Im August 2022 marschierten die Strompreise noch Richtung 1000 Euro pro MWh. Knapp ein Jahr später stürzten sie im Kurzfristhandel dann für eine Stunde auf minus 500 Euro pro MWh ab. Ein Gespräch mit Thomas Krings, Sprecher der Geschäftsführung beim zweitgrößten deutschen Direktvermarkter Quadra Energy, über außergewöhnliche Sonntage auf den Strommärkten, die Bedeutung von Flexibilitäten und Pläne, Windkraft bald wieder als Regelleistung anzubieten.
Herr Krings, für Sonntag, 2. Juli, zwischen 14 und 15 Uhr, ist der Day-Ahead-Preis auf minus 500 Euro pro MWh nach unten gegangen. Noch weniger ist derzeit technisch gar nicht möglich. Wie haben Sie als Direktvermarkter reagiert?
Das war natürlich außergewöhnlich und bis dato einmalig. Sie können sich vorstellen, dass auch bei uns die Drähte geglüht haben und im Handelsraum einiges los war. Wir haben dann auch das einzig Richtige gemacht, unsere Flexibilitäten genutzt und praktisch alle Anlagen, bei denen dies technisch möglich war, abgeschaltet. Und das haben wir bereits in der Day-Ahead Auktion getan.
Tatsächlich war es an den Sonntagen darauf ebenfalls eher der Normalfall als die Ausnahme, dass gerade am frühen Nachmittag die Strompreise in den Negativbereich sackten. Warum eigentlich?
Der Grund liegt in einer für diese Jahreszeit recht seltenen Kombination von starkem Windaufkommen an einem recht sonnigen Sonntagnachmittag. Hier macht sich auch bemerkbar, wie stark in den vergangenen Jahren insbesondere im Solarbereich zugebaut wurde. Dazu kommt, dass an Sonntagen üblicherweise deutlich weniger Strom verbraucht wird als an Werktagen. In der Folge hat am 2. Juli das bundesweite Stromangebot den Bedarf in Deutschland in der Spitze um mehr als 25 Gigawatt überdeckt. Das ist ein Rekordwert.
Und warum kam es in den Sonntagen darauf nicht zu einem solchen Preissturz wie Anfang Juli?
Abschließend lässt sich das mit den öffentlich verfügbaren Daten nicht klären, wir gehen aber davon aus, dass die Marktteilnehmer ihre Lehren aus dem 2. Juli gezogen haben. Damals gerieten Angebot und Nachfrage wohl auch deshalb derart ins Ungleichgewicht, weil Kraftwerkbetreiber und vermutlich auch einige Erneuerbaren-Vermarkter ihren Strom preislich unlimitiert oder nicht ausreichend limitiert in der Day-Ahead Auktion anboten.
Zwischen Auktion am 1. Juli und Lieferung am 2. Juli hat sich ja dann doch noch einiges getan, weil am Ende laut Daten der Bundesnetzagentur das Überangebot deutlich geringer ausfiel als geplant.
Nach dem Schock in der Day-Ahead Auktion haben einige Marktteilnehmer im Intraday-Handel offenbar weitere Flexibilitäten aktiviert, sodass der Preis auf durchschnittlich minus 260 Euro pro MWh gestiegen ist. Wir haben in den Marktdaten gesehen, dass in der Spitze allein in Deutschland etwa 25 Gigawatt Windproduktion abgeschaltet wurden.
Was lehren uns die vergangenen Sonntage?
Wie wichtig genügend Flexibilität auf dem Strommarkt ist. Und ihre Bedeutung wird weiter zunehmen. Denn wir gehen davon aus, dass ähnliche Preissituationen künftig in Anbetracht des geplanten Zubaus von Photovoltaik und Wind häufiger auftreten werden.
Die gute Nachricht ist aber: Selbst am 2. Juli scheint die Integration der erneuerbaren Erzeugungsmengen gut geklappt zu haben. Der Regelenergiebedarf war vergleichsweise unauffällig. Das belegt, dass die marktbasierte Integration von erneuerbaren Energien auch in Extremsituationen gut funktioniert.
Trotzdem: Sind Tage mit Erneuerbarem-Überangebot und wenig Verbrauch für Direktvermarkter nicht mehr Risiko als Chance?
Wir sehen das grundsätzlich als Chance: Zunächst unterstreichen solche Ereignisse die Verantwortung der Direktvermarkter für das Gelingen der Energiewende. Die Nutzung der Flexibilität von Erneuerbaren Energien ist ein wichtiger Beitrag, um in solch angespannten Marktsituationen mit einem extremen Stromüberangebot für preisliche und netzseitige Entspannung zu sorgen.
Hier wollen wir weitermachen und noch mehr Verantwortung übernehmen. Wir planen zum Beispiel, im Laufe des nächsten Jahres Windkraft wieder als Regelleistung anzubieten. Wir haben dies bereits in den 2010er Jahren im Rahmen eines Pilotprojekts ausprobiert, aus wirtschaftlichen Gründen dann aber nicht weiterverfolgt. Wir glauben jedoch, dass sich die Bedingungen nun deutlich verbessert haben.
Das Interview führten Andreas Baumer und Julian Korb
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