Ralph Lenkert sitzt seit 2009 für die Linke im Deutschen Bundestag. Seine Schwerpunkte sind die Energie- und Umweltpolitik.

Ralph Lenkert sitzt seit 2009 für die Linke im Deutschen Bundestag. Seine Schwerpunkte sind die Energie- und Umweltpolitik.

Bild: © Inga Haar/Deutscher Bundestag

Branchenbekannte Befürworter einer Spaltung der bundeseinheitlichen Strompreiszone gibt es in Deutschland zurzeit noch recht wenige. Ralph Lenkert ist einer von ihnen. Der langjährige energiepolitische Sprecher der seit Dezember aufgelösten Linken-Bundestagsfraktion hält einen solchen Schritt insbesondere aus drei Gründen für ein wirksames Instrument. Außerdem erklärt der thüringische Bundestagsabgeordnete im ZfK-Interview, in wie viele Strompreiszonen er Deutschland teilen würde.

Herr Lenkert, stellen wir uns vor, Sie könnten den deutschen Strommarkt nach Ihrem Gutdünken in Preiszonen teilen. Wie viele Zonen hätten wir dann?

Ralph Lenkert: Rein von der Logik her wären es drei. Eine würde Süddeutschland umfassen, mit Bayern und Baden-Württemberg als Kern. Eine zweite würde Teile Hessens sowie den Westen Deutschlands einschließen, insbesondere Nordrhein-Westfalen. Und die dritte würde die windstarken norddeutschen Bundesländer, sprich Niedersachsen und Schleswig-Holstein, mit den Stadtstaaten und den ostdeutschen Bundesländern verbinden. Bei dieser Aufteilung gäbe es keine nennenswerten innergebietsmäßigen Stromnetzengpässe mehr.

Da würde sich die Begeisterung im industriestarken Süden und Westen der Republik aber gelinde gesagt in Grenzen halten. Denn ihnen würden dann deutlich höhere Stromgroßhandelspreise drohen als dem windstarken Norden und Osten.

Lenkert: Das mag sein. Die derzeitige Regelung aber führt dazu, dass insbesondere die süddeutschen Bundesländer von der bundeseinheitlichen Strompreiszone profitieren, obwohl sie beim Erneuerbaren- und Stromnetz-Ausbau hinterherhinken. Gleichzeitig sind ausgerechnet in jenen Netzgebieten in der Regel die Netzentgelte höher, wo der Erneuerbaren-Ausbau vorangeht. Für mich ist das nicht nur sozial ungerecht, sondern auch volkswirtschaftlich kontraproduktiv.

Warum denn volkswirtschaftlich kontraproduktiv?

Lenkert: Mit dem jetzigen Regelwerk werden stromintensive Unternehmen angereizt, ihren Stromverbrauch nach Süddeutschland zu verlagern. Dabei wäre es netzdienlicher und auch volkswirtschaftlich notwendig, dass die Brutto-Stromkosten dort am niedrigsten sind, wo es den meisten Strom gibt.

Und dafür soll eine Aufteilung der Strompreiszonen das wirksamste Instrument sein?

Lenkert: Nehmen wir an, wir hätten getrennte Strompreiszonen in Deutschland. Bei starkem Windaufkommen im Norden würde erst einmal nur dort der Börsenstrompreis sinken. Dann würden zuallererst dort teurere Gas- und Kohlekraftwerke heruntergefahren werden.

Der Süden befände sich dagegen in einer anderen Preiszone. Hier würden die gesunkenen Börsenstrompreise im Norden nicht eins zu eins durchschlagen. Anders als heute könnten aufgrund von höheren Börsenstrompreisen beispielsweise süddeutsche Gaskraftwerke weiterlaufen. Mittel- bis langfristig hätte das vor allem drei positive Auswirkungen.

Nämlich?

Lenkert: Wir würden die Redispatch-Kosten senken. Es würden mehr Kraftwerke im Süden marktgetrieben laufen, dann müsste man bei Starkwind im Norden weniger – der zumeist alten, extrem teuren – Reservekraftwerke zuschalten, um Redispatchbedarf zu decken.

Wir reden hier von einer Menge Geld. Allein für das kommende Jahr wollte die Bundesregierung 5,5 Milliarden Euro zuschießen, um eine Explosion der Übertragungsnetzkosten zu dämpfen. Ganz nebenbei werden Investitionen in Windkraft im Süden attraktiver. [Zum Zeitpunkt des Interviews stand noch nicht fest, inwiefern der Zuschuss wirklich kommt. Tatsächlich wurde er im Zuge der Ampel-Haushaltseinigung im Dezember ersatzlos gestrichen.]

Und die zweite positive Auswirkung?

Lenkert: Wir könnten die Wasserstoff-Elektrolyse in Norddeutschland wesentlich schneller vergrünen und somit deren Ausbau beschleunigen. Zurzeit gilt in der EU produzierter Wasserstoff nur dann als grün, wenn er ausschließlich aus zusätzlichem, Erneuerbaren-Strom hergestellt wird – oder in der entsprechenden Strompreiszone über ein Jahr hinweg mehr als 90 Prozent des Stromes erneuerbar ist.

Schon heute gibt es einzelne Verteilnetze in Norddeutschland, die letzteren Wert erreichen würden. Würde nun die Gebotszone in Norddeutschland von anderen Teilen der Republik abgekoppelt werden, würde es wohl nicht mehr lange dauern – und in der nordöstlichen Strompreiszone wären mehr als 90 Prozent des durchschnittlichen Strommixes erneuerbar.

Fehlt noch die dritte positive Auswirkung.

Lenkert: Es mag schon richtig sein, dass jede Leitung die Redispatchkosten ein bisschen senkt. Diese Leitungen müssen aber auch finanziert und gewartet werden. Halten wir an der bundeseinheitlichen Strompreiszone fest, wird das Milliarden Euro an Investitionen und Folgekosten verursachen. Da spart man mit jeder Leitung im Übertragungsnetz, die man nicht zusätzlich braucht, bares Geld.

Aber sind wir ehrlich: Viele Mitstreiter für Ihre Strompreisaufteilungsidee haben Sie in der Energiebranche nicht. Ein solcher Schritt wäre ja auch mit erheblichen Nachteilen verbunden. Immerhin reden wir vom liquidesten Stromgroßhandelsmarkt Europas samt bereits geschlossenen Verträgen mit Lieferverpflichtungen bis weit in die Zukunft. Und diesen Markt wollen Sie einfach mal dreiteilen?

Lenkert: Schweden hat derzeit vier Preiszonen. Das mag ein wenig viel sein. Aber selbst die kleinste innerdeutsche Preiszone wäre noch immer doppelt so liquide wie alle schwedischen Preiszonen zusammen.

Das Liquiditätsproblem muss man nicht fürchten. Vielmehr mache ich mir Sorgen, dass uns bei Beibehaltung einer bundeseinheitlichen Strompreiszone die Netzentgelte davonschießen. Und sind wir tatsächlich ehrlich: Wir hätten in der stromintensiven Industrie eine ganz andere Diskussion, wenn sie die Netzentgelte zu 100 Prozent tragen müsste.

Eine Strompreiszonentrennung würde auch einen erheblichen bürokratischen Aufwand bedeuten. Das haben wir nicht zuletzt bei der Loslösung der österreichischen Zone von der deutschen gesehen. Das hemmt doch die Energiewende. Das können Sie doch nicht wollen, oder?

Lenkert: Es stimmt, dass die Ablösung Österreichs von der deutschen Strompreiszone zwei Jahre gedauert hat. Aber erlauben Sie mir eine Gegenfrage: Wie viele Stromtrassen sind in Deutschland in den letzten zehn Jahren fertig geworden? Ich versichere Ihnen: Die Aufteilung der Strompreiszonen geht schneller als der Ausbau der Übertragungsnetze.

Eine Alternative zu Strompreiszonen wären sogenannte nodale Preise, wie es sie etwa in Teilen der USA gibt. Für jeden Ein- oder Ausspeisepunkt des Übertragungsnetzes würde ein individueller Preis bestimmt werden. So könnte der Strompreis die aktuellen Netzengpässe mit abbilden. Was halten Sie davon?

Lenkert: Das wäre hierzulande ausgesprochen schwierig einzuführen. Dafür sind die Stromnetze in Deutschland zu eng vermascht. Ich bleibe dabei: Die Aufteilung der bundeseinheitlichen Strompreiszone ist die beste Lösung, um uns vor unnötig steigenden Netzentgelten und damit noch höheren Stromkosten zu schützen. Aus meiner Sicht führt daran auch kein Weg vorbei.

Das Interview führte Andreas Baumer

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