Von Midjana Mujkanovic
Die Suche nach qualifizierten Fachkräften gleicht für viele kommunale Unternehmen inzwischen einer Mammutaufgabe. In einem sich schnell wandelnden Arbeitsmarkt, in dem technologische Innovationen, demografischer Wandel und ein steigender Wettbewerb zusammentreffen, stoßen klassische Recruitingstrategien zunehmend an ihre Grenzen. Genau hier setzt ein innovativer Ansatz an, der derzeit immer mehr Aufmerksamkeit erhält: Sellcruiting.
Wie im Vertrieb wird eine Zielgruppe definiert, "Kundenkontakt" aufgebaut und das eigene Unternehmen als attraktives Produkt präsentiert. Ziel ist, nicht nur Stellen zu besetzen, sondern gezielt Talente für sich zu gewinnen – oft, bevor eine Bewerbung vorliegt. Für Stadtwerke ist das eine große Chance: Sie stehen im Wettbewerb mit privaten Versorgern, Start-ups und Großkonzernen, die sich häufig agiler und lauter auf dem Arbeitsmarkt positionieren. Sellcruiting ermöglicht kommunalen Arbeitgebern, sich aktiv in diesen Wettbewerb einzubringen. Wer frühzeitig in diesen Prozess investiert, profitiert nicht nur durch schnellere Besetzungen, sondern auch durch ein positives Arbeitgeberimage.
Aktive Ansprache von Spezialisten
Ein Blick nach Baden-Württemberg zeigt: Auch dort sind die Recruiting-Herausforderungen angekommen. Die Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim (SWLB) setzen bislang auf bewährte Wege: "Zur Gewinnung neuer Mitarbeiter:innen veröffentlichen wir Stellenausschreibungen auf unserer Karrierewebsite, auf Jobportalen wie StepStone und in sozialen Netzwerken", erklärt Vivien Herzog, Personalreferentin der SWLB. In bestimmten Fällen greife man zudem auf externe Dienstleister zurück.
Doch auch die SWLB spüren die zunehmenden Herausforderungen. Fachkräftemangel und die Notwendigkeit, Prozesse effizienter zu gestalten, seien aktuell die größten Themen. Besonders bei Spezialisten- oder Führungspositionen sieht man den Bedarf, von der reaktiven Haltung abzuweichen: "In Einzelfällen sehen wir definitiv die Notwendigkeit, aktiv auf potenzielle Kandidaten zuzugehen", so Herzog. Gerade in solchen Fällen könnten neue Tools wie Active-Sourcing-Plattformen oder KI-gestützte Analysen von Kandidatenprofilen künftig eine größere Rolle spielen.
Klassische Methoden sind effektiv
Trotz knapper Ressourcen gehen die SWLB bereits erste Schritte Richtung aktiverer Positionierung. 2024 wurde die Kampagne "Die Unentbehrlichen" gestartet – ein klares Statement zur Sichtbarkeit des Unternehmens als Arbeitgeber. Zudem waren die SWLB auf Karrieremessen präsent, um mit potenziellen Fachkräften in Kontakt zu treten.
"Klassische Methoden sind für uns nach wie vor effektiv", betont Herzog. Doch sie weiß auch: Eine einfache Stellenanzeige reicht längst nicht mehr aus. Weiterbildung, interne Karrierewege und eine Kultur, die Potenziale fördert, gewinnen an Bedeutung. "Es ist unabdingbar, Fachkräfte durch Weiterentwicklungsmöglichkeiten an die SWLB zu binden." Der Aufbau langfristiger Perspektiven wird dabei ebenso wichtig wie die schnelle Besetzung offener Stellen.
Doch Sellcruiting steht in vielen kommunalen Unternehmen noch am Anfang. Auch bei den SWLB fehlen derzeit die personellen Ressourcen für gezielte Direktansprache. Der Aufbau eines Talentpools oder die aktive Suche über Netzwerke wie Linkedin sind zeitintensiv und erfordern neue Kompetenzen. Oft sind es nicht mangelnde Ideen, sondern schlichtweg fehlende Kapazitäten, die die Umsetzung verzögern.
Sellcruiting bnötigt Kulturwandel
Hier zeigt sich: HR-Teams in Stadtwerken brauchen neue Strukturen, strategisches Denken und Weiterbildung. Sellcruiting ist kein kurzfristiges Projekt, sondern ein Kulturwandel – vom Verwalten zum Gestalten, vom Reagieren zum Agieren.
Der Arbeitsmarkt der Zukunft ist geprägt von Konkurrenz – nicht nur um Kunden, sondern vor allem um Talente. Stadtwerke, die diesen Wettbewerb gewinnen wollen, müssen sich stärker als attraktive Arbeitgeber positionieren. Dazu gehört neben einer klaren Arbeitgebermarke auch die Bereitschaft, neue Wege wie das Sellcruiting zu gehen. Auch wenn es bei den SWLB noch keine umfassende Sellcruiting-Strategie gibt, zeigen Maßnahmen wie Messeauftritte und die "Die Unentbehrlichen"- Kampagne, dass ein Umdenken begonnen hat. Die nächsten Schritte könnten Schulungen, der Aufbau von Active-Sourcing-Kompetenzen und digitale Tools sein.
Auch Kooperationen mit spezialisierten Agenturen könnten eine Übergangslösung darstellen. Sellcruiting bietet Stadtwerken die Möglichkeit, im Rennen um Talente gezielt voranzugehen. Es verlangt jedoch ein Umdenken – weg von der reinen Personalverwaltung hin zu einem Recruiting, das strategisch, agil und dialogorientiert agiert. Wer frühzeitig in diesen Wandel investiert, kann sich nicht nur Fachkräfte sichern, sondern sich auch als moderner Arbeitgeber profilieren – und die Weichen für eine zukunftsfähige Personalstrategie stellen.
Der Beitrag ist zuvor in der Mai-Ausgabe der ZfK erschienen. Zum Abo geht es hier.




