Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller (links) im Gespräch mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen)

Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller (links) im Gespräch mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen)

Bild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

Je näher die Entscheidung der EU-Länder über die künftige Ausgestaltung der europäischen Strompreiszonen rückt, desto mehr nimmt die Debatte über die Teilung der deutschen Strompreiszone an Fahrt auf. Befürworter eines solchen Schritts argumentieren, dass sich damit Systemkosten senken ließen und mehr Anreize zum netzdienlichen Zubau von flexiblen Stromerzeugern gesetzt würden.

Aktuell macht die Kombination aus hohem Grünstromaufkommen im Norden, hohem Stromverbrauch im Süden und der hinterherhinkende Netzausbau von Norden nach Süden Netzbetreibern in Deutschland und Nachbarländern zu schaffen. Eine Aufteilung der bundesinheitlichen Gebotszone in zwei oder mehr Teile lehnt die Bundesregierung jedoch derzeit ab.

Studie: Mehr Kosten als Nutzen

In dieser Woche legte das grün geführte Energieministerium in Baden-Württemberg eine selbst in Auftrag gegebene Studie vor. Fazit: Die Kosten einer Gebotszonentrennung in Deutschland dürften höher sein als der Nutzen, der daraus entsteht. Als ein wesentlicher Punkt wird eine geringere Liquidität durch Aufspaltung des europäischen Leitmarktes genannt.

Vielmehr warnen die Autoren der Analysehäuser Frontier Economics und Economic Trends Research (ETR) davor, den Strommarkt noch komplexer zu machen. "Die Fähigkeit und Bereitschaft aller beteiligten Akteure zur Bewältigung von Veränderungsprozessen würde dadurch weiter strapaziert", heißt es. "Zudem könnte durch eine Gebotszonentrennung der Eindruck entstehen, der Netzausbau sei in der Folge weniger dringlich. Diese Schlussfolgerung wäre irreführend und sollte in jedem Fall vermieden werden."

"Steigerung der Redispatch-Kosten schwindelerregend"

Die Teilung von Strompreiszonen sei "kein Allheilmittel", räumte auch Christof Lessenich von der EU-Kommission bei einer Diskussion in der Landesvertretung Baden-Württembergs in Berlin ein. Zugleich verwies er auf prognostizierte Redispatch-Kosten, also Kosten, die für den Einsatz von Reservekraftwerken verwendet werden müssen, um Leitungsabschnitte vor einer Überlastung zu schützen. Konkret bezog er sich auf eine im Mai veröffentlichte Studie, die von der EU-Kommission in Auftrag gegeben wurde.

"Die Steigerung der Redispatch-Kosten [...] ist schwindelerregend", sagte er. Diese würden die Kosten der Energiewende zum Teil in "atemberaubende Dimensionen" steigern. Außerdem erinnerte er daran, dass schon jetzt große Mengen an Grünstrom von Netzbetreibern abgeregelt werden müssten, um Netzüberlastungen vorzubeugen.

Müller warnt vor "finalem Tritt"

Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller gab zu, dass sich Deutschland mit seinem verfehlten Netzausbau in den vergangenen Jahren in Europa unbeliebt gemacht habe. "Daher kann ich jeden Unmut und jede Erwartungshaltung verstehen."

Müllers Rezept: Der Netzausbau muss beschleunigt werden. Das sei die Lösung für das Redispatch-Problem. Zugleich warnte er vehement davor, die bundeseinheitliche Strompreiszone zu teilen. Wer diese Diskussion fortführe, würde der Energiewende-Akzeptanz in Deutschland "einen richtigen finalen Tritt" geben, sagte er. Dann verliere man neben Ostdeutschland auch den Süden inklusive Nordrhein-Westfalen.

DIHK-Experte: Preiszonentrennung "totales Gift"

Bemerkenswert dabei: Erst jüngst hatte Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt im ZfK-Interview gesagt, dass er "kein zukunftsfähiges Modell" kenne, das ohne unterschiedliche Preiszonen auskomme und kosteneffizient sei. (Hier das ganze Interview.) Goldschmidt ist nicht nur wie Müller und Walker Mitglied der Grünen, sondern bekleidet nun das Amt, das Müller selbst früher mal innehatte.

Für die Beibehaltung einer bundeseinheitlichen Strompreiszone warb auch Sebastian Bolay von der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Eine Trennung bezeichnete er als "totales Gift".

"Bauen am offenen Herzen ganzes System um"

Baden-Württembergs Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) zog zudem in Zweifel, ob Norddeutschland tatsächlich von einer Strompreiszonentrennung in dem Maße profitieren würde, wie es sich mancher ihrer Amtskollegen erhofft. Sie habe eher den Eindruck, dass es für Unternehmen nicht um den Umzug von Süd- nach Norddeutschland gehe, sondern um den Verbleib in Deutschland oder die Abwanderung ins außereuropäische Ausland. "Es geht um die Position Deutschlands als Leitmarkt in Europa".

Unterstützung erhielt Walker von Kerstin Andreae, die selbst aus Baden-Württemberg kommt und nach vielen Jahren als grüne Bundestagsabgeordnete nun Chefin des Energieverbands BDEW ist. "Wir bauen gerade am offenen Herzen ein ganzes System um", sagte sie. "Da ist eine Baustelle an der anderen. Deswegen würde ich dringend davon abraten,  jetzt noch diese hochneuralgische Komponente [Strompreiszonentrennung] reinzubringen."

"Gutes Gelingen bei Match Söder gegen Weil"

Selbst wenn sich dies technisch umsetzen lasse, würde eine intensive politische Debatte folgen. "Ich wünsche gutes Gelingen, wenn Söder und Weil aneinandergeraten", sagte Andreae. CSU-Chef Markus Söder ist Ministerpräsident Bayerns, das eine Strompreiszonentrennung ablehnt. SPD-Politiker Stephan Weil ist Ministerpräsident Niedersachsens, wo besonders viel Grünstrom abgeregelt werden muss.

Aus Sicht des Ökonomen Achim Wambach ist Netzausbau allein nicht ausreichend, um die Systemprobleme zu lösen. Ginge es nach ihm, sollte Deutschland künftig sogar noch weitergehen und nicht nur auf eine Strompreiszonentrennung setzen, sondern auf sogenannte nodale oder Knotenpreise, um noch passgenauer lokale Anreize zu setzen. Gemeint sind jeweils individuelle Preise für jeden Ein- oder Ausspeisepunkt des Übertragungsnetzes. Andere Länder hätten dies auch hinbekommen, sagte er.

"Vor Netzdigitalisierung alles Schall und Rauch"

Bundesnetzagentur-Präsident Müller räumte ein, dass andere Länder hier mehr könnten. "Da ist auch der Digitalisierungsgrad des Stromnetzes deutlich besser als bei uns", sagte er.

"Bevor wir das nicht geleistet haben, ist alles, was auf ein digitalisiertes Stromnetz aufsetzt, leider Schall und Rauch." Erst müsse das Netz digitalisiert werden, fügte der Chefregulierer hinzu. "Dann ist eine ganze Menge mehr möglich." (aba)

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