Dirk Wernicke, Geschäftsführer der Stadtwerke Flensburg

Dirk Wernicke, Geschäftsführer der Stadtwerke Flensburg

Bild: © Stadtwerke Flensburg

Die Stadtwerke Flensburg haben sich mit sofortiger Wirkung von ihrem Geschäftsführer Dirk Wernicke getrennt. Der Grund seien "unterschiedliche Auffassungen über die künftige strategische Ausrichtung" des Kommunalunternehmens gewesen, heißt es in einer Presseaussendung.

Demnach steht auch der Nachfolger bereits fest. Dirk Thole, der sich in der Branche als Interimsmanager einen Namen gemacht hat und jüngst kaufmännischer Leiter bei den Stadtwerken war, übernimmt zunächst bis zum 30. Juni 2024. "Er kennt die Mitarbeiter, Abläufe und Strukturen des Unternehmens sehr gut und kann ohne längere Einarbeitung und zeitliche Verzögerung das operative Geschäft übernehmen", teilt das Unternehmen mit.

"Turbulenzen am Energiemarkt als Chance"

Wernicke, der das Amt Anfang Januar 2021 übernommen hatte, verlässt die Stadtwerke knapp ein halbes Jahr nach der folgenreichen Entscheidung, den bundesweiten Gasvertrieb inmitten historischer Marktturbulenzen aufzugeben. Rund 45.000 Erdgaskunden waren betroffen. (Die ZfK berichtete.)

Diese Entscheidung war auch deshalb bemerkenswert, weil die Stadtwerke in den Jahren zuvor bundesweit auf Expansionskurs waren. Noch im Herbst 2021, als die Preise bereits rasant stiegen, hatten die Flensburger auf gängigen Vergleichsportalen vorne mitgeboten. "Turbulenzen am Energiemarkt wie jetzt gerade sehen wir eher als Chance denn als Risiko", schrieben die Stadtwerke damals auf ZfK-Nachfrage.

"Gebaren kennen wir sonst nur von schwarzen Schafen"

Im bundesweiten Stromvertrieb sind die Stadtwerke weiterhin tätig, auch wenn Wernicke in einem Pressegespräch zu Jahresbeginn keine konkreten Kundenzahlen nennen wollte. Allerdings zog sich das Kommunalunternehmen wegen teils deutlicher Preiserhöhungen auch hier den Unmut einiger Kunden zu. So bewerteten Nutzer des Portals Trustpilot die Stadtwerke zuletzt überwiegend mit "ungenügend".

Auch die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein berichtete jüngst, dass infolge von Preiserhöhungen mit kurzen Entscheidungsfristen viele verunsicherte Kunden zu ihnen gekommen seien. "Solche Gebaren kennen wir sonst nur von schwarzen Schafen", wurde Tom Janneck in einem Artikel der "Segeberger Zeitung" zitiert. Die Verbraucherzentrale bestätigte gegenüber der ZfK die Aussage.

Gewinnschub in Flensburg

Zu Jahresbeginn hatte Wernicke bekanntgegeben, dass die Stadtwerke für das vergangene Jahr ein positives Ergebnis im hohen zweistelligen Millionenbereich erwarteten. Für dieses Jahr sollte der Gewinn dann sogar im niedrigen dreistelligen Millionenbereich liegen. (Die ZfK berichtete.)

Ein Quantensprung für ein Stadtwerk, das noch für 2021 einen Ergebnisrückgang von 18 auf knapp zwei Mio. Euro verkünden musste. Der Manager begründete den Anstieg mit Sondereffekten im Energiehandel. Vermutlich konnte das Unternehmen mit Aufgabe des bundesweiten Gasvertriebs und dem Weggang bundesweiter Stromkunden bereits gesicherte Gas- und Strommengen im Großhandel zu hohen Preisen weiterverkaufen.

Neuer Oberbürgermeister in Flensburg

Während die in der Flensburger Ratsversammlung einflussreichen Fraktionen SPD und SSW in der Folge anregten, Teile des Gewinns zur Senkung der zum Jahreswechsel stark gestiegenen Fernwärmepreise zu verwenden, beharrten die Stadtwerke darauf, das Geld für längerfristige Projekte hin zu einem klimaneutralen Flensburg einsetzen zu wollen.

Zu Jahresbeginn gab es zudem einen Wechsel im Flensburger Rathaus. Die langjährige Oberbürgermeisterin Simon Lange musste den Chefsessel für den parteilosen Fabian Geyer räumen.

Wahlkampf gegen Stadtwerke

Dieser hatte im Wahlkampf gegen die Preispolitik der Stadtwerke gewettert. So teilte er Mitte August 2022 auf Facebook den neuen Fernwärmetarif des Unternehmens samt Preisformel und schrieb: "Die Stadtwerke Flensburg kündigen eine Fernwärme-Preiserhöhung an – und niemand blickt mehr durch."

Laut Geyer habe das Schreiben "nur Fragen" aufgeworfen und sei anders als behauptet "absolut nicht transparent" gewesen. Sein Fazit: "Die Stadtwerke lassen Flensburg im Regen stehen. Es wäre die Aufgabe der Oberbürgermeisterin, Verantwortung für "ihre Stadtwerke" zu übernehmen und für klare Fakten zu sorgen. Offensichtlich fehlt Frau Lange aber das Gespür für den Ernst der Lage."

Von Münster nach Flensburg

Vor Flensburg hatte Wernicke bereits fünf Jahre die Stadtwerke Münster geleitet. Dort hatte er sich mit seinem gleichberechtigten Kollegen überworfen. Mitte 2019 war Schluss. Danach war der Manager als Berater tätig, ehe er die Geschäftsführung des norddeutschen Stadtwerks übernahm.

In ihrer Pressemitteilung erinnerten die Stadtwerke daran, dass Wernicke sie erfolgreich durch die Corona-Pandemie und die durch den Ukrainekrieg ausgelöste Energiemarktkrise begleitet habe. Er habe sich besonders für die Transformation der Stadtwerke hin zum klimaneutralen Unternehmen engagiert. Der Kommunalversorger soll bis 2035 klimaneutral sein. Das hatte im Dezember die Flensburger Ratsversammlung beschlossen. (aba)

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