter einem kalten Winter gelitten hätte. Ferner exportiere Gazprom nun auch mehr Gas in die Türkei.
Es gebe also gute Gründe, warum Russland nicht einfach so "aus der hohlen Hand" viel mehr Mengen nach Europa liefere, sagte er. (aba/dpa)
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