Ein Mitarbeiter des Projektpartners beim Einbau des Wärmetauschers

Ein Mitarbeiter des Projektpartners beim Einbau des Wärmetauschers

Uhrig Energie

ZfK: Frau Debor, Naturstrom möchte ein neues Quartier in Köln mithilfe des städtischen Abwassers heizen. Wie ist die Umsetzung gestartet?
Debor: Bei solchen innovativen Projekten fängt alles sehr klein an. Und es sind immer auch die Menschen, die dabei eine Rolle spielen. Etwa 2018 haben wir das erste Mal darüber gesprochen. Wir prüfen in Neubauprojekten oft verschiedene Optionen. In dem konkreten Fall im Kölner Quartier Lück stießen wir bei dem Bauprojektentwickler "WvM" mit unserem Ansatz direkt auf offene Ohren.

Wir unterhalten mit der "WvM" bereits eine Partnerschaft, um gemeinsam so viel erneuerbare Energieprojekte wie möglich zu realisieren. Der Projektentwickler hat das Ganze mitgetragen und hat alle an einen Tisch geholt. Beispielsweise auch die Besitzer der Nachbargebäude, denn die Kanalführung verläuft durch das angrenzende Gelände.

Welchen Anteil macht diese Art des "Wärmerecyclings" in dem Quartier künftig aus?
Die Wärmepumpe, die wir mit der Abwasserwärme speisen, deckt 100 Prozent des Heizbedarfs für Raumwärme. Das Trinkwarmwasser wird durch die Wärmepumpe vorerwärmt und in dezentralen Einheiten in den Wohnungen nacherhitzt. Sollten Mieterinnen oder Mieter sehr viel, sehr heißes Wasser aus dem Hahn oder der Dusche haben wollen, zahlen sie das über ihre Wohnungsstation – wir legen diesen Teil nicht auf die Gemeinschaft um. Dazu kommt, dass Wärmepumpen zwar hohe Temperaturen erzeugen könnten, die letzten paar Prozent aber immer sehr teuer würden. Auch deswegen sollte die Vorlauftemperatur möglichst niedrig sein.

Können Sie bitte einen kurzen Überblick über das geplante Gesamtsystem zur Wärmeerzeugung geben?
Das Quartier besteht aus 216 Wohnungen in vier Gebäudekomplexen. Die Heizzentrale mit der Wärmepumpe befindet sich im Keller. Die Pumpe verfügt über eine Leistung von 400 Kilowatt thermisch und ist mit dem 119 Meter langen Wärmetauscher im Abwasserkanal verbunden. Der Kanal selbst verläuft ungefähr 50 Meter von dem Quartier entfernt. Die mit  Ökostrom betriebene Wärmepumpe nutzt die zugeführte Wärme und erhitzt das Heizwasser und das Trinkwasser auf eine Vorlauftemperatur von 40 Grad Celsius.

Für Zeiten, in denen die Wärme aus dem Kanal vermutlich nicht ausreichen wird und zugleich relativ viel Wärme gebraucht wird, nutzen wir eine Power-to-Heat-Anlage als Spitzenlastaggregat. Das wird wahrscheinlich im Januar und Februar der Fall sein. Nach unseren Planungen dürfte die Anlage aber lediglich zwei Prozent des gesamten Wärmebedarfs decken.

"In anderen Städten haben wir da auch schon schlechte Erfahrungen gemacht."

Wie lief die Zusammenarbeit mit den Kölner Stadtentwässerungsbetrieben?
Die Kölner Stadtentwässerungsbetriebe sind bei diesem Thema sehr kooperativ und offen. Andernfalls hätte das Projekt in der Form nicht umgesetzt werden können. Unsere Zusammenarbeit mit ihnen verläuft sehr positiv, Anfragen werden schnell bearbeitet. Und dass, obwohl es sich nicht um eine standardisierte Technologie handelt. Wir haben einen Nutzungsvertrag zu einem akzeptablen Jahresbeitrag geschlossen. In anderen Städten haben wir da auch schon schlechte Erfahrungen gemacht und sind darum in Projektdruck gekommen.

Welches Potenzial messen Sie der Nutzung von Wärme aus Abwasser generell zu?
Wir sind bundesweit aktiv und sehen in der Technologie großes Potenzial in Deutschland. Die Abwasserinfrastruktur umfasst rund 600.000 Leitungskilometer und ist dafür bislang kaum erschlossen. Aktuelle Projekte sind Leuchttürme und finden fast ausschließlich im Neubau statt. Um das Projekt im Kölner Quartier umsetzen zu können, haben wir Mittel aus der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze erhalten. Diese decken circa 40 Prozent der Investitionskosten.

Wie viele solcher Projekte begleiten Sie bei Naturstrom?
Bislang sind es noch wenige, ohne Zahlen zu nennen. Aber Quartierslösungen, die lokale Ökostromerzeugung, Wärmebereitstellung und E-Mobilitätsinfrastruktur zusammenbringen, sind Teil unseres Portfolios. Also prüfen wir die jeweilige Situation vor Ort und machen dem Projektträger dann passende Vorschläge. Dazu kann auch die Nutzung von Abwasserwärme gehören.

"Die Nutzung von Abwasserwärme sollte standardisiert geprüft werden."

Was würden Sie sich wünschen?
Wünschen würden wir uns, dass die Nutzung von Abwasserwärme im urbanen Raum standardisiert geprüft wird. Und dass sich die Abwasserbetriebe dem Thema noch systematischer widmen. Wärmetauscher werden zum Beispiel meist noch von den Energielieferanten installiert. Sinnvoll wäre doch, wenn die Abwasserbetriebe diese von vornherein mit einbauen würden. Sie kennen ihre Kanäle am besten und könnten die Wärme einfach den anliegenden Gebäuden verkaufen – und wir würden damit Wärmepumpen betreiben. Zudem hoffen wir, dass in Zukunft mehr Bestandsprojekte auf diese Technologie setzen werden. Denn auch hier sehen wir viel Potenzial.

Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Daniel Zugehör. Es erschien auch in der aktuellen ZfK-Print- und E-Paper-Ausgabe. Das Titelthema im Oktober lautet: "Intensivpatient Strommarkt" – Deutschland operiert am offenen Herzen und Minister Habeck hat Mut zu Experimenten.

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