Der Oldenburger Energiekonzern EWE ist nicht nur Deutschlands größter Windparkbetreiber an Land, sondern auch einer der größten Stromversorger und Stromnetzbetreiber bundesweit. Ein Gespräch mit Vorstandschef Stefan Dohler über die Zukunft von PPAs, Folgen des Osterpakets und den Streit um die bundeseinheitliche Strompreiszone.
Herr Dohler, die Europäische Kommission will den Abschluss sogenannter Power Purchase Agreements (PPAs) deutlich fördern. Sind PPAs das neue Allzweckmittel, um den Erneuerbaren-Ausbau voranzutreiben und mehr Preisstabilität zu garantieren?
PPAs sind ein wichtiger Baustein im Strommarkt der Zukunft, wir begrüßen den Vorstoß der Kommission. Aber die Bedeutung von PPAs wird zum Teil auch überinterpretiert. Im Moment werden nicht viele Windparks auf Basis von PPAs gebaut, denn Betreiber müssen immer damit rechnen, dass ihr Abnehmer beziehungsweise Vertragspartner ausfällt und sie dann mit ihren Investitionskosten voll im Markt stehen. Deshalb wäre es falsch zu glauben, PPAs seien die allein selig machende Lösung.
Tatsächlich wurden bislang langfristige, große PPAs vor allem mit ganz großen Playern wie Google, Amazon oder BASF abgeschlossen. Die Kommission will nun PPAs aber auch verstärkt mittelständischen Unternehmen zugänglich machen.
Auch hier sollte man sich nicht zu viel erhoffen. Denn nehmen wir an, ein kleiner, von Bürgern mitfinanzierter Windpark geht ein PPA mit einem mittelständischen Unternehmen ein, das vor Laufzeitende zahlungsunfähig wird. Was dann? Vielleicht sind Instrumente wie die EEG-Vergütung oder sogenannte Zwei-Seiten-Differenzverträge mit Preisabsicherung nach unten und Preisdeckel nach oben in diesen Fällen doch die bessere Option.
Zumal PPAs üblicherweise langwierige Verhandlungen vorausgehen.
Es ist tatsächlich ein Problem, dass es kein standardisiertes PPA gibt, dass wir es stattdessen noch mit komplexen Strukturen zu tun haben. Das aber will die EU ja ändern. Diesen Ansatz finde ich auch richtig.
Die Ampel-Regierung wollte mit ihrem Osterpaket den Erneuerbaren-Turbo zünden. Läuft der Turbo schon?
Wir sehen einige gute Fortschritte, etwa beim Repowering, wo es deutliche Erleichterungen gegeben hat. Und in Niedersachsen ist die Landesregierung sogar über die Bundesvorgabe hinausgegangen und will bis 2026 nicht nur 2,0, sondern 2,2 Prozent der landesweiten Fläche für Windenergie ausweisen. Das ist sehr hilfreich. Ich habe aber auch zwei Kritikpunkte.
Nämlich?
Erstens hat die unterste Behörde, die am Ende die Genehmigung ausstellt, noch immer keine Klarheit darüber, was sie anders machen soll als bisher. Klare Verfahrensregeln etwa in Form von Checklisten gibt es weiterhin nicht.
Und zweitens?
Wir haben bei Genehmigungsverfahren noch immer mit einer wahren Papierarie zu tun. Da passiert noch wenig digital. Das trägt dazu bei, dass die Verfahren sehr lange dauern, im Schnitt noch immer sieben bis acht Jahre. Das müsste man mindestens halbieren. Das muss auch der Anspruch sein.
Heiß diskutiert wird derzeit eine mögliche Aufteilung der bundeseinheitlichen Strompreiszone. Sind Sie als einer der größten Netzbetreiber Norddeutschlands für einen Split?
Ich hätte einen anderen Vorschlag. Man könnte Unternehmern doch sagen: Wenn ihr euer neues Werk dort ansiedelt, wo schon jetzt viel erneuerbarer Strom produziert wird, dann bekommt ihr massive Entlastungen bei Netzentgelten und günstigen Strom. Denn dann spart sich die Allgemeinheit zusätzliche Stromleitungen quer durch die Republik und Netznutzer würden im Norden nicht weiter belastet. Dann benötigen wir auch weniger Redispatch.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Nehmen wir einen Betreiber eines Elektrolyseurs, der ja viel Strom zur Produktion von Wasserstoff braucht. Siedelt er seine Anlage Stand jetzt im Süden an, wäre das angesichts des Erneuerbaren-Überangebots im Norden und unzureichender Übertragungsnetze von Norden nach Süden alles andere als systemdienlich. Für den Ausbau des Netzes würde aber nicht der Betreiber des Elektrolyseurs aufkommen, sondern überproportional die Netznutzer im Norden. Der Unternehmer würde sogar von günstigen Netzentgelten im Süden profitieren. Wenn wir ihm nun aber Vorteile anbieten dafür, dass er sich systemdienlich im Norden ansiedelt, am besten sogar an einem Netzknoten, dann würden nicht nur die Netzausbau- und Redispatchkosten sinken, sondern auch die Preiszonendebatte entschärft werden. Diese Lösung hielte ich für klug.
Das Interview führte Andreas Baumer
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