Die Plakate der Bogestra-Kampagne sind in den Fahrzeugen der Campus-Linie U35 im Ein- und Ausgangsbereich an exklusiven Plätzen angebracht, sodass sie den Studierenden direkt ins Auge fallen.

Die Plakate der Bogestra-Kampagne sind in den Fahrzeugen der Campus-Linie U35 im Ein- und Ausgangsbereich an exklusiven Plätzen angebracht, sodass sie den Studierenden direkt ins Auge fallen.

Bild: © Bogestra

Von Boris Schlizio

Das Statistische Bundesamt hat erstmals eine Abbrecherquote berechnet: Mehr als jede zehnte Person (elf Prozent) der insgesamt 422.700 Studierenden, die 2019 erstmals ein grundständiges Studium an einer deutschen Hochschule aufgenommen haben, brach es innerhalb der ersten drei Semester ab.

Zum Beispiel: Alexandra, 27, studierte vier Jahre lang Stadtplanung im Fachbereich Architektur. Dann stellte sie fest, dass ihr die praktische Arbeit fehlte, und sie begann stattdessen eine Ausbildung zur Mechatronikerin bei Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen (Bogestra). Das kommunale Nahverkehrsunternehmen ist in Bochum, Gelsenkirchen und weiteren Städten des mittleren Ruhrgebiets unterwegs. Aktuell befindet sich Alexandra im ersten Ausbildungsjahr. Sie sagt, sie schätze besonders den respektvollen Umgang und, dass sie nun einen Beruf erlernt, "der ihr wirklich Spaß macht".

Für die Bogestra sind Studienabbrecher*innen wie Alexandra eine wichtige Zielgruppe für die Personalakquise. In den kommenden Jahren gehen insbesondere im Fahrdienst und in den technischen Bereichen viele Beschäftigte in den Ruhestand.

Studienbeginn oft überstürzt

"Wir erleben, dass häufig suggeriert wird, dass man nach der Schule unbedingt ein Studium beginnen soll. Oft wird nicht bis zum Ende durchdacht, was man mit dem erlangten Abschluss später konkret anfangen kann. Oder es wird während des Studiums festgestellt, dass bei der ganzen Theorie die Praxis fehlt“, meint Kirsten Schröder aus dem Bereich Recruiting und Employer Branding der Bogestra.

Gemeinsam mit Tom Schleypen, verantwortlich für Ausbildungsrecruiting und Ausbildungsmarketing, ist sie für eine provokante Plakataktion im ÖPNV zuständig, die "bei den Fahrgästen für Gesprächsstoff sorgt und Interesse weckt", so Schleypen.

Schon seit rund einem Jahr gibt es Plakate mit Schriftzügen wie diesen: "Null Bock auf Studium?" oder "Du studierst Elektrotechnik, aber so richtig viel Spannung kommt bei dir nicht auf? Bei uns ist die Spannung zum Greifen nah." Und Hinweise zur Ausbildung im Bereich Elektrotechnik gibt es gleich mit dazu.

Nah an der Zielgruppe 

Die Campus-Linie U35 sorgt für eine gute Vernetzung der Städte Bochum und Herne – und bietet eine gute Anbindung an die Ruhr-Universität Bochum. Die Plakate sind unübersehbar im Ein- und Ausgangsbereich der Fahrzeuge angebracht. 

"Wir erreichen damit auch diejenigen, die ihr Studium noch nicht abgebrochen haben, aber latent unzufrieden sind und möglicherweise einen letzten Anstoß für eine Umorientierung benötigen", meint Schröder.

Die Plakate wurden in Zusammenarbeit mit der eigenen Mediengestaltung und Großformatdruckerei der Bogestra erstellt. Die auffälligen Schriftzüge verfasste die unternehmensinterne Marketingabteilung selbst. Und solche Werbung zieht Aufmerksamkeit auf sich.

"Bei der Frage, wie sie auf uns aufmerksam geworden sind, gaben rund sechs Prozent der Bewerber*innen an, dass dies über Werbung auf oder in den Fahrzeugen passiert sei", verrät Schleypen. Auch die Homepage des Unternehmens werde gut frequentiert.

Breites Jobangebot

Wer sich für einen Studienabbruch entscheidet, für den gibt es eine breite Palette an Jobmöglichkeiten – "auch wenn man im ersten Moment vorwiegend die Bus- und Straßenbahnfahrer*innen vor Augen hat, die es zweifelsohne braucht, um den Verkehr am Laufen zu halten", sagt Schröder.

Zum ÖPNV gehören jedoch Menschen in den verschiedensten Berufen mit unterschiedlichen Aufgaben im Hintergrund, wie beispielsweise Kfz-Mechatroniker*innen mit dem Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik, Fahrzeuglackierer*innen, Fachinformatiker*innen für Systemintegration oder auch Kaufleute für Büromanagement.

Besonders reizvoll für die Wechselnden sind vor allem die guten Übernahmeoptionen der Bogestra.

Auch integriertes Studium

"Vielfach hören wir eben als Begründung für den Studienabbruch, dass die Inhalte an der Uni viel zu theoretisch seien und die praktischen Anteile fehlen", meint Schröder. Und das komme dann bei den Verkehrsbetrieben trotz der theoretischen Ausbildungsinhalte "ganz sicher nicht zu kurz".

Wer Praxis möchte, aber das Studium nicht komplett aufgeben will, für den gibt es die "Kooperative Ingenieurausbildung" (KIA). Schleypen erklärt: "In unseren dualen KIA-Studiengängen haben schon viele junge Leute die perfekte Mischung für sich gefunden. Dabei wird die Berufsausbildungen Industriemechaniker*in oder Elektroniker*in für Betriebstechnik mit dem Studium in Maschinenbau oder Elektrotechnik verknüpft."

Im Anschluss an diesen Bildungsgang kann der Einsatz beispielsweise in der Planung von Infrastrukturanlagen – etwa im Bereich Gleistechnik, Weichenanlagen oder Fahrleitungen – attraktiv sein.

Fachkräftemangel alarmiert den VDV

Auch Lisa Gadomski, Fachbereichsleiterin für das Thema Arbeit & Bildung beim Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), sieht großes Potenzial in Studienabbrecher*innen: "Es gibt viele Gründe, warum sich junge Menschen für einen Abbruch ihres Studiums entscheiden. Das ist oft eine Kombination aus persönlichen, finanziellen oder akademischen Faktoren." Dann blieben viele Fähigkeiten ungenutzt, die in der Praxis sehr gefragt sind.

"Den größten Bedarf in der Branche haben wir vor allem im Fahrpersonal und finden immer weniger qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber für diese Jobs. Zudem fehlen uns händeringend qualifizierte Fachkräfte im gewerblich-technischen Bereich – sei es in den Werkstätten oder auch für die Infrastruktur. Das hemmt nicht nur den Angebotsausbau, sondern verschärft auch die Herausforderung, das bestehende Angebot verlässlich aufrechtzuerhalten", führt Gadomski weiter aus.

Was sie immer wieder bei Studienabbrecher*innen beobachtet: praktische Erfahrungen, eine hohe Lernbereitschaft und oft auch "frische Perspektiven, die für das Unternehmen von Vorteil sein können".

Integration als Führungsaufgabe

Dennoch ist es ein ungewöhnlicher Karriereweg. Daher sei die Schaffung eines unterstützenden und integrativen Arbeitsumfelds umso wichtiger, was beispielsweise durch die Einführung von Mentoren- oder Buddy-Programmen gelinge.

"Die Integration in die Stammbelegschaft ist eine klare Führungsaufgabe. Durch offene und transparente Kommunikation kann ein Umfeld geschaffen werden, in dem Fragen und Anregungen willkommen sind, Barrieren abgebaut und das Vertrauen zwischen neuen Mitarbeiter*innen und der bestehenden Belegschaft gestärkt werden kann", ist sich Gadomski sicher.

Regionale Beratungsangebote

Auch Silke Richter, Abteilungsleiterin Berufliche Bildung und Fachkräfte bei der IHK in Hannover, hat gute Erfahrungen mit der Vermittlung von Studienabbrecher*innen gemacht: "Wenn Studienaussteigerinnen und -aussteiger eine Ausbildung beginnen, zeigen sie in der Regel ein großes Engagement, da ihnen eine Chance auf eine praxisbezogene berufliche Alternative durch das Unternehmen geboten wird. Das ist eine Win-win-Situation für beide Seiten." Zudem seien sie oft kurzfristig verfügbar und schnell einsetzbar.

Initiiert von der Wirtschaftsförderung Hannover, soll das Projekt "Umsteigen statt Aussteigen" in der Region das oft vorhandene Stigma des Studienabbruchs als Scheitern aufbrechen. Dazu führt die Organisation jährlich mehrere Hundert Beratungen mit Studierenden durch und ermöglicht ihnen Zugang zu einer Datenbank von Arbeitgeber*innen, die gezielt an Studienabbrecher*innen interessiert sind. Das zahle sich für die Unternehmen aus, so Richter – und ist ein weiteres positives, kommunales Beispiel dafür, dass es durchaus einen Plan B statt Studium gibt.

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