KI-Anwendungen versprechen Effizienzschübe, schüren aber auch Sorgen.

KI-Anwendungen versprechen Effizienzschübe, schüren aber auch Sorgen.

Bild: © Lee/AdobeStock

Künstliche Intelligenz (KI) ist vom Innovationsversprechen zur realen Produktivkraft geworden. Auch im Arbeitsleben hält die Technologie Einzug, stellt durch die Ausführung standardisierter Prozesse Effizienzsteigerungen in Aussicht.

Der rasante Vormarsch schürt auch Sorgen, dass KI strukturelle Verschiebungen anstößt, die den Verlust des eigenen Arbeitsplatzes oder gänzlicher Berufsfelder nach sich ziehen könnten.

Auf Initiative des deutschen Science Media Centers ordnen Wissenschaftlicher das Thema ein.

Tenor: KI kann einzelne Tätigkeiten ersetzen, nicht aber ganze Berufe. Gleichwohl halten die Experten fest: Wer künftig mithalten möchte, wird ohne KI nicht auskommen.

Verschiebung statt Substitution von Aufgaben

Automatisierung ist kein neues Phänomen. In der Industrie übernehmen Maschinen seit Jahrzehnten standardisierte Prozesse. Neu ist, dass KI – insbesondere große Sprachmodelle – wissensintensive, kognitive Tätigkeiten adressiert.

"Der erste Bereich, in dem wir es sehr deutlich spüren können, ist die Programmierung und Softwareentwicklung", sagt Sebastian Findeisen, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Konstanz. Die jüngsten Modellgenerationen seien "extrem mächtig und kompetent, gerade in der Ausführung von komplexen und schwierigen Aufgaben". Der Fortschritt sei rasant.

Doch ersetzt KI ganze Berufe? Die Mehrheit der Arbeitsmarktforschenden verneint.

KI verändert Arbeitsinhalte stärker, als dass sie Arbeitsplätze vollständig ersetzt.

"Künstliche Intelligenz ersetzt einzelne Tätigkeiten, keine ganzen Berufe", betont Ronald Bachmann, Professor und Leiter des Kompetenzbereiches Arbeitsmärkte, Bildung, Bevölkerung beim RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung.

Besonders betroffen seien Jobs mit hohem Textanteil – vom Kundenservice bis zur Beratung. Standardanfragen ließen sich automatisieren, komplexe Interaktionen aber bleiben menschliche Domäne, so Bachmann.

Auch Ulrich Zierahn-Weilage, Professor für Ökonomie und Datenanalyse an der niederländischen Universität Utrecht, sieht vor allem eine Verschiebung von Aufgabenprofilen: "KI verändert Arbeitsinhalte stärker, als dass sie Arbeitsplätze vollständig ersetzt."

Ein Buchhalter etwa delegiere Routineanalysen an Systeme und konzentriere sich stärker auf Bewertung und Beratung. Entscheidend sei die Umgestaltung von Tätigkeiten – nicht deren vollständige Substitution.

KI kann demografischen Druck lindern

KI kann vor allem mit Blick auf den demografischen Druck Abhilfe schaffen – eine Herausforderung, die auch kommunale Unternehmen betrifft. In technischen Berufen, in der IT oder im kaufmännischen Bereich sind Fachkräfte nicht immer greifbar.

"Deutsche Unternehmen werden nicht darum herumkommen, um kompetitiv zu bleiben", beschreibt Findeisen den Einsatz der Technologie. KI habe das Potenzial, "die demografischen Probleme in Deutschland im Prinzip zu lindern".

In Zeiten des Fachkräftemangels und der demografischen Entwicklung kann und muss KI dazu beitragen, die vorhandenen Arbeitskräfte zu entlasten.

Ohne Automatisierung drohten in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren wachsende Engpässe in nahezu allen Sektoren, erklärt er.

Auch Christina Gathmann, Professorin und Leiterin der Abteilung Arbeitsmarkt am Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER), sieht KI als strategisches Instrument: "In Zeiten des Fachkräftemangels und der demografischen Entwicklung kann und muss KI dazu beitragen, die vorhandenen Arbeitskräfte zu entlasten."

Voraussetzung dafür sei jedoch ein produktivitätsorientierter, nicht ein rein kostengetriebener Einsatz, so Gathmann.

Kurzfristige Einsparlogik führe selten zu nachhaltigen Effekten. Laut Gathmann entstehen echte Produktivitätsgewinne durch KI erst, wenn Arbeitsprozesse neu gestaltet und Beschäftigte darauf abgestimmt qualifiziert werden.

Arbeitsmarktzahlen: KI-bedingte Verdrängung?

Differenziert sollten in diesem Zusammenhang auch Zahlen zur Arbeitsmarktentwicklung betrachtet werden, halten die Wissenschaftler fest. Rückläufige Stellenausschreibungen – etwa im IT-Bereich – würden häufig vorschnell als Seismogramm und Beleg für KI-bedingte Verdrängung interpretiert, so das Fazit.

Unternehmen stellen vorsichtshalber weniger ein; Arbeitnehmer:innen meiden bestimmte Berufe.

Findeisen betont aber: "Der Rückgang der Jobausschreibungen für Programmierer:innen ist noch zu einem Großteil auf die allgemeine wirtschaftliche globale Situation zurückzuführen." Gleichwohl schließt er nicht aus, dass sich dies mittelfristig ändern könnte.

Bachmann verweist zudem darauf, dass auch die psychologische Komponente eine Rolle spielt: "Unternehmen stellen vorsichtshalber weniger ein; Arbeitnehmer:innen meiden bestimmte Berufe", erklärt er. Entsprechend könne sich eine solche Erwartungshaltung zur selbsterfüllenden Prophezeiung entwickeln.

Zierahn-Weilage ergänzt: Kurzfristige Trends in Jobportalen belegen keine kausalen KI-Effekte, denn technologische Diffusion brauche Zeit.

Die aktuelle Arbeitsmarktentwicklung sei "stark durch wirtschaftliche Unsicherheit und den konjunkturellen Abschwung geprägt – KI ist hier ein Faktor unter mehreren".

Evolution mit revolutionärem Tempo

Ist die KI-Entwicklung also eine tatsächliche Zäsur oder nur eine weitere Automatisierungswelle?

"Es handelt sich eher um eine Evolution als um eine Revolution des Arbeitsmarkts", sagt Zierahn-Weilage. Er betont, dass neue Technologien zwar Aufgaben verdrängen, zugleich aber neue Tätigkeiten und Branchen geschaffen haben.

Die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung bedarf konstanter Anpassungen.

Gathmann hingegen spricht von einer "disruptiven Revolution" – allerdings mit offenem Ausgang. Neu seien vor allem zwei Aspekte: die Geschwindigkeit der Entwicklung und die Betroffenheit hochqualifizierter Tätigkeiten. "Die Geschwindigkeit bedarf konstanter Anpassungen", betont sie. Das stelle hohe Anforderungen an Weiterbildung und institutionelle Rahmenbedingungen.

Bachmann erwartet keine massiven Jobverluste, wohl aber steigende Flexibilitätsanforderungen: "Arbeitnehmer:innen werden flexibler werden müssen – sowohl in Bezug auf ihre berufliche Mobilität als auch auf ihre erforderlichen Kompetenzen."

"Je vielfältiger ein Beruf, desto sicherer ist er", resümiert Bachmann.

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