Von Andreas Baumer
Wie wird der Gasmarkt grüner und 2045 klimaneutral? Im Sommer 2023 stellten die damaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Andreas Rimkus und Bengt Bergt eine Idee ins Schaufenster, die in der Gaswirtschaft auf großes Interesse stieß: eine Grüngasquote.
"Wir wollen einen effektiven Anreiz schaffen, in die Produktion erneuerbarer Gase zu investieren", erklärte Rimkus in einem ZfK-Interview. "Damit wollen wir den Wasserstoffhochlauf voranbringen und der Transformation der Erdgasinfrastruktur einen verlässlichen Rahmen geben. Konkret wollen wir Gaslieferanten verpflichten, von 2025 an einen jährlich steigenden Prozentanteil der durch sie in Verkehr gebrachten Gasmengen durch grüne Gase zu ersetzen. Wir fangen bei 0,67 Prozent an. 2030 sind wir dann bei gut 7,5 Prozent und 2035 bei knapp 48 Prozent. 2045 muss das Gas dann komplett klimaneutral sein."
Die Grüngasquote hat seitdem Karriere gemacht. Zugegeben: Das damalige grün geführte Bundeswirtschaftsministerium griff den Vorschlag nicht auf. Dafür vereinnahmte die Union die Idee für sich. Schließlich schaffte es die Grüngasquote in den schwarz-roten Koalitionsvertrag. Jetzt sät eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft und des Wuppertal-Instituts an der Wirksamkeit einer Grüngasquote erhebliche Zweifel. Die Untersuchung wurde von der Umweltorganisation Bellona in Auftrag gegeben.
Grüngasquote: Starker Anstieg in den 2030er-Jahren
Aus Sicht der Autoren überwiegen die Risiken einer Grüngasquote. Das Instrument trage nicht dazu bei, den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft entscheidend voranzubringen, schreiben sie. Auch die klimapolitische Wirksamkeit stellen sie infrage. Stattdessen warnen sie vor steigenden Kosten und zusätzlicher Bürokratie. "Haushalte und der Gebäudesektor drohen zu den großen Verlierern einer Grüngasquote zu werden."
Die Autoren haben ein Grüngasquoten-Konzept untersucht, das im Frühjahr vom Analysehaus "Frontier Economics" entwickelt wurde. Auftraggeber war damals der Branchenverband DVGW, der 2024 zusammen mit anderen Akteuren die Initiative Grüngasquote ins Leben rief. Demnach steigt die Beimischungsquote in den 2020er-Jahren behutsam, ehe sie im folgenden Jahrzehnt steil nach oben geht. 2040 muss der Grüngas-Anteil bereits 80 Prozent betragen.
Das Problem: Die anfangs niedrige Quote könnte wohl bereits mit dem schon heute zur Verfügung stehenden Biomethan erfüllt werden. Für den Wasserstoffhochlauf fehlten dagegen die Signale, schreiben die Autoren des Instituts der deutschen Wirtschaft und des Wuppertal-Instituts. Erschwerend kommt aus Sicht der Verfasser hinzu, dass die Beimischung von Wasserstoff in Gasnetze den Aufbau eines eigenständigen Wasserstoffnetzes gefährde.
Gaspreise könnten um rund 25 Prozent steigen
Die Grüngasquote suggeriere für private Gaskunden zudem ein Weiter-so mit Gasnetz und Gasheizung. Das könnte dazu führen, dass ein Wechsel etwa zu Wärmepumpen oder Fernwärme verschoben wird. Die Autoren schwingen zuletzt noch die Kostenkeule. Durch die Grüngasquote könnten Gaspreise für Haushalte bis 2040 um rund ein Viertel steigen.
Dass eine Grüngasquote Mehrbelastungen gerade in der Anfangsphase für Industrie und Haushalte bringt, bestreiten übrigens auch Befürworter nicht. "In der Transformation sind die fossilen Produkte oftmals noch günstiger als ihre grünen Pendants", sagte Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer des Maschinenbauerverbands VDMA Power Systems. "Daher brauchen wir vorübergehend Instrumente, um in der Anfangsphase die Kosten von klimaneutralem Gas auf breiter Basis zu senken."
Der Mehraufwand einer gut durchdachten Quotenregelung sei jedoch vertretbar. "Gleichzeitig löst sie aber das Henne-Ei-Problem beim Hochlauf des Wasserstoffs aus erneuerbaren Quellen", erläuterte er.
Welche Grüngasquote das Bundeswirtschaftsministerium vor Augen hat, ist übrigens noch unklar. Das Ministerium prüfe derzeit, wie geeignete Instrumente für den Hochlauf des Wasserstoffmarktes ausgestaltet und zeitnah realisiert werden könnten, darunter auch die Option einer Grüngasquote, teilte ein Sprecher auf ZfK-Anfrage mit.
"Die Prüfung umfasst insbesondere auch, inwieweit ein solches Instrument möglichst bürokratiearm und effektiv die Nachfrage insbesondere nach grünem und kohlenstoffarmen Wasserstoff und damit das nachhaltige Entstehen einer Wasserstoffwirtschaft unterstützen kann." Zum jetzigen Zeitpunkt könne er keine weiteren Details nennen, fügte er hinzu.
Die Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft und des Wuppertal-Instituts finden Sie hier.
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