Für die eng verzahnten theoretischen und praktischen Ausbildungsblöcke stellt die VSE die Räumlichkeiten und führt die internen Schulungen durch.

Für die eng verzahnten theoretischen und praktischen Ausbildungsblöcke stellt die VSE die Räumlichkeiten und führt die internen Schulungen durch.

Bild: @ VSE

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Gastbeitrag von
Hanno Dornseifer,
Kaufmännischer Vorstand
VSE AG


Das gemeinsame Projekt der Eon-Tochter VSE mit dem Start-up-Unternehmen FJI aus Leipzig zielte darauf ab, zügig geeignete, motivierte Quereinsteiger auch ohne abgeschlossene Berufsausbildung erfolgreich zu qualifizieren – speziell für bestimmte, im Rahmen der Energiewende besonders gefragte Einsätze. 

Geplant ist, dass im November der erste Qualifizierungskurs, der Anfang April mit 14 Personen, sogenannten Talenten, begann, die ersten erfolgreichen Absolventen hervorbringen wird. Diejenigen werden von da an autorisiert und in der Lage sein, Gesellen und Meister innerhalb der VSE-Gruppe beim Ausbau der Stromnetze tatkräftig zu unterstützen.


Angespannte Ausgangssituation

In Deutschland fehlen gut ausgebildete Fachkräfte. Einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge hätten deutsche Unternehmen im vergangenen Jahr ohne den Fachkräftemangel 49 Milliarden Euro mehr erwirtschaften können. 

Auch sind Arbeitgeber in Deutschland mit zahlreichen Herausforderungen wie begrenzten Budgets oder mangelnder Zeit konfrontiert, die es ihnen erschweren, neue Mitarbeitende vernünftig in die Betriebe zu integrieren, sodass sie möglichst schnell einsatzbereit sind. 

Das FJI hat sich gezielt die Energiebranche für ihr Pilotprojekt ausgesucht, als es in ihr ein hohes Innovationspotenzial detektiert hat und sie wichtige Schlüsselkriterien erfüllt: Ihr derzeitiges Fachkräftepotenzial reicht aufgrund der Energiewende nicht mehr aus. Zumal die Energiebranche spezifische fachliche Qualifikationen erfordert, die das Thema Weiterbildung äußerst relevant machen.

Der FJI-Ansatz

Der Fachkräftemangel hat zur Folge, dass Angebote von Einrichtungen wie dem Future Job Institute, das hierbei als staatlich finanzierter privater Bildungsträger agiert, eine immer größere Bedeutung gewinnen. Darüber hinaus wird immer öfter eine funktionierende Schnittstelle zwischen den vielen arbeitssuchenden Menschen und jenen Unternehmen aktiv werden müssen, die es allein nicht mehr schaffen, wichtige offene Stellen mit gut qualifizierten Kandidaten zu besetzen. 

Besonders dann, wenn es darum geht, geeignete Kräfte zu finden, sie innerhalb von nur sechs bis neun Monaten auf ein Top Level zu bringen und bedarfsgerecht zu qualifizieren, sofort einsatzbereit, nach neuesten Erkenntnissen trainiert und fachlich gut. 

Anfänge der Kooperation

Als Konsequenz seiner Recherchen hat das FJI Erstkontakt mit dem Eon-Konzern aufgenommen, wo die Kooperationsanfrage aus Leipzig umgehend auf großes Interesse stieß. Nachdem der Energiekonzern das Konzept des Instituts in der "großen Runde" allen infrage kommenden Unternehmen der Eon-Gruppe vorgestellt hatte, entschied ich mich als Kaufmännischer Vorstand der VSE verbindlich dafür, zeitnah das entsprechende Pilotprojekt im Saarland zu initiieren. 

Hintergrund dieser schnellen Entscheidung war, dass die VSE  ähnlich geartete Pläne bereits "in der Schublade“ hatte. Dabei fehlten mit Positionen wie Organisation und Zertifizierungen, Rekrutierung und Auswahl geeigneter Talente lediglich die klassischen Kernkompetenzen eines zertifizierten Bildungsträgers. Exakt die Komponenten, die das FJI im Angebot hatte und die VSE jetzt nicht mehr mit viel Aufwand “auf der grünen Wiese“ neu aufbauen musste. 

Maßgeschneidertes Programm

Als privater Bildungsträger bestand der Part der FJI innerhalb der Kooperation mit der VSE darin, nach intensiven Briefings zunächst ein Qualifizierungskonzept zu erstellen, das genau auf die individuellen Bedarfe der VSE zugeschnitten war. Auf dieser Grundlage kümmerte sich das FJI um die für die staatliche Förderung erforderliche Zertifizierung des Qualifizierungsprogramms. 

Dann begann das Institut damit, eine Vorauswahl geeigneter Talente zu treffen und diese zu rekrutieren. In Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit und den saarländischen Jobcentern wurden potenzielle Teilnehmer mit dem Angebot, dass es eine neue attraktive Möglichkeit auf einen sicheren Einstieg ins aktive Berufsleben gibt, kontaktiert. 

Am Ende brachte das FJI die ausgesuchten Talente und Vertreter der VSE und ihrer Dienstleister im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung zusammen, um zu eruieren, ob es auch auf der zwischenmenschlichen Ebene passt. Danach erst begann das Institut mit der Vorqualifizierung und Schulung der Talente durch eigene Trainer und Elektrofachkräfte (EFK).

Hohe Qualitätsstandards

Als Energieversorger und Betreiber kritischer Infrastruktur im Saarland legt die VSE größten Wert auf praxisnahe Schulungen für ihre zukünftigen Fachkräfte. Im Rahmen der Kooperation ist sie daher maßgeblich für die Definition hoher Qualitätsstandards und die Ausgestaltung der Unterrichtsinhalte des Qualifizierungsprogramms verantwortlich.

Für die eng verzahnten theoretischen und praktischen Ausbildungsblöcke stellt die VSE die Räumlichkeiten und führt die internen Schulungen durch. Durch die Kooperation lernt auch das FJI seinerseits von den etablierten Bildungseinrichtungen und der langjährigen pädagogischen Branchenerfahrung der VSE.

Die Vorteile – alle gewinnen

Talente, die das Angebot des FJI annehmen und eine Qualifizierungsmaßnahme beginnen, erhalten von dem Unternehmen eine schriftliche Absichtserklärung, diese nach erfolgreichem Abschluss auch einzustellen. Teilnehmer haben neben der Möglichkeit, die Energiewende aktiv mitzugestalten, die Chance auf einen krisenfesten Job und die Aussicht, nach einem Dreivierteljahr in Lohn und Brot zu stehen. 

Mit dem erfolgreichen Abschluss der Maßnahme erwirbt der Teilnehmer gemäß den Richtlinien des Verbands der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) die theoretischen Kenntnisse, um grundsätzlich als Arbeitsverantwortlicher eingesetzt werden zu können

Die VSE hat den Vorteil, innerhalb kurzer Zeit eine gut ausgebildete Fachkraft unter Vertrag nehmen zu dürfen, die speziell mit Blick auf die späteren Anforderungen qualifiziert ist. Das Projekt bietet eine hervorragende Möglichkeit, die künftigen Aufgaben in puncto Ausbau, Neubau und Instandhaltung der Netze zeitnah auch mit entsprechend gut ausgebildetem Personal angehen zu können. Hier kommen insofern auch die Vorteile einer solchen Anpassungsschulung zur Geltung, da die VSE nicht dreieinhalb Jahre auf Unterstützung warten muss. 

Überregionale Kooperation möglich 

Sollte sich dieses Modell als ein für alle Seiten erfolgversprechendes Musterkonzept erweisen – zumal sich sein Blick nicht zuletzt auch auf Personen mit Migrationshintergrund richtet –, erwägt die VSE, diesen Ansatz auch über die Unternehmensgrenzen und das Saarland hinaus zu exportieren. 

Das Pilotprojekt ist somit auch ein Stück weit eine Antwort von uns auf die aktuelle Migrationsdiskussion und ein Stück gelebter Willkommenskultur an der Saar.

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