EnBW-Personalvorständin Rückert-Hennen begründet die Rückkehr des Unternehmens zur 38-Stunden-Woche, dass die 36-Stunden-Woche nach wirtschaftlichen Problemen 2011 ein Sonderweg war. Nun braucht der Versorger für das Investitionsprogramm mit einem Volumen von 50 Milliarden Euro "jede helfende Hand und jeden klugen Kopf".
Frau Rückert-Hennen, Sie sagen, heute zählt bei EnBW jede Arbeitsstunde. Was macht das Thema Arbeitszeit aktuell so herausfordernd – für das Unternehmen, aber auch für die Beschäftigten?
Die EnBW ist auf Wachstumskurs. Bis 2030 planen wir Investitionen von bis zu 50 Milliarden Euro – in erneuerbare Energien, wasserstofffähige Gaskraftwerke, in den Ausbau der Netzinfrastruktur oder die Elektromobilität und moderne Speichertechnologien. Das ist nicht nur das größte Investitionsprogramm in der Geschichte unseres Unternehmens, sondern auch eine echte Herausforderung in der Umsetzung. Dafür brauchen wir jede helfende Hand und jeden klugen Kopf.
Gleichzeitig stehen wir vor einer demografischen Herausforderung: In den kommenden Jahren werden viele erfahrene Kolleginnen und Kollegen altersbedingt aus dem Unternehmen ausscheiden. Auch hier hilft uns die Rückkehr zur früheren Regelung.
Das wichtigste Signal ist aber: Während viele Unternehmen derzeit Personal abbauen oder ins Ausland verlagern, brauchen wir unsere Mitarbeitenden mehr denn je. Unsere Mitarbeitenden arbeiten somit nicht nur in einer zukunftssicheren Branche – sie gestalten mit ihrer Arbeit aktiv die Energiezukunft und erzielen dabei echten Impact.
Was waren im Jahr 2011 die ausschlaggebenden Gründe für Ihren Sonderweg in der Arbeitszeitgestaltung?
Die EnBW war 2011 wirtschaftlich stark angeschlagen. In dieser Situation wurde gemeinsam mit Ver.di und dem Betriebsrat ein Paket geschnürt, um die wirtschaftliche Situation zu verbessern und gleichzeitig aber auch Arbeitsplätze zu schützen. Dazu wurde die Wochenarbeitszeit vorübergehend von 38 auf 36 Stunden reduziert, anstatt eine bereits vereinbarte Tariferhöhung umzusetzen. Dadurch leisteten die Mitarbeitenden einen finanziellen Beitrag, um das Unternehmen in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu unterstützen.
Viele Fachleute betonen, dass ausreichend Erholungszeit die Motivation und damit die Produktivität steigert. Sie setzen ebenfalls auf Produktivitätszuwachs – wie bringen Sie diese Ansätze zusammen?
Vorweg: Die 38-Stunden-Woche ist absolut branchenüblich. Wichtig ist mir dabei zu betonen: Wir setzen nicht einfach auf einen Produktivitätszuwachs im Sinne von "mehr leisten in der gleichen Zeit". Vielmehr erhöhen wir die Wochenarbeitszeit und passen gleichzeitig die Löhne an, wodurch wir uns wieder im Tarifgefüge der Branche in Baden-Württemberg befinden. Und wir gehen noch einen Schritt weiter, indem wir einen Kündigungsschutz bis 2030 vereinbart haben. Dieser ist ein wichtiges Signal an unsere Mitarbeitenden – gerade in Zeiten von geopolitischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten.
Wie hat die Belegschaft auf die Arbeitszeiterhöhung reagiert?
Die Mehrheit unserer Mitarbeitenden hat die Entscheidung mit Wohlwollen aufgenommen. Gleichzeitig wissen wir, dass die Erhöhung der Wochenarbeitszeit für einige Mitarbeitende eine Herausforderung darstellt. In diesen Fällen suchen wir gemeinsam nach Lösungen – etwa durch Teilzeitmodelle.
Dann bleiben individuelle Teilzeitangebote im gleichen Maße wie bisher bestehen?
Ja, individuelle Teilzeitmodelle sind bei uns im Unternehmen möglich. Wenn jemand seine Stunden anpassen möchte – egal ob nach oben oder unten – sind wir als Unternehmen in der Regel flexibel. Uns ist wichtig, dass die Arbeitszeit auch vereinbar ist, zum Beispiel mit der Care-Arbeit, die viele Mitarbeitenden leisten.
Gab es interne Befragungen dazu, ob Beschäftigte eher mehr Freizeit oder ein höheres Gehalt bevorzugen?
Nein, eine solche Befragung hat es nicht gegeben. Die 36-Stunden-Woche war ein Sonderweg. Unser Ziel war immer, in das in Baden-Württemberg für die private Energiewirtschaft übliche Tarifgefüge zurückzukehren, sobald das wirtschaftlich sinnvoll ist.
Tragen auch die betrieblichen Sozialpartner den neuen Weg mit? Wie verlief die Zusammenarbeit bei der Umsetzung?
Wir sind unseren Sozialpartnern dankbar, dass sie den gemeinsam eingeschlagenen Sonderweg in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten mitgetragen haben. Ebenso schätzen wir, dass sie nun auch die Rückkehr zur 38-Stunden-Woche konstruktiv begleiten. Die Gespräche waren stets zielgerichtet und lösungsorientiert. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Inwiefern trägt der neue Ansatz dazu bei, dem Fachkräftemangel langfristig wirksam zu begegnen?
Die Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 38 Stunden ermöglicht es uns, das umfassende Know-how unserer Mitarbeitenden noch gezielter und effektiver einzusetzen. Gleichzeitig reduziert sich der Bedarf an neuen Fachkräften – sowohl mittel- als auch langfristig. Die Rückkehr zur 38-Stunden-Woche ist daher ein wichtiger Schritt, um unsere ambitionierte Investitions- und Wachstumsagenda erfolgreich umzusetzen.
Das Interview führte Boris Schlizio.
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Viele Fachleute betonen, dass ausreichend Erholungszeit die Motivation und damit die Produktivität steigert. Sie setzen ebenfalls auf Produktivitätszuwachs – wie bringen Sie diese Ansätze zusammen?
Vorweg: Die 38-Stunden-Woche ist absolut branchenüblich. Wichtig ist mir dabei zu betonen: Wir setzen nicht einfach auf einen Produktivitätszuwachs im Sinne von "mehr leisten in der gleichen Zeit". Vielmehr erhöhen wir die Wochenarbeitszeit und passen gleichzeitig die Löhne an, wodurch wir uns wieder im Tarifgefüge der Branche in Baden-Württemberg befinden. Und wir gehen noch einen Schritt weiter, indem wir einen Kündigungsschutz bis 2030 vereinbart haben. Dieser ist ein wichtiges Signal an unsere Mitarbeitenden – gerade in Zeiten von geopolitischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten.
Wie hat die Belegschaft auf die Arbeitszeiterhöhung reagiert?
Die Mehrheit unserer Mitarbeitenden hat die Entscheidung mit Wohlwollen aufgenommen. Gleichzeitig wissen wir, dass die Erhöhung der Wochenarbeitszeit für einige Mitarbeitende eine Herausforderung darstellt. In diesen Fällen suchen wir gemeinsam nach Lösungen – etwa durch Teilzeitmodelle.
Dann bleiben individuelle Teilzeitangebote im gleichen Maße wie bisher bestehen?
Ja, individuelle Teilzeitmodelle sind bei uns im Unternehmen möglich. Wenn jemand seine Stunden anpassen möchte – egal ob nach oben oder unten – sind wir als Unternehmen in der Regel flexibel. Uns ist wichtig, dass die Arbeitszeit auch vereinbar ist, zum Beispiel mit der Care-Arbeit, die viele Mitarbeitenden leisten.
Gab es interne Befragungen dazu, ob Beschäftigte eher mehr Freizeit oder ein höheres Gehalt bevorzugen?
Nein, eine solche Befragung hat es nicht gegeben. Die 36-Stunden-Woche war ein Sonderweg. Unser Ziel war immer, in das in Baden-Württemberg für die private Energiewirtschaft übliche Tarifgefüge zurückzukehren, sobald das wirtschaftlich sinnvoll ist.
Tragen auch die betrieblichen Sozialpartner den neuen Weg mit? Wie verlief die Zusammenarbeit bei der Umsetzung?
Wir sind unseren Sozialpartnern dankbar, dass sie den gemeinsam eingeschlagenen Sonderweg in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten mitgetragen haben. Ebenso schätzen wir, dass sie nun auch die Rückkehr zur 38-Stunden-Woche konstruktiv begleiten. Die Gespräche waren stets zielgerichtet und lösungsorientiert. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Inwiefern trägt der neue Ansatz dazu bei, dem Fachkräftemangel langfristig wirksam zu begegnen?
Die Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 38 Stunden ermöglicht es uns, das umfassende Know-how unserer Mitarbeitenden noch gezielter und effektiver einzusetzen. Gleichzeitig reduziert sich der Bedarf an neuen Fachkräften – sowohl mittel- als auch langfristig. Die Rückkehr zur 38-Stunden-Woche ist daher ein wichtiger Schritt, um unsere ambitionierte Investitions- und Wachstumsagenda erfolgreich umzusetzen.
Das Interview führte Boris Schlizio.
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