Von Hanna Bolte
Deutschland wird sein Ziel, bis 2045 klimaneutral zu werden, nicht erreichen. Das zeigt der erste Energy Transition Outlook (ETO) Deutschland. Dennoch hält die Bundesrepublik nach den Ergebnissen der norwegischen Zertifizierungsgesellschaft Det Norske Veritas (DNV) seine Vorreiterposition bei der Energiewende. Die Prognosen zeigen: Bis 2050 werden die Emissionen um 95 Prozent gegenüber 1990 sinken, damit wird das Ziel nur knapp verfehlt.
Folgende Fragestellungen hat die DNV in ihrem Bericht besonders in den Fokus gerückt und einer detaillierten Betrachtung unterzogen:
Welche zukünftigen Veränderungen sind für Deutschland besonders relevant?
Ein großer Vorteil der Energiewende für Deutschland ist, dass sich der Versorgungsmix drastisch verändern wird: Der Anteil der Energieimporte an der Primärenergieversorgung wird bis 2050 von heute 70 Prozent auf 27 Prozent sinken. Damit wird Deutschland deutlich unabhängiger von ausländischen Energielieferungen. Die Kohleimporte werden um 99 Prozent zurückgehen, die Ölimporte um 79 Prozent.
Wie stark werden die CO₂-Emissionen bis 2045 im Vergleich zu 1990 sinken?
Der Bericht prognostiziert, dass die CO2-Emissionen bis 2045 um 89 Prozent und bis 2050 um 95 Prozent gegenüber 1990 reduziert werden.
Wie wird sich die Nachfrage nach Erdgas und Wasserstoff bis 2050 entwickeln?
Bis 2050 werden Erdgas und Wasserstoff parallel genutzt und ähnlich stark nachgefragt. Ein Drittel des benötigten Wasserstoffs wird dabei in Deutschland produziert.
Wie hoch wird der Anteil des Energiebedarfs in Deutschland sein, der bis 2050 durch Strom gedeckt wird?
Dem Bericht zufolge wird Deutschland im Jahr 2050 46 Prozent seines Energiebedarfs mit Strom decken ‒ mehr als doppelt so viel wie heute (19 Prozent). Damit wird die Effizienz des Energiesystems erheblich gesteigert und der Primärenergieeinsatz gegenüber heute um 33 Prozent gesenkt.
Wie werden sich die Entwicklungen auf die Energieeffizienz auswirken?
DNV geht davon aus, dass das Wachstum der erneuerbaren Energien mit einer deutlichen Steigerung der Energieeffizienz einhergeht. Die Energieintensität der Wirtschaft (Energieverbrauch pro BIP-Einheit) wird sich bis 2050 fast halbieren. Auch der Pro-Kopf-Energieverbrauch wird um mehr als 50 Prozent zurückgehen.
Wie viel muss in den kommenden 25 Jahren in die Energieinfrastruktur investiert werden?
Die Energiewende wird in den nächsten 25 Jahren durch Investitionen in die Energieinfrastruktur in Höhe von 3,3 Billionen Euro unterstützt. Das Kapital fließt vor allem in drei Bereiche:
- Ausbau von Anlagen für erneuerbare Energien, Wasserstoff und Speicher auf dem freien Markt
- Regulierte Vermögenswerte wie Stromübertragungs-, Gas- und Wasserstoffnetze
- Endverbraucher-Anlagen wie neue Heizungen und Photovoltaiksysteme auf Dächern
Um diese Investitionen zu fördern, sind jedoch langfristig verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen, gezielte Förderungen und wirksame Maßnahmen zur Risikominimierung erforderlich.
Werden die Energiepreise eines Systems mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien ein Standortnachteil sein?
Die Energiepreise werden sich nicht zu einem Standortnachteil für die Industrie entwicklen. Energieintensive Branchen benötigen allerdings Unterstützung, um ihre Geschäftsmodelle gezielt auf Energieeffizienz, Elektrifizierung und CO2-Abscheidung (CCS) auszurichten. Nach den jüngsten Rekordpreisen für Energie werden diese Industrien in Zukunft auch von sinkenden Strompreisen profitieren. Die Integration flexibler Prozesse kann dabei von Vorteil sein.
Das Gesamtbild im Blick
Insgesamt betont der Bericht, dass es in Deutschland bereits ein deutlich nachhaltigeres Energiesystem gibt und das ohne, dass dabei die beiden anderen Eckpunkte des "Energie-Trilemmas" außer Acht gelassen wurden: Bezahlbarkeit und Energiesicherheit.




