Blick auf das Leag-Kraftwerk Jänschwalde in Brandenburg. Die Blöcke E und F waren bis vor einigen Monaten in der sogenannten Sicherheitsbereitschaft.

Blick auf das Leag-Kraftwerk Jänschwalde in Brandenburg. Die Blöcke E und F waren bis vor einigen Monaten in der sogenannten Sicherheitsbereitschaft.

Bild: © Frank Hammerschmidt/dpa

Von Andreas Baumer

Für den Laien mag einleuchtend klingen, was Union und SPD auf Seite drei ihres Sondierungspapiers festhielten. Reservekraftwerke, heißt es dort, sollen künftig nicht nur zur Vermeidung von Versorgungsengpässen zum Einsatz kommen, sondern auch zur Stabilisierung des Strompreises. Doch was einleuchtend klingt, ist wie so oft in der Energiewirtschaft komplizierter.

Doch der Reihe nach. In Deutschland gibt es vor allem zwei Arten von Reservekraftwerken: Die Netzreserve, die zum Einsatz kommt, um das Stromnetz in den Winterhalbjahren stabil zu halten; und die Kapazitätsreserve, die die Versorgungssicherheit auch dann garantiert, wenn der Markt Stromeinspeisung und Stromentnahme nicht regeln kann.

Steag Power befürwortet Union-SPD-Vorstoß

Ein Einsatz von Reservekraftwerken, nur um Strompreise zu dämpfen, ist derzeit verboten. Dass beispielsweise durch die Kapazitätsreserve übermäßige negative Auswirkungen auf Wettbewerb und Handel vermieden werden, war der EU-Kommission auch besonders wichtig, als sie das umstrittene Instrument 2018 genehmigte.

Dabei gibt es durchaus Stimmen, die die aktuelle Praxis hinterfragen. Kraftwerke in der Kapazitätsreserve dürften erst ab einem Börsenstrompreis von 4000 Euro pro Megawattstunde (MWh) in den Markt eingreifen, erläuterte Professor Bruno Burger vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme im ZfK-Interview. "Da könnten wir mal überlegen, ob bei Extremfällen wie im Dezember eine so hohe Grenze gerechtfertigt ist oder ob diese nicht weiter nach unten gesetzt werden sollte."

Der Kraftwerksbetreiber Steag Power befürwortet ausdrücklich, systemrelevante Kraftwerke zeitlich befristet zur Abfederung von Strompreisspitzen einzusetzen. "Die temporäre Marktrückkehr ist eine vorübergehende Lösung, bis die neuen Gaskraftwerkskapazitäten bereitstehen", teilte ein Sprecher auf ZfK-Nachfrage mit.

"Daher beeinflusst sie das Kohleausstiegsziel bis 2038 nicht. Denn bis diese Gaskraftwerke bereitstehen, werden die systemrelevanten Steinkohlekraftwerke ohnehin in jedem Fall gebraucht, sodass sie bis dahin auch einen sinnvollen Beitrag zur Einhegung von Preisrallyes am Strommarkt leisten können."

"Wenn Reservekraftwerke die Antwort sind, stellen wir die falschen Fragen"

Ganz anders äußerte sich die Aachener Stadtwerkekooperation Trianel. "Wenn Reservekraftwerke die Antwort sind, stellen wir die falschen Fragen", schrieb Sven Becker, Sprecher der Geschäftsführung, auf Linkedin. Der Ansatz wirke wie eine kurzfristige Symptombekämpfung, die aber die Marktmechanismen weiter ausheble, die eigentlich für Investitionen in Batteriespeicher und andere Speichertechnologien sorgen sollten, führte er aus. "Es ist, als würde man einem Segelschiff den Wind aus den Segeln nehmen, noch bevor es den Hafen verlassen kann."

Kritisch zeigte sich auch Uniper, das nach eigenen Angaben rund ein Viertel der deutschen Stromnetzreserve bereitstellt. "Staatlich geführte Reservekraftwerke bei Preisspitzen einzusetzen, wäre ein Markteingriff mit Auswirkungen auf die Preisbildung im Markt und auf die frei im Markt agierenden Kraftwerke, die sich über den Markt refinanzieren müssen", schrieb ein Unternehmenssprecher. "Die Übertragungsnetzbetreiber, die die Reservekraftwerke einsetzen, würden damit zum Marktteilnehmer, ohne die wirtschaftlichen Risiken zu tragen."

EnBW und RWE mit klaren Absagen

Eine klare Absage kam zudem vom Karlsruher Energiekonzern EnBW. Er fürchtet einen "gravierenden Markteingriff" und eine Verzerrung von Preissignalen. "Es hätte zudem massive negative Effekte auf die Wirtschaftlichkeit und damit verbunden auch auf Neuinvestitionen in Batterien oder Pumpspeicherkraftwerke, die bisher zur Abfederung von Preisspitzen eingesetzt werden."

Klar positionierte sich am Donnerstag auch RWE-Chef Markus Krebber. Er halte den schwarz-roten Vorschlag für keine gute Idee, "nicht nur aufgrund des Zustands und des Alters der Anlagen". In der Regel handelt es sich bei Reservekraftwerken um alte fossile Meiler, die technisch nicht mehr auf dem neuesten Stand sind.

Es gebe zudem heute noch Anlagen, die relativ gering ausgelastet seien und von besonders hohen Preisen profitierten. Komme das mit den Reservekraftwerken, gebe es einen größeren Anreiz, noch mehr Anlagen stillzulegen, die heute noch im Markt seien. Denn diese Kraftwerke bekämen in der Reserve eine garantierte Vergütung, dürften sie aber weiter auf dem Markt einsetzen. Ferner würden dadurch langfristige Stromabnahmeverträge unattraktiver, was den europäisch gewünschten Ausbau des PPA-Marktes schaden könnte.

Der Kraftwerksbetreiber Statkraft rechnete vor, dass ein kostenorientierter Einsatz heutiger Reservekraftwerke wohl ab Strompreisen von 80 bis 130 Euro pro MWh stattfinden würde. Allerdings könnten etwaige technische Beschränkungen zu erheblich anderen Ergebnissen führen. "In jedem Fall würden mit einer solchen Änderung einmal mehr die Marktregeln im Nachhinein geändert."

Außerdem verwies das Unternehmen darauf, dass eine Nutzung von Reservekraftwerken zur Preisstabilisierung auch mit Blick auf neu zu bauende Gaskraftwerke Investitionsanreize nehmen würde. Die Allgemeinheit müsse dann Betreibern dieser neuen Kraftwerke entsprechend höhere Versicherungsprämien zahlen.

Der ostdeutsche Kraftwerksbetreiber Leag wollte auf ZfK-Anfrage einzelne Passagen aus dem Sondierungspapier nicht kommentieren, "zumal sie gegebenenfalls noch im Detail im Koalitionsvertrag zu regeln wären".

Übertragungsnetzbetreiber antworten diplomatisch

Diplomatisch antworteten die Übertragungsnetzbetreiber. Mit einem Einsatz von Reservekraftwerken zur Strompreisstabilisierung sei eine Vielzahl an energiewirtschaftlichen und energierechtlichen Fragen verbunden, teilte ein 50Hertz-Sprecher mit. "Zu bedenken sind die erheblichen Implikationen für den Strommarkt und die geplanten Ausschreibungen für neue Kraftwerke sowie komplexe beihilferechtliche und regulatorische Aspekte."

Entscheidend sei, dass man eine langfristige Strategie für die Reservekraftwerke entwickle, teilte eine Amprion-Sprecherin mit. "Wenn nicht sehr schnell neue gesicherte Leistung ans Netz kommt, werden wir diese Kraftwerke länger brauchen. Und je früher wir dieser Tatsache ins Auge schauen, desto günstiger kann man das auf der Kostenseite der Reservekraftwerke gestalten, unabhängig davon, ob hier noch Erlöspotentiale ermöglicht werden."

Für die Einführung einer Systemreserve warb Transnet BW. Die aktuelle Aufteilung der Reservekraftwerke sorge für Ineffizienzen, da nicht die jeweils günstigste, sondern die im konkreten Fall gesetzlich vorgesehene Option gezogen werde, teilte eine Sprecherin mit. "Eine Zusammenführung in einer Systemreserve, die zu verschiedenen Zwecken aktiviert werden kann, würde einen kosteneffizienteren und auch systemisch sinnvolleren Einsatz erlauben."

Reservekraftwerke auch zur Stabilisierung des Strompreises einzusetzen, würde einen "erheblichen Markteingriff" bedeuten, erläuterte die Sprecherin weiter. Dies berge die Gefahr, neue Investitionen zu schwächen und auch in der Umsetzung Fragen aufwerfen.

Außerdem verwies sie darauf, dass direkt im nächsten Satz des Sondierungspapiers ein Vorhaben stehe, "das wir uneingeschränkt unterstützen". Es handelt sich um den Bau von bis zu 20 Gigawatt Gaskraftwerksleistung bis 2030, der im Rahmen einer "zügig zu überarbeitenden Kraftwerksstrategie" angereizt werden soll.

Ob dies einer möglichen neuen Bundesregierung aus Union und SPD so schnell gelingt, steht allerdings in den Sternen. Denn was einfach klingen mag, ist in der Energiewirtschaft oft genug deutlich komplizierter.

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