Die Negativstunden auf dem deutschen Strommarkt häufen sich und treiben Betreibern von Wind- und Solaranlagen immer mehr Sorgenfalten auf die Stirn. Nach Angaben des Stromanbieters Rabot Charge war der Day-Ahead-Preis an der Strombörse Epex Spot allein im April 50 Stunden lang negativ.
Am 1. Mai kamen acht Negativstunden und am 2. Mai fünf hinzu. Und wenn das Wetter an den kommenden Feiertagen und Wochenenden so sonnig bleibt wie derzeit, dürften die Preise noch deutlich öfter unter die Null-Euro-Marke segeln.
Erneuerbaren-Wachstum spürbar
Dann könnte auch der bisherige Tiefstwert in diesem Jahr unterboten werden. Der steht derzeit bei minus 120 Euro pro Megawattstunde (MWh) – aufgestellt am 1. Mai zur Mittagszeit.
Der Grund dafür ist aus Klimaschutzsicht eigentlich ein erfreulicher. An sonnigen und verbrauchsarmen Tagen produzieren Solaranlagen allein mittlerweile fast so viel Strom, wie ganz Deutschland verbraucht. Und der Zubau geht weiter. "Wir wachsen im Geschäft mit den Erneuerbaren", berichtete Energieexperte Jörg-Uwe Fischer von der Deutschen Kreditbank (DKB) bei einer Veranstaltung des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). "Nicht nur die Genehmigungen steigen, sondern auch die Finanzierungsanfragen und die Abschlüsse."
"Im Zweifel nicht mehr finanzierbar"
Unklar sei hingegen, wie sich die Bedingungen auf dem deutschen Strommarkt weiterentwickeln würden. "Wir sehen zunehmend mit Sorge, dass die Zeiten negativer Strompreise dazu führen, dass die Umsätze ausfallen", sagte er. "Und das in einem Maße, wie wir sie in unseren Finanzierungsstrukturen bislang nicht eingepreist haben."
Der Ausbau von Erneuerbare-Energien-Anlagen laufe zu etwa 90 Prozent über Projektfinanzierungen, erklärte Fischer. Deshalb sei es wichtig, verlässliche Kalkulationsgrundlagen zu haben. Die derzeitige Regelung mache die Finanzierung nicht nur anspruchsvoller, sondern auch teurer. "Im Zweifel ist ein Projekt an der einen oder anderen Stelle dann nicht mehr finanzierbar."
Vergütungsregelung bei negativen Strompreisen
Zum Hintergrund: Der Gesetzgeber will die Förderung von Strom aus erneuerbaren Energien im Rahmen des EEG bei negativen Strompreisen schrittweise verringern. Seit diesem Jahr erhalten Betreiber keine Marktprämie mehr, wenn der Spotmarktpreis für mindestens drei aufeinanderfolgende Stunden negativ ist.
Ab 2026 gilt dies bereits für mindestens zwei Stunden am Stück, ab 2027 für mindestens eine Stunde. Kleine Photovoltaikanlagen sind von dieser Regelung ausgenommen.
Große Hebel statt kleine Schrauben
Auch der BEE-Energieexperte Matthias Stark räumte ein, dass Börsenpreise unterhalb der Stromgestehungskosten "natürlich schwierig" seien. Er warnte jedoch davor, den derzeit gültigen Preisbildungsmechanismus, das Merit-Order-System, grundsätzlich infrage zu stellen. Wichtiger sei es, den Blick auf notwendige Flexibilitäten zu richten.
Aus Sicht des Herstellerverbandes VDMA denkt die Bundesregierung hier allerdings noch zu kleinteilig. Die im Energiewirtschaftsgesetz verankerte Regelung "Nutzen statt Abregeln" sei eher eine "kleine Schraube", sagte Dennis Rendschmidt. "Ich gehöre zu denen, die sagen: Bitte die größeren Hebel ziehen." Als Beispiel nannte er stärkere Anreize für den Netzausbau.
Nein zu Strompreiszonenteilung
Von einer viel diskutierten Aufteilung der bundeseinheitlichen Strompreiszone riet der DKB-Experte Fischer dagegen ab. Damit würde das System nur noch komplexer werden. Das bedeute letztlich auch mehr Risiken und Kosten.
Zudem würden sich Probleme wie negative Strompreise noch verschärfen. "Durch eine Strompreiszonenteilung kommen wir nicht aus diesem Dilemma heraus." (aba)
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