Von Julian Korb
Die Wärmewende ist kein Selbstläufer – und sie steht an einem kritischen Punkt. Das zeigte die Deutsche Wärmekonferenz 2025 am Mittwoch in Berlin eindrücklich. Während Versorger, Handwerk und Verbände auf Orientierung aus Berlin warten, plant das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) weiterhin eine zügige Reform des Gebäudeenergiegesetzes (GEG). Abteilungsleiterin Stephanie von Ahlefeldt, im Ministerium zuständig für Wärme und Wasserstoff, machte deutlich, dass die bisherige Gesetzgebung die Realität vieler Akteure verfehlt hat.
"Die Wärmewende wurde von der Vorgängerregierung nicht genügend durchdacht", sagte die Beamtin unter Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) im Panel "Klimaschutz im Heizungskeller". Die Erfahrungen des vergangenen Jahres zeigten, dass politische Steuerung, Förderpolitik und Marktmechanismen bislang zu wenig verzahnt sind. "Wenn Sie Engpässe im Stromverteilnetz haben, wollen Sie nicht viele Wärmepumpen jetzt und gleich", warnte sie. Das Stromsystem sei nicht so günstig und leistungsfähig, wie ursprünglich angenommen. "Da muss man hinterfragen, ob das stimmt." Diese Neubewertung bilde die Grundlage für die nun geplante Überarbeitung des GEG.
Eckpunkte für GEG-Reform bis Jahresende
Laut von Ahlefeldt sollen Eckpunkte für die Reform bis Ende 2025 vorliegen. "Mein Ziel ist, mindestens bis Ende des Jahres Eckpunkte vorzulegen. Ich hoffe, dass mir da alle folgen." Im Fokus stehe eine größere Offenheit für verschiedene Technologien und Energieträger. Das bisherige GEG, so die Reiche-Beamtin, diskriminiere Energieträger wie Biomethan und berücksichtige dezentrale Lösungen zu wenig. "Die Ampel hat keine Biomassestrategie geleistet. Natürlich muss das Potenzial hinterfragt werden, aber dazu gibt es keine Blaupause – wir fangen von vorne an."
Ein weiteres Ziel: mehr Marktmechanismen, weniger Ordnungsrecht. Dabei soll das zweite europäische Emissionshandelssystem (EU-ETS 2), das 2027 starten soll, eine zentrale Rolle einnehmen. "Im Wärmemarkt wäre mir ein ETS-Preis viel lieber als Ordnungsrecht, weil es Entscheidungsfreiheit offen hält." Der ETS 2 soll ihrer Ansicht nach zur zentralen Steuerungsgröße werden – allerdings mit sozialem Ausgleich: "Am liebsten wäre mir der direkte Rückfluss per Klimageld."
Systemoffenheit statt Technologiezwang
Mit dieser Linie traf von Ahlefeldt den Nerv der Konferenzteilnehmer. Wettbewerb der Systeme statt technologischer Festlegung war ein wiederkehrendes Motiv. Hendrik Schmitz von der Monopolkommission betonte, dass die kommunale Wärmeplanung nur dann akzeptiert werde, wenn sie den Wettbewerb offenlasse: "Die Wärmeplanung muss unverbindlich sein und den freien Wettbewerb zulassen." Nutzungszwänge für bestimmte Technologien lehne man ab, so Schmitz: "Dann haben wir keinen Systemwettbewerb mehr."
Auch Timm Kehler, Vorstand des Verbandes "Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft", kritisierte das aktuelle sogenannte Heizungsgesetz als einseitig: "Das GEG schafft nicht die Voraussetzungen, um Moleküle und Elektronen gleichermaßen in die Haushalte zu bringen." Als Beispiel nannte er die Pflichtberatung der Handwerker, die "nur auf die Risiken der Gas-Seite" ziele, aber nicht "auf die Risiken anderer Technologien" hinweise. Besonders bei Biomethan drohe zudem ein Rückschritt, da neue Nachhaltigkeitskriterien Investitionen erschwerten. Kehler sah Chancen in der Hybridisierung von Gasthermen und im europäischen Biomethanhandel, insbesondere durch Importe aus der Ukraine.
Branche fordert Wettbewerbsgleichheit
Die Forderung nach Wettbewerbsgleichheit zog sich durch alle Panels. Matthias Trunk, Vorstandsmitglied der Berliner Gasag kritisierte, dass das aktuelle GEG kleine und dezentrale Lösungen gegenüber großen Projekten wie Fernwärme benachteilige. "Es braucht eine GEG-Reform, weil es derzeit keine Wettbewerbsgleichheit zwischen kleinen und großen Lösungen gibt." Auch der Ausbau von Geothermie und die Nutzung von Abwärme aus Rechenzentren müssten stärker gefördert werden.
Frank Hehl vom Fachverband Sanitär Heizung Klima NRW sprach von einem massiven Vertrauensverlust bei privaten Investoren. "Die große Verunsicherung kommt aus dem GEG und der Wärmeplanung – das ist der Geburtsfehler der Geschichte." Die Hoffnung, einen Anteil der Fernwärme von 40 Prozent zu erreichen, nannte er "Käse". Die Realität sei dezentral. "Die kommunale Wärmeplanung wird zu 80 Prozent dezentrale Lösungen ergeben."
Fernwärme: Zwischen Hoffnung und Kostenfalle
Gleichzeitig wird der Fernwärme eine zentrale Rolle zugeschrieben – vor allem in urbanen Räumen. "50 Prozent in den Städten wird Fernwärme sein", prognostizierte hingegen Trunk von der Gasag. "25 bis 30 Prozent in den Außengebieten sind private Investitionen. Der Rest sind Prüfgebiete." Doch gerade dort drohten hohe Preise. "Bei der Fernwärme haben wir jetzt schon hohe Preise – da ist noch nichts grün."
Stefan Dohler, Präsident des BDEW, unterstrich die wirtschaftlichen Grenzen der Wärmenetze. "Die Wärmenetze sind mit der Wärmelieferverordnung und der AVBFernwärmeV zum heutigen Zeitpunkt nicht finanzierbar." Solange die Kosten für die "Vergrünung" der Fernwärme nicht auf die Verbraucher umgelegt werden könnten, werde die Dekarbonisierung stocken.
Auch Lars Rohwer von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion betonte, dass seine Fraktion keine Anschlusspflichten unterstützen werde. "Wir haben in der vergangenen Wahlperiode gesehen, was Zwang bewirken kann – und das ist kein guter Zwang." Stattdessen müsse ein neues Wärmegesetz "Entscheidungsfreiheit" schaffen. Unter anderem müssten die "aufwändigen Dokumentationspflichten aus dem Paragrafen 71 GEG für Pelletheizungen und andere Lösungen weg." Auch Heizen mit Wasserstoff müsse möglich sein.
ETS II als Schlüsselinstrument – aber mit Risiken
Die Diskussion um das ETS II – den ab 2027 geplanten europäischen Emissionshandel für Gebäude und Verkehr – prägte das zweite Panel. Von Ahlefeldt sah darin einen möglichen Befreiungsschlag. Doch sie warnte auch vor sozialen und marktwirtschaftlichen Nebenwirkungen. "Ich sehe mit Sorge nach Europa, weil dort die Diskussionen beginnen, wie viel beim ETS II verkraftbar ist." Schon das bisherige EU-Emissionshandelssystem ETS I zeige, "dass viele, die davon betroffen sind, keine Möglichkeit haben, Preisaufschläge zu verhindern."
Für Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie (en2x), ist dabei die Preisentwicklung entscheidend für Investitionsentscheidungen. "Wenn ich mich auf einen Pfad beim ETS II verlassen könnte, könnte ich auf der Basis auch bessere Entscheidungen treffen." Ohne gezielte Förderung drohe jedoch, dass "die alten Anlagen einfach weiterlaufen." Er plädierte ebenfalls für mehr Pragmatismus. "Hybridisierung halte ich für einen Schlüssel im Gebäudebestand. Gerade im ländlichen Raum."
Neuer Realismus in der Wärmeplanung
Bei von Ahlefeldt stieß der Wunsch auf offene Ohren, sie schrieb fleißig mit. Das Wirtschaftsministerium dürfte mit der GEG-Reform einen neuen Realismus einführen – weg von technologischem Dogmatismus, hin zu Systemoffenheit und Investitionsfreude. "Unser Ziel ist erreicht, wenn die Menschen wieder Lust haben, in die Wärmewende zu investieren", fasste die Ministerialbeamtin den Ansatz zusammen. Dafür müsse die Politik aber die Rahmenbedingungen so gestalten, dass sich auch ökonomisch tragfähige Lösungen entfalten könnten.
Einige Akteure seien mit Investitionen derzeit schlicht überfordert. Klar sei aber auch: "Wir bekommen mit dem GEG nicht alles weg gefördert." Bis die neuen Eckpunkte des GEG auf dem Tisch liegen, bleibt der Wärmemarkt also wohl im Wartemodus – und die Erwartungen der Branche an das BMWK steigen täglich.
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