Stefan Kapferer ist seit Ende 2019 Vorsitzender der Geschäftsführung des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz.

Stefan Kapferer ist seit Ende 2019 Vorsitzender der Geschäftsführung des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz.

Bild: © 50Hertz

Von Julian Korb

Die künftige Bundesregierung erhält derzeit zahlreiche Vorschläge, wie es mit der Energiewende weitergehen soll. Ob "Neustart" oder noch schnellerer Erneuerbaren-Ausbau – die Meinungen driften auseinander. Bei der Veranstaltung "Energie.Cross.Medial" am Mittwoch in Berlin wurde aber klar: Aus Sicht der Energiebranche muss der Fokus künftig auf Bezahlbarkeit und Versorgungsscherheit liegen.

"Nichts untergräbt die Energiewende mehr, als wenn sie nicht bezahlbar ist", sagte Stefan Kapferer, Vorsitzender der Geschäftsführung beim Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz. Dabei brauche es von der Politik aber mehr Ehrlichkeit. "Die Energiepreise für die energieintensive Industrie sind zu hoch. Aber gilt das auch für Mittelschichthaushalte?"

Die Botschaft, dass es keine zusätzlichen Belastungen geben werde, gehöre zu den "Lebenslügen" des Transformationsprozesses. "Das Motto 'Sonne und Wind schicken keine Rechnung' war genauso falsch wie die Aussage, dass Strompreise für alle zu hoch sind", betonte Kapferer. Eine Transformation wie die Energiewende werde auch "Zumutungen" enthalten. Darüber brauche es eine ehrliche Debatte.

Planungssicherheit statt Planwirtschaft

Mehr Kosteneffizienz stand deshalb ganz oben auf der Wunschliste der Unternehmenslenker. Hans-Wolf von Koeller, Leiter Energiepolitik bei Steag & Iqony, äußerte die Sorge, die Milliarden aus dem Infrastruktur-Sondervermögen könnten "verballert" werden. Ihm fehle der langfristige Plan. "Wir betrachten das Energiesystem noch immer nicht als Ganzes. Wir müssen raus aus der Modellwelt", so der Lobbyist.

Die Herausforderungen der Energiewende ließen sich aber mit Geld allein nicht lösen. Wichtiger sei es vielmehr, regulatorische Komplexität abzubauen. Als Beispiel nannte er die strengen Vorgaben bei der Erzeugung grünen Wasserstoffs.

Weniger Vorgaben wünschte sich auch Kapferer von 50Hertz. "Planungssicherheit sollte nicht mit Planwirtschaft verwechselt werden. Das haben wir viele Jahre gesehen", mahnte der Manager. Der Blick in die bisherigen Ergebnisse der Arbeitsgruppe Klima und Energie stimmte ihn vorsichtig optimistisch. "Die Anzahl neuer Detailregelungen im Sondierungspapier hält sich in Grenzen." Er frage sich allerdings auch: "Hat die Koalition die Kraft, bestehende Regelungen aufzuheben?"

Markt hat nicht geliefert

Kapferer machte aber auch deutlich, dass die künftige Bundesregierung klare Leitplanken setzen müsse, etwa beim Zubau neuer Kraftwerke. "Wir diskutieren schon seit fünfzehn Jahren über einen Rahmen für gesicherte Leistung", sagte er. "Der Markt hat das erkennbar nicht geregelt."

Nikolaus Valerius, CEO von RWE Generation, spricht sich für einen stärkeren Fokus auf Versorgungssicherheit aus.Bild: © Andre Laaks/RWE AG

Versorgungssicherheit war für Nikolaus Valerius, CEO der RWE-Kraftwerkstochter RWE Generation, das Stichwort."Wir haben die Erneuerbaren massiv ausgebaut und dabei vor allem den Klimaschutz im Blick gehabt." Eine vorzuziehende Kraftwerksstrategie sei nun dringend notwendig. "Langsam wird es eng", so Valerius weiter. "Wir brauchen gesicherte Leistung, wenn Erneuerbare nicht liefern." Die Ampel-Koalition habe es versäumt, einen "machbaren, pragmatischen und zügigen Rahmen" auf den Weg zu bringen.

Der Unternehmenschef riet der künftigen Bundesregierung dazu, den belgischen oder britischen Kapazitätsmarkt "einfach zu kopieren". Das Rückführen von Kraftwerken aus der Netzreserve führe hingegen "in die falsche Richtung". "Jeder Investor, der in neue Marktanlagen investiert hat, sieht sein Geschäftsmodell in Frage gestellt", warnte Valerius. Als Beispiel nannte er Batterien und PPAs für Wind- oder Solarparks.

Bei der Ausschreibung für neue Kraftwerke forderte er zudem mehr Pragmatismus ein. "Wir brauchen zuerst dekarbonisierungsfähige Anlagen, die gesicherte Leistung bereitstellen. Diese können dann später dekarbonisiert werden." Als wesentliches Instrument, um Emissionen zu senken, eigne sich der europäische Emissionshandel. Wichtig sei auch, dass bisherige Kraftwerksstandorte an den Ausschreibungen teilnehmen könnten, so Valerius weiter. Insgesamt brauche es "weniger Planverliebtheit, mehr wirtschaftliche Rationalität."

Mehr Verantwortung fürs Netz

Die Perspektive der Kommunalwirtschaft brachte Rainer Kleedörfer ein, Leiter Unternehmensentwicklung und Beteiligungen bei N-Ergie.Das Netzgebiet des Nürnberger Versorgers ist stark durch den PV-Ausbau geprägt. Schon heute müsse N-Ergie an 200 bis 250 Tagen im Jahr PV-Anlagen abregeln, um das Stromnetz vor Überlastungen zu schützen. "Das Hase-und-Igel-Rennen beim Netzausbau ist nicht zu schaffen", mahnte Kleedörfer.

Zudem habe der weitere PV-Ausbau im Netzgebiet von N-Ergie "keinen Mehrwert". Betreiber von Erneuerbaren-Anlagen und künftig auch Speichern und Elektrolyseuren müssten künftig eine stärkere Verantwortung fürs Netz übernehmen. "Ziel muss es auch sein, dass die Netze besser genutzt werden, damit die Kosten nicht ins Unendliche steigen."

Dabei müsse die Politik auch die regionale Verteilung von Erneuerbaren stärker berücksichtigen. "Es gibt Regionen in Deutschland, wo wir noch einen PV-Zubau brauchen. In anderen Regionen ist der Bedarf gesättigt", schloss der N-Ergie-Manager. Dort brauche es dann gegebenenfalls mehr Windkraft oder Batteriespeicher.

Bedarfsgerechter Netzausbau

Einig waren sich die Unternehmensspitzen zudem, dass der Ausbau der Stromnetze künftig stärker am tatsächlichen Bedarf ausgerichtet sein muss. "Der bisher angenommene Stromverbrauch von 750 Terawattstunden im Jahr 2030 wird nicht kommen", zeigte sich 50Hertz-Chef Kapferer überzeugt. Unter anderem, weil Industrie und Elektrolyseure weniger Strom nachfragen werden, als bislang vorhergesehen. "Das führt nach unserer Analyse zu 20 Prozent weniger Netzengpässen als angenommen."

Daher brauche es einen "Realitätscheck", um die Kosten der Energiewende zu begrenzen. Nicht jede geplante Gleichstromtrasse oder Offshore-Windanbindung müsse auch gebaut werden. Gleichzeitig brauche es mehr Dynamik bei den Kunden, die jetzt ans Netz angeschlossen werden wollen. Netzbetreiber müssten sich dabei allerdings fragen: "Schließen wir nur die an, die wir auch brauchen?" Mit Blick auf die Flut von Anschlussbegehren bei Speicher sagte Kapferer: "90 Gigawatt Großspeicher am Netz machen keinen Sinn."

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