Im Rahmen eines Pilotprojekts schafften die Stadtwerke Kelheim die Basis für ein umfassendes Betriebliches Gesundheitsmanagement und verbesserten wichtige Rahmenbedingungen. Als Stadtwerk mit derzeit 54 Arbeitnehmer:innen suchten sie dabei gezielt extern nach Input.
Nach drei Jahren Projektarbeit und organisatorischen Anpassungen im Betrieb erhielten sie nun eine Auszeichnung für ganzheitliches Gesundheitsmanagement: EUPD Research würdigt den bayerischen Energie- und Wasserversorger mit dem Qualitätssiegel "Gesunder Arbeitgeber“, als Organisation, "die über einzelne Gesundheitsmaßnahmen hinausdenkt und ein ganzheitliches Konzept etabliert".
EUPD Research ist ein Marktforschungs-, Analyse- und Zertifizierungsunternehmen im gesamten Nachhaltigkeitssektor und seit über 24 Jahren national und global tätig.

Martina Bretl, die bei den Stadtwerken das Personalmanagement verantwortet, beschreibt die Zielsetzung des Projekts: "Nach Corona war für uns klar, dass wir beim Thema Gesundheit gesamtheitlicher denken müssen und uns dabei auf wesentliche Felder stärker konzentrieren sollten. Ein Schwerpunkt pro Jahr oder pro Phase ist für die Mitarbeitenden greifbarer." Angebote wie Obstkörbe oder Yogastunden seien hingegen "halbherzig angenommen" worden. Besonders stolz sei man darauf, das neue Konzept "als kleines Stadtwerk mit relativ wenigen Mitteln" umgesetzt zu haben.
Auch wenn es im Energieversorger-Alltag ohnehin schon viele arbeitsmedizinische Untersuchungen und Vorsorgen gibt, wollte Bretl wissen, was der aktuelle wissenschaftliche Stand im Bereich Gesundheit am Arbeitsplatz ist und welche neuen Konzepte existieren. Deshalb nahm sie an einer regionalen Veranstaltungsreihe zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement teil. Dort lernte sie Fördermöglichkeiten, Krankenkassenkooperationen sowie Best Practices anderer Mittelständler kennen.
Nach Corona war für uns klar, dass wir beim Thema Gesundheit gesamtheitlicher denken müssen.
Der Austausch mit Unternehmen ähnlicher Größe sei "Gold wert" gewesen, beschreibt sie – und daraus sei ein Netzwerk entstanden, das bis heute besteht. Die Stadtwerke tauschen sich darüber weiterhin regelmäßig zu Gesundheitsthemen aus. Mittlerweile gibt sie ihre Erfahrungen auch in Fachvorträgen weiter.
Professionelle Gefährdungsbeurteilung
Über dieses Netzwerk entstand auch der Kontakt zu einem regionalen Beratungsnternehmen, das auf Gesundheitsmanagement spezialisiert ist. Zusammen wurde dann genau geschaut, wo in der Belegschaft konkrete Bedarfe bestehen, so Bretl. Dazu gehörte unter anderem eine umfassende psychische Gefährdungsbeurteilung. Zuvor war dieser Prozess eher pragmatisch gestaltet: Man setzte sich mit Betriebspartnern zusammen und prüfte, ob es an bestimmten Stellen Schwierigkeiten gab.
Unsere Monteure sahen bei der Dienstkleidung Verbesserungspotenzial, sodass wir diese wettergerecht angepasst haben. Das sind nur vermeintlich kleine Dinge.
Mit dem Beratungsunternehmen folgte eine professionelle und strukturierte Online-Umfrage für alle Beschäftigten, bei der die relevanten Aspekte zur Beurteilung systematisch anonym abgefragt wurden. "Die Mitarbeitenden wurden in verschiedene Bereiche eingeteilt, da die Themen eines Monteurs im Außendienst sich deutlich von denen einer Kollegin in der Buchhaltung unterscheiden. Jede Gruppe bringt eigene Perspektiven und Herausforderungen mit", erläutert Bretl das Vorgehen.
Kleine Veränderungen mit großer Wirkung
Zentral war die detaillierte Auswertung: "Zum Beispiel sahen unsere Monteure bei der Dienstkleidung Verbesserungspotenzial, sodass wir diese wettergerecht angepasst haben. Das sind vermeintlich kleine Dinge, aber sie tragen sehr dazu bei, dass Mitarbeitende sich im Unternehmen wohlfühlen. Bei den kaufmännischen Bereichen zeigte sich, dass fehlende Vertretungsregelungen zu Unsicherheiten führen können. Um die Abläufe verlässlich zu gestalten, wurden klare Backup-Strukturen eingeführt", erklärt Bretl.
Bei den Monteuren habe sich auch gezeigt, dass die Anforderungen in Zusammenarbeit mit Kundschaft und Bauunternehmen steigen. "Es ist leicht nachvollziehbar, dass Maßnahmen wie Straßenarbeiten heute oft auf ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Erwartungen stoßen."
Anfängliche Vorbehalte bei einigen Teilnehmenden, das ist sicher normal. Am Ende bewertete die Mehrheit die psychologischen Impulse als klaren Mehrwert.
Resilienztraining für alle
Bei allem habe sich ein Begriff immer wieder herauskristallisiert: das Bedürfnis nach Resilienz, also der Fähigkeit, mit Belastungen und Herausforderungen besser umzugehen. Gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen plante Bretl Workshops für die Beschäftigten zu diesem Thema. "Anschließend gab es noch eine Follow-up-Veranstaltung, in dem das Ganze aufgefrischt und konkret auf unseren Alltag als Energieversorger übertragen wurde. Wie kann ich das persönlich umsetzen? Das konnte jeder für sich gestalten. Dabei sind tolle Ideen entstanden", so Bretl. "Anfängliche Vorbehalte bei einigen Teilnehmenden, das ist sicher normal. Am Ende bewertete die Mehrheit die psychologischen Impulse als klaren Mehrwert."
Daneben nahm das Personalmanagement gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen auch Themen wie das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) in einer strukturierten Form unter die Lupe. Das Gesundheitsmanagement der Stadtwerke Kelheim umfasst heute ein breites Spektrum an Angeboten, die auf die unterschiedlichen Lebensphasen und Bedürfnisse der Mitarbeitenden abgestimmt sind. Dazu zählen familienunterstützende Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie Angebote zur Krebsvorsorge. Flexible Arbeitszeiten fördern zusätzlich eine ausgewogene Work-Life-Balance.
Die Mitarbeitenden sollen selbst bestimmen, welches Thema im kommenden Jahr im Mittelpunkt steht.
Neue Onlinebefragung
Bretl möchte sich künftig noch stärker auf ausgewählte Fokusthemen konzentrieren. Worum soll es im nächsten Jahr gehen? Um das herauszufinden, setzt sie wieder auf die bewährte strukturierte Online-Befragung: "Die Mitarbeitenden sollen selbstbestimmen, welches Thema im kommenden Jahr im Mittelpunkt steht – da setzen wir bewusst auf Offenheit und Mitgestaltung."
Laut Bretl erfolgte die Zertifizierung als "Gesunder Arbeitgeber" nach der Pilotphase zügig. Grundlage war zunächst der Nachweis, dass die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt sind – etwa Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) und Gefährdungsbeurteilungen. Darüber hinaus ging es um die Strukturen im Unternehmen: Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz, Einbindung externer Dienstleister sowie die Organisation des BEM. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den Leistungsangeboten der Betrieblichen Gesundheitsförderung: Ergonomie am Arbeitsplatz, medizinische Versorgung, psychische Gesundheit und Suchtprävention. Für Letzteres erstellten sie eine Betriebsvereinbarung mit klar definierten Eskalationsstufen.
Familienangehörige willkommen
Abschließend betont Bretl: "Gesundheitsmanagement bedeutet vor allem, dass sich Mitarbeitende gehört fühlen und sich im Unternehmen wohlfühlen– idealerweise alle 54." Dafür seien auch gemeinsame positive Begegnungen wichtig: So organisiert das Stadtwerk ein Sommerfest auf dem Betriebsgelände, zu dem auch Partner und Kinder eingeladen sind, die oft im Hintergrund im Alltag unterstützen.
Betriebliches Gesundheitsmanagement lebt von einer Kultur der gemeinsamen Verantwortung für das Wohlbefinden aller Mitarbeitenden.
Am Faschingsdienstag gibt es traditionell Krapfen für alle, und einmal im Jahr steht ein Betriebsausflug auf dem Programm – in diesem Jahr ging es zum Wandern. Auch die Weihnachtsfeier ist bereits geplant, sie beginnt mit einem Glühweinempfang und endet mit einem gemeinsamen Essen. Damit zeigt sich: Betriebliches Gesundheitsmanagement ist weit mehr als gesetzliche Vorgaben – es lebt von einer Kultur der Wertschätzung, Beteiligung und gemeinsamer Verantwortung für das Wohlbefinden aller Mitarbeitenden.
Sabine Melbig, Geschäftsführerin der Stadtwerke Kelheim, betont: "Gesundheit ist kein Luxus, sondern Grundlage für nachhaltigen Erfolg. Als Arbeitgeber tragen wir Verantwortung für das Wohlbefinden unserer Mitarbeitenden – körperlich, mental und sozial. Deshalb investieren wir gezielt in gesundheitsfördernde Strukturen, flexible Arbeitsmodelle und eine wertschätzende Unternehmenskultur. Ein gesunder Arbeitsplatz entsteht durch einen fortlaufenden Prozess, den wir aktiv und mit Blick auf die Zukunft gestalten."
Mehr aus dem ZfK-Archiv zum Thema:
Was die Wiener Stadtwerke bei psychischer Belastung anders machen.
Wenn der Arbeitgeber die private Gesundheitsvorsorge bezahlt.




