Moderne Büroumgebungen gehen von der These aus, dass KI Mitarbeiter von Routinearbeiten entlastet, so dass sie ihr Potenzial entfalten können.

Moderne Büroumgebungen gehen von der These aus, dass KI Mitarbeiter von Routinearbeiten entlastet, so dass sie ihr Potenzial entfalten können.

Bild: @ Gensler

Künstliche Intelligenz (KI) ist weiter auf dem Vormarsch, und das spiegelt sich auch im Design von Arbeitsstätten wider. Laut Experten wird sich die Gestaltung von Büros im Zuge der Technologie grundlegend verändern. Dabei wird der Mensch mehr im Vordergrund stehen – trotz KI.

Offene Raumgestaltung, soziale Interaktionsbereiche und viel Platz – das fasst im Kern zusammen, was das Büro der Zukunft definieren wird. "Decluttering" (entrümpeln) heißt die Idee hinter dem Konzept.

Greg Gallimore ist Leiter Digital Experience Design in dem weltweit tätigen Design- und Architekturbüro Gensler mit Hauptsitz in San FranciscoBild: © Gensler

Greg Gallimore

ist Digital Experience Design Leader im Büro von Gensler in San Francisco und spezialisiert auf die Entwicklung von Erlebnisdesign-Projekten mit Schwerpunkt auf Medien und Technologie. Er verfügt über 25 Jahre Erfahrung in der Umsetzung fortschrittlicher Konzepte für Arbeits-, Freizeit- und Lernumgebungen.

Er erklärt, dass Umgebungen so zu konzipieren und zu gestalten sind, dass sie beständig und vorhersehbar sind. "Ein Büro ist wie ein Aquarium: Je stabiler die Umgebung ist, desto besser funktioniert es und desto länger bleiben die Fische am Leben", erläutert Gallimore. "Wenn wir diesen Gedanken im Zusammenhang mit der menschlichen Erfahrung betrachten, ermöglicht uns eine KI-gestützte Umgebung, zwischen vorhersehbaren Erfahrungen und Momenten der Überraschung und Freude zu wechseln, zwischen Vertrautem und Unbekanntem, zwischen Generischem und Hyper-Personalisiertem."

Es geht darum, Dinge wegzulassen, die uns ablenken, damit wir uns auf das Wesentliche konzentrieren können.

"Die eigentliche Kernprämisse ist nicht, wie man mehr KI in die Arbeitswelt integrieren kann", so Gallimore. "Es geht darum, was KI aus dem Büro herausnimmt, damit wir Ablenkungen, Routinearbeiten und sich wiederholende Aufgaben beseitigen können, um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es geht darum, dass wir kreativ sein und unser Potenzial voll ausschöpfen können."  

Angelehnt ist das Konzept an grundlegende Unternehmensstrategien: Wachstum und Innovation sollen angeregt, Employer Branding und Nachwuchssicherung gefördert werden. Denn insgesamt bewirkt KI vor allem eins: Sie schafft mehr Raum für menschliches Potenzial.

Cafeteria als Innovationsschmiede

Gallimore veranschaulicht die Idee am eigenen Büroumfeld. Da gibt es zunächst den Eingangsbereich mit Rezeption, wo leise Musik gespielt wird, eingerahmt von Monitoren, die Workshops, aktuelle Nachrichten und kulturelle Veranstaltungen in der Umgebung ankündigen.

Gleich daneben befindet sich eine Lounge, die mit Sofas und Sesseln zum Gespräch einlädt. Das Ambiente gleicht einem Café.

Lounge-ähnliche Bereiche stellen menschliche Zusammenarbeit und Innovation in den Vordergrund, damit Gespräche ungestört stattfinden.Bild: @ Gensler

Was kaum auffällt: Oberhalb der Sitzgruppe prangt ein Mikrofon. Dank neuester Technologie werden hier Diskurse eingefangen, einzelnen Sprechern zugeordnet und digital aufbereitet – all das geschieht ganz nebenbei, ohne dass die Teilnehmer den technologischen Begleiter überhaupt wahrnehmen.

Es geht darum, eine stabile, warme und angenehme Umgebung zu schaffen, damit die Menschen ihre beste Arbeit leisten können.

Denn in diesem Bereich sollen die Aspekte menschlicher Zusammenarbeit und Innovation im Vordergrund stehen, Gespräche ungestört stattfinden.

"Der Gedanke der Gemeinschaft und Zusammenarbeit leitet die neuen Konzepte. Kein Unternehmen, keine Branche kann einfach so weitermachen wie bisher und bessere Ergebnisse erwarten", sagt Gallimore. "Es geht darum, eine stabile, warme und angenehme Umgebung zu schaffen, damit die Menschen ihre beste Arbeit leisten können."

Beobachtungen haben gezeigt, dass die wichtigsten Impulsgeber für Innovation und Wachstum innerhalb eines Unternehmens tatsächlich örtlich zu manifestieren sind, so Gallimore, und zwar in der Regel in Bereichen, wo Menschen aus verschiedenen Bereichen ganz ungezwungen beim Essen zusammensaßen und über ihre Projekte sprachen. Zum Beispiel in der Cafeteria.

Vision der menschenorientierten Raumgestaltung

Losgetreten wurde die Welle an neuen Bürodesigns von Technologie-Unternehmen – zunächst, um sich möglichst attraktiv für Nachwuchstalente zu positionieren. Schon vor Jahren buhlten die Unternehmen im Silicon Valley, nur unweit des Gensler-Büros in San Francisco, mit Kickertischen und kostenlosen Snackautomaten um den Ruf, der progressivste Arbeitgeber zu sein. Annehmlichkeiten für die Mitarbeitenden standen im Fokus.

Doch die Prioritäten der Kunden, viele davon aus der Tech-Branche, haben sich verlagert. "Es findet ein Umdenken statt. Die Ausstattung des Arbeitsplatzes soll nun in erster Linie Gemeinschaft und Kreativität fördern. Der Fokus liegt eher auf den Dingen, die wir in unseren zwischenmenschlichen Interaktionen wirklich ausdrücken möchten", betont Gallimore. "Indem wir das schnelle Denken und die Monotonie beseitigen und der KI überlassen, können wir wirklich Raum für langsames Denken, Kreativität und Zusammenarbeit schaffen – sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Gesellschaft insgesamt."

Wenn wir den Menschen an die erste Stelle setzen möchten, müssen wir Neurodiversität akzeptieren. Unterstützt durch fortschrittliche Technologie sorgt dies für reibungslosere Abläufe.

Menschenorientierte Raumgestaltung berücksichtigt auch die Notwendigkeit, individuell möglichst produktiv arbeiten zu können. Es gilt daher auch, Nischen zu schaffen, in denen konzentriertes Arbeiten möglich ist. Sogenannte Team-Pods und Studios werden daher ebenso in die neuen Konzepte integriert wie Ruhezonen und traditionelle Arbeitstische mit gedämpftem Licht. Kurzum: Allen Bedürfnissen wird Sorge getragen.  

"Statt einer Einheitslösung schafft man ein flexibles Arbeitsumfeld, denn als Menschen sind wir nicht alle gleich; unsere Tätigkeiten sind nicht gleich", so Gallimore. "Wenn wir den Menschen an die erste Stelle setzen möchten, müssen wir Neurodiversität akzeptieren. Unterstützt durch fortschrittliche Technologie sorgt dies für reibungslosere Abläufe."

Smarte Büros als Botschafter der Unternehmenskultur

Neben Produktivitätsschüben beim Mitarbeiterstamm erhofft man sich von dem Konzept auch eine entspanntere Umgebung für Bewerber:innen, die zum Vorstellungsgespräch kommen.

"Wer in ein solches Büro kommt, ist sofort viel ruhiger und weniger nervös. Der Vibe stimmt einfach", so Gallimore. "Man bringt sie in eine Umgebung, in der sie das Gefühl haben, ihre beste Arbeit leisten zu können. Wir alle haben nur begrenzte Zeit und Energie und müssen diese sinnvoll nutzen, um das Wachstum des Unternehmens und auch unser eigenes Wachstum voranzutreiben."

Offene Raumgestaltung, soziale Interaktionsbereiche und viel Platz – das fasst im Kern zusammen, was das Büro der Zukunft definieren wird.Bild: @ Gensler

Smarte Raumgestaltung sei daher auch ein wichtiger Faktor im Employer Branding. Gallimore erklärt: "Da sind wir dann wieder bei der Geschäftsstrategie und wie man sich von der Konkurrenz differenzieren kann. Zentrale Fragen dabei sind, ob das eigene Geschäftsmodell nachhaltig und für die Bedürfnisse der Menschen relevant ist."

Ein Blick in die Zukunft

Nach wie vor finden KI-bedingte Veränderungen mit rasanter Geschwindigkeit statt. Wie könnten sich Büros also in den nächsten zehn oder 15 Jahren noch wandeln?

"Vieles davon geschieht schneller, als wir es verarbeiten oder verstehen können. Man muss daher neue Dinge ausprobieren", so Gallimore. "In Zukunft wird es auf jeden Fall komfortabler werden, auch in Bezug darauf, wie Menschen miteinander in Kontakt treten."

Insgesamt ist Gallimore optimistisch, dass im Büro der Zukunft weiterhin der Mensch im Mittelpunkt stehen wird.

"Es ist sehr leicht, eine pessimistische Sicht auf die Zukunft, auf das Unbekannte und den technologischen Wandel einzunehmen. Wenn wir aber eine positive Vision und ein Ziel haben, das wir als Gemeinschaft und als Menschheit erreichen wollen, dann können wir darauf hinarbeiten", sagt er. "Es legt den Grundstein dafür, die Vision einer KI-gestützten Umgebung umzusetzen, die uns mehr, nicht weniger erreichen lässt. Ich bin überzeugt, dass es eine positive Zukunft ist, die wir fördern sollten."

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