Ihre Länder setzen im Gegensatz zu Deutschland weiterhin auf Kernkraft: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (links) und Alain Berset, der 2023 Bundespräsident der Schweiz war.

Ihre Länder setzen im Gegensatz zu Deutschland weiterhin auf Kernkraft: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (links) und Alain Berset, der 2023 Bundespräsident der Schweiz war.

Deutschlands Netto-Stromimporte könnten in diesem Jahr mehr als doppelt so hoch ausfallen wie im vergangenen Jahr. Nach Angaben der Fraunhofer-Plattform Energy-Charts wurden bislang 26,5 Terawattstunden (TWh) mehr im- als exportiert (Stand 31. Oktober). Im gesamten vergangenen Jahr lag der Importüberschuss bei 11,7 TWh. 2023 war Deutschland erstmals Netto-Stromimporteur geworden.

Es gilt als unwahrscheinlich, dass sich die Schere bis Dezember noch sehr viel weiter öffnet. In den Wintermonaten steigt in der Regel die Stromerzeugung in Deutschland, weil viele wärmegeführte Kraftwerke unabhängig von Strompreissignalen Strom produzieren. Auch geht das Grünstromangebot im Ausland zurück, was zu höherer Nachfrage nach fossilem Strom führt und dem noch immer großen deutschen Kohle- und Gaskraftwerkspark zugutekommt. Im November und Dezember des vergangenen Jahres wurde noch mehr Strom ins Ausland verkauft, als von dort bezogen.

Grafik: © Energy-Charts

Dänemark auf Rang zwei, Überraschung Schweiz

Im Vergleich zum Vorjahr könnte es auch im Lieferantenranking Veränderungen geben. Nach jetzigem Stand befinden sich unter den drei größten Stromexporteuren nach Deutschland zwei Länder, die auch auf Kernkraft setzen. Mit Abstand auf Platz eins liegt Frankreich, das mit insgesamt 56 Reaktoren den größten Kernkraftwerkspark Europas betreibt.

Dahinter folgen Dänemark, der Spitzenreiter des vergangenen Jahres, und die Schweiz. In der Alpenrepublik werden derzeit vier Kernkraftwerke betrieben. Norwegen, das im vergangenen Jahr Rang drei belegte und zum Großteil auf Wasserkraft setzt, ist nach jetzigem Stand Vierter.

Der Aufstieg der Schweiz dürfte dabei manche Beobachter durchaus überraschen. In den Vorjahren war das Land überwiegend Netto-Abnehmer von Strom aus Deutschland. Auch im vergangenen Jahr betrug der Nettoüberschuss lediglich 1,0 TWh. Stand Ende Oktober waren es mehr als 7 TWh.

Vier Nachbarstaaten beziehen bislang in diesem Jahr mehr Strom von Deutschland, als sie dorthin verkaufen. Dabei handelt es sich um Österreich, Polen, Luxemburg und die Tschechische Republik.

Grafik: © Energy-Charts

Stromimporte: Kohleverstromung bricht ein

Höhere Stromimporte bedeuteten weder eine Abhängigkeit vom europäischen Ausland, noch wiesen sie auf inländische Knappheiten hin, stellte die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AG Energiebilanzen) erst jüngst wieder klar. "Der aktuelle Importüberschuss ist ein Zeichen für einen funktionierenden europäischen Binnenmarkt."

Tatsächlich ist es so, dass günstiger Grün- und Atomstrom auch aus dem Ausland oftmals teurere fossile Kraftwerke im Inland komplett aus dem Markt drängen. In der Folge ging der Einsatz von Steinkohle in Kraftwerken in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 39 Prozent zurück, wie die AG Energiebilanzen berechnete. Auch der Verbrauch von Braunkohle brach weiter ein.

In Europa fallen Stromim- und -exportbilanz ganz unterschiedlich aus. Der mit Abstand größte Netto-Stromexporteur ist Frankreich mit einem Überschuss von 75 TWh in diesem Jahr. Auch die skandinavischen Länder Schweden und Norwegen verkaufen deutlich mehr Strom ins Ausland, als sie von dort beziehen.

Deutliche Importüberschüsse weisen neben Deutschland Großbritannien (-30 TWh) und Italien (-44 TWh) auf. Im Gegensatz zu Deutschland sind beide Länder aber auch schon seit vielen Jahren Netto-Stromimporteure. (aba)

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