Marko Ibsch ist Gründer und Geschäftsführer von CarbonFreed. Das Unternehmen verkürzt mit der eigenentwickelten Plattform "gridcert" das Netzanschlussverfahren großer Photovoltaik-Anlagen und Batteriespeicher nach eigenen Angaben von mehreren Monaten auf wenige Wochen. Außerdem: Was mit KI-Software im Bereich der Netzanschlussverfahren möglich wäre.
Herr Ibsch, Sie haben eine KI-gestützte Online-Plattform entwickelt, mit deren Hilfe große Solaranlagen deutlich schneller ins öffentliche Stromnetz integriert werden können. Könnten Sie beschreiben, wie das funktioniert?
Für Solaranlagen mit einer Einspeiseleistung von mehr als 270 Kilowatt ist ein sogenanntes Anlagenzertifikat nötig. Darüber ist sichergestellt, dass die Komponenten der Anlage zusammenpassen und das System sich auch wie vorgesehen verhält. Der Prozess der Anlagenzertifizierung kann ziemlich langwierig sein, weil eben viele verschiedene Akteure beteiligt sind. Neben dem Anlagenbetreiber sind beispielsweise noch der Installationsbetrieb, die Hersteller der Komponenten, möglicherweise ein Trafobauer und natürlich die Zertifizierungsstelle und auch der Netzbetreiber involviert. Wir bilden den kompletten Prozess über unsere KI-Plattform Gridcert ab. Dort werden nicht nur die für die Zertifizierung notwendigen Daten gesammelt und ausgewertet, sondern auch die gesamte Kommunikation läuft über unser System. Das beschleunigt den Zertifizierungsprozess von mehreren Monaten auf wenige Wochen.
Arbeiten Sie auch mit Netzbetreibern zusammen? Wenn ja, wie darf man sich die Zusammenarbeit vorstellen?
Es gibt in Deutschland mehr als 850 Netzbetreiber, die alle unterschiedliche Anforderungen haben, wie eine große Solar- oder Speicheranlage ins Netz integriert werden soll. Wir integrieren diese Anforderungen in unsere KI-Plattform, so dass diese Informationen unseren Kunden bereits in der Planungsphase vorliegen. Sie wissen dann ganz genau, was vom Netzbetreiber gefordert wird, wenn sie in einem spezifischen Netzgebiet eine Anlage errichten möchten. Das verhindert Überraschungen, wenn es dann am Ende um die Zertifizierung und den Netzanschluss der Solaranlage geht.
Inwiefern sehen Sie bei Künstlicher Intelligenz einen Gamechanger für die Energiewende?
Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird ein entscheidender Faktor für die Energiewende. Wir sehen es ja beispielsweise bei Gridcert. Wir nutzen eine KI, um damit große Datenmengen schnell zu sichten – dafür ist eine Künstliche Intelligenz perfekt. In der Elektrotechnik ist fast alles mit Schlüsselwörtern und DIN-Zeichen versehen und standardisiert. Die nötigen Daten sind für eine intelligente Software also in der Regel gut zu erkennen. Eine KI-Software könnte aber gerade im Bereich des Netzanschlussverfahrens noch viel mehr unterstützen. Aber dafür müssen sich auch die regulatorischen Rahmenbedingungen weiterentwickeln. Dann wäre es nur noch eine Frage der Zeit, dass beispielsweise auch digitale Prüfungen zulässig werden, was das Anschlusstempo der erneuerbaren Energien dann noch mal deutlich anheben würde.
Welche weiteren Anwendungsfälle sehen Sie für Ihre KI-Plattform?
Momentan liegt unser Fokus bei Gridcert auf der Zertifizierung von Solaranlagen ab einer Einspeiseleistung von 270 Kilowatt. Mittlerweile haben wir schon mehr als 630 Solarprojekte mit einer Gesamtleistung von 400 Megawatt über unser KI-Tool begleitet. Wir weiten die Plattform aber gerade auf die Zertifizierung von Großspeichern aus. Das wird für uns als Unternehmen in den kommenden Jahren ein extrem wichtiger Markt. Aktuell liegen allein bei den großen Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland Netzanschlussanfragen für Speicher mit einer Gesamtleistung von mehr als 225 Gigawatt. Natürlich werden davon nicht alle in Betrieb gehen. Aber die, die ins Netz integriert werden, benötigen dafür vorher ein Anlagenzertifikat. Der Zertifizierungsprozess ist sehr ähnlich zu dem einer großen Solaranlage, deshalb können wir das problemlos über Gridcert abbilden.
Das Interview führte Stephanie Gust
Marko Ibsch ist Gründer und Geschäftsführer von Carbonfreed. Das Unternehmen verkürzt mit der eigenentwickelten KI-gestützten Digital-Plattform "gridcert" das Netzanschlussverfahren großer Photovoltaik-Anlagen und Batteriespeicher von mehreren Monaten auf wenige Wochen und bringt so die Energiewende entscheidend voran.



