Deutschlands öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) gerät immer stärker unter Druck. Streiks um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen legen Busse und Bahnen lahm, doch sie sind nur das sichtbarste Symptom eines tieferliegenden Problems: einer chronischen Unterfinanzierung, die wie eine Hypothek auf dem gesamten System lastet.
Zugleich steigen die Anforderungen, denn die Verkehrswende verlangt nach einem massiven Ausbau des ÖPNV, nach klimafreundlichen Antrieben, dichteren Takten und attraktiveren Angeboten. Doch die Kommunen, die diese Transformation neben der Energiewende stemmen sollen, geraten finanziell immer weiter ins Hintertreffen.
Rekorddefizit von 2024 übertroffen
Nachdem die kommunalen Haushalte in Deutschland bereits 2024 ein Rekorddefizit in Höhe von fast 25 Milliarden Euro verbuchen mussten, wurde diese Summe ein Jahr später sogar noch um mehrere Milliarden Euro übertroffen. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am 1. April mitteilte, belief sich das Defizit der Gemeinden und Gemeindeverbände 2025 auf 31,9 Milliarden Euro – ein Plus gegenüber dem Vorjahr von 7,1 Milliarden Euro. Schon Ende 2024 lag die Pro-Kopf-Verschuldung demnach bei knapp 4.500 Euro.
Zwar verweist Destatis darauf, dass die Daten auf vorläufigen Ergebnissen basieren würden und die finalen Zahlen noch im April veröffentlicht werden sollen. Doch um einen Aprilscherz handelte es sich nicht. Sicher ist damit schon jetzt: Die kommunalen Haushalte haben im vergangenen Jahr einmal mehr ihr höchstes Finanzierungsdefizit seit der deutschen Vereinigung 1990 eingefahren.
Deckungslücke klafft auseinander
Dabei werde die Deckungslücke größer, betonen die Statistiker. 2025 habe sie bei minus 7,5 Prozent gelegen. Das bedeutet, im vergangenen Jahr waren mehr als sieben Prozent der kommunalen Ausgaben "nicht durch reguläre Einnahmen gedeckt und mussten [...] durch die Aufnahme von Kassenkrediten finanziert werden". Zum Vergleich: 2024 waren es noch minus 6,2 Prozent, im Jahr davor minus 1,9 Prozent. Der bisher letzte Überschuss liegt einige Jahre zurück: 2022 nahmen die Kommunen 0,8 Prozent mehr ein als sie ausgaben.
Ein flächendeckender Ausbau im Rahmen einer Verkehrswende ist [...] illusorisch geworden.
Ingo Wortmann, Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen
Das schlägt auch auf den öffentlichen Personenverkehr durch, der damit zum Brennglas einer größeren Krise wird. Bereits die Finanzierung des heutigen Leistungsangebotes sei nicht gegeben, sagt Ingo Wortmann, Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), im ZFK-Interview. "Auch bei der Erneuerung unserer vorhandenen Anlagen stoßen wir an finanzielle Grenzen", so Wortmann weiter.
Und er betont: "Ein flächendeckender Ausbau im Rahmen einer Verkehrswende ist zudem illusorisch geworden." Der VDV-Chef fordert daher einen verlässlichen Finanzierungsrahmen und langfristige Planungssicherheit. Im VDV sind nach Verbandsangaben rund 700 Unternehmen des öffentlichen Personenverkehrs und des Schienengüterverkehrs organisiert.
Sehen "die besonderen finanziellen Herausforderungen"
Das Bundesverkehrsministerium (BMV) verweist auf ZFK-Anfrage auf das föderale System: Öffentlicher Personennahverkehr falle in die Zuständigkeit von Ländern und Kommunen oder deren Aufgabenträgern, erklärte ein Ministeriumssprecher. "Trotz dieser Aufgabenteilung sieht das BMV die besonderen finanziellen Herausforderungen, vor der die kommunalen Verkehrsunternehmen stehen."
Der Bund trage "in ganz erheblichem Maße zur Finanzierung des ÖPNV bei", so der Sprecher weiter. Etwa durch "noch weiter steigende Bundesmittel" oder die Förderung von Elektrobussen. Insbesondere unterstreicht das BMV den "wichtigen Beitrag" des Deutschlandtickets, das die Fahrgastzahlen nach den Corona-Jahren stabilisiere. Ende 2025 hatten sich Bund und Länder darauf geeinigt, das Ticket zunächst bis 2030 mit jeweils 1,5 Milliarden Euro, also insgesamt 3 Milliarden Euro, zu finanzieren.
Preisentwicklungsindex geplant
Seit diesem Jahr kostet das Ticket monatlich 63 Euro. Laut dem VDV besitzen derzeit rund 14,5 Millionen Menschen eines. Nach den zähen Verhandlungen in der Vergangenheit erarbeiten Bund und Länder nun einen Preisentwicklungsindex.
Auch Gregor Kolbe, Referent für Verkehrsmärkte bei der Verbraucherzentrale Bundesverband, nennt die Einigung gegenüber der ZFK einen "Lichtblick". "Aber die Frage, wie stark die Kosten des Tickets steigen werden, ist ungeklärt und gefährdet dessen dauerhaften Erfolg", warnt Kolbe. Die Finanzierung von Bund und Ländern müsse so auskömmlich sein, "dass der aktuelle Preis des Deutschlandtickets bis 2030 gesichert ist und nicht weiter steigt", fordert der Verbraucherschützer.
Unzureichender Ausgleich
Während das Angebot aus Sicht der Fahrgäste zu begrüßen ist, verschärft es die finanzielle Lage kommunaler Verkehrsunternehmen zusätzlich. Denn die vergleichsweise niedrigen Ticketpreise stehen nicht im Verhältnis zu den tatsächlichen Kosten für Betrieb, Personal und Infrastruktur. Einnahmeausfälle können nur teilweise durch Ausgleichszahlungen von Bund und Ländern kompensiert werden.
Für viele Betriebe heißt das: weniger Planungssicherheit, steigender Zuschussbedarf und weitere Risiken. Und das angesichts mehrerer Herausforderungen gleichzeitig unterstreicht VDV-Präsident Wortmann. Denn nicht nur das Geld für bestehende und neue Infrastruktur ist knapp, auch das Personal wird immer knapper. Man spüre "im ÖPNV den Fachkräftemangel durch die ausscheidenden Babyboomer, gerade im Fahrdienst und in technischen Berufen". "Diese drei Themen – Finanzierung, Transformation und Personal – sind aktuell die größten Aufgaben für unsere Branche", so Wortmann.
Das gesamte Interview mit Ingo Wortmann lesen Sie hier.
Dieser Artikel erschien auch im aktuellen ZFK E-Paper.



