Unter Blindleistung versteht man die zusätzlich zur Wirkleistung, also dem tatsächlichen Verbrauch, bestehende Netzleistung.

Unter Blindleistung versteht man die zusätzlich zur Wirkleistung, also dem tatsächlichen Verbrauch, bestehende Netzleistung.

Bild: © Maciej Bledowski/AdobeStock

Nachdem die Horizonte-Group schon im Frühjahr 2021 eine Marktbefragung gestartet hatte, wiederholte das Beratungsunternehmen diese nochmals zwischen dem 16. und dem 24. September.

Im Frühjahr hatten 68 Prozent der befragten ExpertInnen den Go-Live zum 1. Oktober 2021 für nicht mehr realistisch eingestuft. Nur 32 Prozent gaben an, dass der Einführungstermin realistisch wäre. Die aktuelle (nicht repräsentative) Umfrage und die Übergangslösung des BDEW zeigen nun auch: Die Branche ist auch kurz vor dem Start noch nicht vollends vorbereitet.

Aktuelle Ergebnisse:

Verteilnetzbetreiber: Stammdatenaustausch

Lediglich fünf Prozent der teilnehmenden VNB haben bereits alle Stammdaten zu den in ihrem Netz angeschlossenen Redispatch-relevanten Anlagen vorliegen. Bei 75 Prozent liegen nicht einmal 50 Prozent der benötigten Stammdaten vor.

Darüber hinaus kennen 95 Prozent der Netzbetreiber nicht alle Betreiber der Technischen Ressourcen (BTR) sowie die Einsatzverantwortlichen (EIV). Von den 36 Antwortenden (darunter 20 VNB) können 47 Prozent Stammdaten über die RAIDA-Plattform austauschen.

Dies sei ernüchternd, schließlich ist der Stammdatenaustausch über die Plattform Raida von Connect+ schon seit dem 1. Juli an Start, damit die Anlagenbetreiber ihrer Datenlieferverpflichtung nachkommen, kommentierte Frank Hirschi von der Horizonte-Group das Ergebnis.

Teilnehmer

61 ExpertInnen aus der Energiewirtschaft nahmen an der Befragung mit bis zu 18 Fragen teil.

66 Prozent der Teilnehmer vertreten dabei Verteilnetzbetreiber (33 Prozent), Systemhersteller (11 Prozent) und Dienstleister-Unternehmen (22 Prozent).

Bei den Verteilnetzbetreibern waren diejenigen mit wenigen eigenen Redispatch-Anlagen (1-25), als auch Netzbetreiber mit bis zu 10.000 angeschlossenen Redispatch-Anlagen vertreten. Diejenigen ohne eigene Redispatch-Anlagen oder mit mehr als 10 000 Stück nahmen nicht teil.

Gut zwei Drittel der VNB haben Redispatch-relevante Anlagen im eigenen Netz angeschlossen, aber erwarten keine eigenen Engpässe.

Ein knappes Drittel erwartet auch Redispatch-Abrufe auf Basis von Engpässen im eigenen Netz.

85 Prozent der VNB erwarten Engpässe bei ihrem vorgelagerten Netzbetreiber. Dementsprechend müssen sie sich auf hohe Anforderungen an ihre Prozesse und Systeme einstellen.

Ein Drittel machen zudem Übertragungsnetzbetreiber (zwei Prozent), Anlagenbetreiber (15 Prozent), Vertriebe/Lieferanten (sieben Prozent) und Sonstige (elf Prozent) aus.

Überblick: Alle Marktteilnehmer

Vorbereitung auf den Redispatch 2.0

Von 57 Antwortenden sieht sich eine knappe Hälfte nicht gut auf den Redispatch 2.0 vorbereitet. Darunter befinden sich sowohl VNB (zwölf), Anlagenbetreiber (sechs), Dienstleister (sechs), Systemhersteller (drei) als auch Vertriebe/Lieferanten (einer).

Ein Drittel bewertet sich in der Befragung als gut vorbereitet und kann für den Marktstart produktiv gehen: Fünf VNB, fünf Dienstleister, drei System-Hersteller, drei Anlagenbetreiber, drei Lieferanten/Vertriebe, ein ÜNB.

Verschiebung gewünscht

Zwar befürwortet ein knappes Fünftel (darunter kein VNB) das Festhalten am gesetzlich festgeschriebenen Marktstart zum 1. Oktober 2021. 82 Prozent wünschten sich jedoch klar eine Verschiebung des Termins. Dies liegt wahrscheinlich auch daran, dass lediglich sieben Prozent der TeilnehmerInnen ganzheitliche Tests vornehmen konnten.

Zudem gab nur knapp jeder Fünfte an, zufrieden in Bezug auf die Transparenz, Rechtzeitigkeit und Form der kommunizierten Festlegungsverfahren und Vorgaben zum RD 2.0 zu sein. 79 Prozent der Teilnehmenden sehen hier im Umkehrschluss Verbesserungspotenzial.

Vor allem die knappe Zeit der Umsetzung und die spät festgelegten Vorgaben wurde kritisiert. Besonders kritisch sehen einige TeilnemerInnen (drei Prozent) die Vorgehensweise der Regulierungsbehörde in Bezug auf die Kommunikation der gesetzlichen Vorgaben an.

Wie wird man Redispatch-2.0-ready?

Die Befragten konnten im Freitextfeld selbst schreiben, welchen Aspekt sie für eine schnellere Umsetzung für nötig halten. Mit 34 Prozent wurde am häufigsten „mehr Zeit“ genannt. 26 Prozent plädierten für eine transparentere und ganzheitlichere Darstellung der Prozesse sowie intensivere Branchendialoge. Zudem sehen elf Prozent eine Bestandsanalyse als sinnvoll an.

Interessant ist auch, dass sich manche Antwortende (zwei Prozent) eine technische Dokumentation in englischer Sprache wünschten, da die Entwickler-Teams größtenteils international besetzt sind. Ebenso viele nannten ein Wunder als Aspekt für eine schnellere Umsetzung.

Was jetzt zu tun ist

Frank Hirschi von der Horizonte-Group rät Netzbetreibern dazu – auch wenn es jetzt eine Übergangslösung gibt –, schnellstmöglich und unter Hochdruck die Umsetzung zum RD 2.0 voranzubringen. Denn bis spätestens 1. März 2022 müssen alle für die startende dreimonatige Testphase betriebsbereit sein.

Um den Projekterfolg nicht zu gefährden, rät Hirschi dazu, die BDEW-Übergangslösung, welche ausdrücklich keine vom Gesetz abweichende Vorgabe darstellt, zu analysieren und die darin skizzierten Aufgaben und Prozesse umzusetzen.

„Denn im Kern bedeutet die Übergangslösung auf Basis des aktuellen Umsetzungstandes einen Mehraufwand bei allen Marktteilnehmern, insbesondere bei Bilanzkreisverantwortlichen“, verdeutlicht der Experte der Horizonte-Group.

So müsse die Branche weiter die Umsetzung der Zielprozesse vorantreiben, parallel jedoch auch eine marktweite Einigung über alle Rollen hinweg herbeiführen, wie der provisorische bilanzielle Ausgleich nach dem Übergangsmodell bilateral zwischen den Parteien gelebt werden kann.

Eigene Projekte analysieren, Mitarbeiter für Testfälle abstellen

Vor allem die im Netzgebiet tätigen Bilanzkreisverantwortlichen sollten über die neuen Abrechnungsprozesse informiert werden, ebenso sollten die nachgelagerten Netzbetreiber die kurzfristigen Konsequenzen und die neu getroffenen Maßnahmen erfahren.

Das eigene Projekt sollten Netzbetreiber möglichst nochmals analysieren und gegebenenfalls die Meilensteine in Abstimmung mit den Dienstleistern und Systemherstellern überplanen.

Carlo Weckelmann, ebenfalls Horizonte-Group, rät auch zu einem dedizierten Testmanagement: Sprich es sollten Testfälle und Abnahmekriterien definiert werden und Mitarbeiter dafür explizit abgestellt werden.

Die Kommunikation mit den Anlagenbetreibern sollte fortgesetzt werden, um die Stammdatenqualität zu verbessern. Die Horizonte-Group bietet zur weiteren Umsetzung der Redispatch-2.0-Prozesse zudem einen eigenen Workshop an. (sg)

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