Von Lucas Maier
Wortwörtlich auf den letzten Metern befindet sich das Geothermie-Projekt der Stadtwerke Prenzlau. Mitten in der brandenburgischen Kommune unweit eines Altenheims erreichte der Bohrkopf vor wenigen Tagen die gewünschte Gesteinsschicht in 983 Metern Tiefe.
"Wir sind angekommen, wo wir hinwollen", sagte Stadtwerke-Chef Harald Jahnke im Gespräch mit der ZfK. Zum Abschluss des Meilensteins ist das Interesse an dem Millionenprojekt besonders groß. Ob Vertreter von mecklenburgischen Energieunternehmen, eine Delegation aus dem Wohnungsbausektor oder der Wirtschaftsminister des Landes Brandenburg, Daniel Keller (SPD): Alle wollen die Baustelle besichtigen, bevor der Bohrturm abgebaut wird.
Stadtwerk erreicht Urmeer in rund einem Kilometer Tiefe
Ab dem Jahr 2027 soll aus dem Bohrloch rund 44 Grad Celsius warmes Thermalwasser gefördert werden. Über Wärmetauscher soll die Wärme am Ende im Fernwärmenetz landen. Dafür muss das Wasser über mehrere Wärmepumpen auf 80 Grad Celsius erhitzt werden. Der Strom für die Pumpen soll aus erneuerbaren Energien kommen. Nach Jahnkes Einschätzung stehen zwei Windkraftprojekte des Stadtwerks kurz vor der Genehmigung.
Mit einer Machbarkeitsstudie startete das Geothermieprojekt im Jahr 2022. Der Wärmebedarf könne laut der Studie durch die Geothermie zu 64 Prozent abgedeckt werden. Wie viel Wärme am Ende in Prenzlau durch die Geothermie erzeugt werden kann, wird ein Testlauf im Dezember zeigen. Davon wird auch die Planung der oberirdischen Anlage inklusive der Wärmepumpen abhängen. 130 Kubikmeter Thermalwasser pro Stunde sollen laut der Machbarkeitsstudie förderbar sein. Ersten Schätzungen der technischen Leitung zufolge scheint sich das auch zu bewahrheiten. Insgesamt soll die Anlage eine Leistung von 4,5 Megawatt haben.
Eckdaten der Anlage:
- Förderleistung: 130 Kubikmeter pro Stunde
- Leistung: 4,5 Megawatt
- Geschätzte Betriebsdauer: 50 Jahre
- Betriebsstart: 2027
- Temperatur des Thermalwassers: 44 Grad Celsius

Im nächsten Schritt wird in Prenzlau ein Filter in den Sandstein eingesetzt. Dieser soll das Wasser vorfiltern, bevor es an die Oberfläche gepumpt wird. Bei geothermischen Anlagen gelten hohe Sicherheitsstandards, da das Thermalwasser aufgrund seines hohen Salzgehalts eine Gefahr für das Grundwasser darstellt. Ein Stickstoffkissen, das vom Bohrkern bis knapp unter die Austrittsstelle reicht, wird beispielsweise als Lecküberwachung dienen.
Über Wärmetauscher wird die Energie aus dem Thermalwasser übertragen, dabei kühlt das Wasser auf rund 15 Grad Celsius ab. Das kalte Wasser wird dann wieder zurück in die rund einen Kilometer tief gelegene, hochverdichtete Sandsteinschicht geleitet. Hierfür kann eine alte Bohrung aus DDR-Zeiten genutzt werden.
Vorarbeit aus der DDR
Als Deutschland geteilt war, führten Behörden in Ostdeutschland großflächige, geologische Erschließungen zur Nutzung von Geothermie durch. In Prenzlau wurde in den 1980er-Jahren bereits eine Geothermieanlage in Betrieb genommen. Nach wenigen Betriebsjahren wurde diese aufgrund von hoher Störanfälligkeit jedoch stillgelegt. "Heute machen wir eigentlich das Gleiche wie damals – nur mit weitaus besseren Materialien", sagte Jahnke.
Geothermische Erkundungsdaten und Daten einer Forschungsbohrung aus dem Jahr 1994 nahmen zudem Risiko aus dem Bauvorhaben in Prenzlau. "Nach der Wende ist die Geothermie eingeschlafen – das Gas war einfach billiger", erinnerte Jahnke. "Aber wir konnten in den 1990er-Jahren eine 3000 Meter tiefe Forschungsbohrung umsetzen."

Stadtwerke-Chef: "Die haben gewartet, bis es quasi brennt"
Die neue Bohrung sei "richtig schön gelaufen", freut sich Jahnke. An die verschiedenen Genehmigungsverfahren erinnert er sich hingegen ungern. "Der ganze Genehmigungsprozess war belastend." Ein Grund sei die schlechte Kommunikation zwischen den zuständigen Wasserämtern und dem federführenden Bergbauamt gewesen. Genehmigungen seien immer erst kurz vor knapp gekommen. "Die Behörden waren schlichtweg überfordert. Die haben gewartet, bis es quasi brennt", sagte Jahnke.
Zwar seien bisher immer alle Genehmigungen erfolgt: In einem Fall jedoch so spät, dass die Prenzlauer Stadtwerke in Vorleistung gehen mussten. "Das war ein Risiko von fünf Millionen Euro, aber wir mussten das Material beschaffen. Sonst hätten wir nicht starten können." Auch der auf Geothermie spezialisierte Bohrturm war nur in einem Zeitfenster von wenigen Wochen verfügbar.
Kosten des Projekts
Für das Wärmeprojekt erhielten die Stadtwerke Prenzlau einen Zuschuss von etwas über acht Millionen Euro. Das Geld wurde im Rahmen der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) bewilligt. Die Förderzusage übergab der damalige Staatssekretär des Wirtschaftsministeriums, Michael Kellner.
Projektkosten im Überblick:
- Kosten Geothermieanlage: 12,1 Millionen Euro
- Kosten Netzzusammenführung: 8,6 Millionen Euro
- Kosten insgesamt: 20,7 Millionen Euro
- BEW-Förderung: 8,3 Millionen Euro
"Ein tolles Projekt, das ich seit Jahren begleite. Ich freue mich, dass es Realität wird", sagte Kellner, der heute energiepolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen ist. "Fossiles Gas wird durch klimafreundliche Erdwärme ersetzt. Die Preise bleiben auch stabil und wir sind nicht mehr abhängig von Gaslieferungen. Prenzlau zeigt, wie die Energiewende gelingt." Insgesamt werden in das Projekt rund 20,7 Millionen Euro fließen. Etwas über 8,5 Millionen Euro entfallen dabei auf die Zusammenführung der drei Teilnetze in Prenzlau – ohne diese könnte die Anlage nicht wirtschaftlich betrieben werden.

Geothermie trifft auf breite Zustimmung in Prenzlau
In der Bevölkerung kommt das Geothermie-Projekt gut an, sagte Jahnke. "Geothermie ist unpolitisch." Für die einen sei es eine klimafreundliche Alternative, für die anderen ein Produkt aus der Heimat, und wieder anderen sei es wichtig, unabhängig von Russland zu sein – Argumente würden sich in jedem politischen Lager finden.
Anders als in anderen Kommunen gibt es in Prenzlau keinen Anschlusszwang an das Fernwärmenetz. Derzeit hätten sie rund 3700 Gebäude mit Fernwärmeanschluss in Prenzlau, mit dem neuen Projekt sollen es 5500 werden, sagte Jahnke. Das entspricht mehr als 50 Prozent der Gebäude. "Das Schöne ist, die kommen alle freiwillig, bei uns wird niemand gezwungen."
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Ausschlaggebend für den Start des Geothermie-Projekts war damals die CO₂-Bepreisung von fossilen Energieträgern. "Durch den Einsatz von Geothermie werden wir unsere Wärmepreise stabil halten können", stellte Jahnke in Aussicht. Momentan wird die Fernwärme in Prenzlau durch eine Mischung von Blockheizkraftwerk, Abwärmeverwendung, Gas und Biogas erzeugt. Man habe in Prenzlau frühzeitig den Dialog mit den Bürgern gesucht. Dabei wurde auch frühzeitig über die zukünftige Preisgestaltung gesprochen. Pro Kilowattstunde soll sich der zukünftige Fernwärmepreis auf ungefähr 14 Cent einpendeln, so Jahnke. "Die Menschen müssen auch planen können."



