Ein Ende der negativen Strompreise ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Anzahl negativer Preisphasen an der Strombörse dürfte 2024 noch zunehmen. Darauf machte Christof Bauer, Executive Advisor Energy bei Infraserv Höchst in einem Vortrag bei der Stadtwerke-Tagung des "Handelsblatts" aufmerksam.
Grund dafür ist auch die sogenannte "Selbstentwertung" von Strom aus immer mehr Wind- und PV-Anlagen. Damit sind sinkende Erlöse der Erneuerbaren bei steigendem Zubau gemeint. So lag der Windpreis im vergangenen Jahr bereits meist unterhalb des allgemeinen Spotmarktpreises.
Vergütung kleiner PV-Anlagen
Dies gilt auch für Solarstrom. Im Jahr 2023 lag der durchschnittliche Marktwert Solar bei nur noch 75 Prozent des allgemeinen Spotmarktpreises. Dies zeigen Daten der Übertragungsnetzbetreiber.
Wie Energieexperte Bauer ausführte, spielt dabei auch der große Anteil kleiner PV-Anlagen ein Rolle. 2023 entfielen etwa zwei Drittel des Zubaus auf Anlagen unterhalb der 400-kW-Schwelle. Das Besondere: Diese Kleinanlagen erhalten ihre EEG-Vergütung selbst in negativen Preisphasen. Größere Solaranlagen, die unter die Direktvermarktung fallen, verlieren ihren Vergütungsanspruch dagegen, wenn über mindestens drei Stunden hinweg negative Börsenpreise auftreten.
Viel Sonnenstrom, wenig Wind
Zudem können die Netzbetreiber die Kleinanlagen nicht abregeln. Die hohe Einspeisung von Solarstrom, vor allem in der Mittagszeit, führt zu immer häufigeren Negativpreisen. Besonders stark ist der Effekt, wenn viele PV-Anlagen und gleichzeitig wenige Windkraftanalgen ihren Strom ins Netz abgeben. Dies lässt die Preise regelmäßig unter die Null-Linie rauschen.
In der Folge hat sich die Anzahl negativer Strompreise im Jahr 2023 gegenüber auf 2022 vervierfacht. Waren es 2022 noch 69 Stunden, erlebte die Strombörse 2023 bereits 301 Stunden im negativen Bereich. Bauer rechnet für das laufende Jahr mit einer weiteren Zunahme. "Die Negativpreise werden sich 2024 mindestens verdoppeln". Die Entwicklung lasse sich nur aufhalten, wenn etwa auch kleine PV-Anlagen stärker von den Netzbetreibern abgeriegelt werden könnten.
Verkaufsdefizit beim Strom
Bauer machte auch auf einen weiteren Aspekt aufmerksam. Die negativen Preisphasen schrauben das Verkaufsdefizit von Wind- und PV-Strom in die Höhe. Denn während die Börsenerlöse sinken, erhalten die meisten Anlagen weiterhin eine staatliche Förderung. Im vergangenen Jahr schoss das Defizit nochmal hoch – davon geht der bei weitem größte Anteil zu Lasten des EEG-Kontos.
Vor dem Hintergrund verfallender Marktwerte zeigte er sich auch skeptisch, was die Prognose der Übertragungsnetzbetreiber angeht. Er glaube nicht, dass der bisher veranschlagte Finanzierungsbedarf für das EEG-Konto ausreiche, sagte Bauer. Nötig sei aus seiner Sicht eine Ausweitung des Einspeisemanagements auf PV-Anlagen unter 400 kW bei gleichzeitigem Einbau von Smart-Metern. "Sonst wird es sehr teuer." (jk)
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