Kaum einer im Deutschen Bundestag dürfte die Stadtwerkewelt so gut kennen wie Andreas Rimkus. Schließlich arbeitete der gelernte Elektroinstallateurmeister jahrzehntelang für die Stadtwerke Düsseldorf, ehe er 2013 ins Hohe Haus gewählt wurde. Seit dieser Legislaturperiode ist der nun 60-Jährige auch noch Wasserstoffbeauftragter seiner SPD-Bundestagsfraktion. Ein Gespräch über die zukünftige Rolle von Molekülen im Wärmebereich, das umstrittene Heizungsgesetz und eine Grüngasquote als Anreiz für einen schnelleren Wasserstoffhochlauf.
Herr Rimkus, wohl noch nie hat sich eine Bundesregierung so sehr mit dem Thema Wasserstoff beschäftigt wie in diesem Jahr. Dabei gab es in der Koalition viel Streit, wenn es um Anwendungsfelder für den Energieträger ging. Wofür ist Wasserstoff nun gut?
Wasserstoff ist ein Top-Energieträger und -speicher. Auch in der Grundstoffindustrie gibt es Riesenpotenzial. Nehmen wir nur das Beispiel ThyssenKrupp in Duisburg: Da wurde an einem Hochofen Kohlenstaub durch Wasserstoff ersetzt. Hier ist Wasserstoff ein wahrer Gamechanger.
Und welche Rolle spielt Wasserstoff im Gebäudebereich?
Eine große, wenn wir an die Vergrünung der Fernwärme denken. Hier wird Wasserstoff als Brennstoff in Heizkraftwerken wichtig werden. Aber auch für Haushaltskunden kann Wasserstoff eine sinnvolle Option sein. Auch hierzu ein Beispiel.
Gern.
Bei mir zu Hause kostet der Einbau einer Wärmepumpe ohne Förderung ungefähr 50.000 Euro. Will ich mich an die Fernwärme anschließen lassen, müsste ich für den Wärmetauscher 5000 Euro zahlen. Möchte ich meinen Gaskessel wasserstofffähig machen, wären es nur noch 500 Euro. Da ist doch klar, dass sich viele sagen: Gib mir lieber grünes Gas. Dann muss ich nicht selbst das viele Geld investieren.
Dabei steht in der Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie, dass der Einsatz von Wasserstoff in der dezentralen Wärmeerzeugung "eine eher nachgeordnete Rolle" spielen werde. Sehen Sie das anders?
Wir müssen vor Ort sehen, wo der Einsatz sinnvoll ist. Genau das sollen die Städte und Gemeinden mit der kommunalen Wärmeplanung ja auch tun. Es gibt im Ruhrgebiet Gegenden, wo Wohnungen und Industrie nicht voneinander abgrenzbar sind, wo beide am gleichen Gasverteilnetz hängen. Dort wird die Industrie ohnehin auf Wasserstoff umsteigen, um ihre Klimaziele zu erreichen. Weshalb sollte ich dann den betroffenen Haushalten verbieten, ihre Wohnungen mit Wasserstoff zu beheizen?
In anderen, weniger industriellen und tendenziell ländlicheren Regionen wird sich dagegen die Frage stellen, ob überhaupt genügend Wasserstoff zur Verfügung stehen wird, um auch Haushalte zu beheizen. Zudem ist unklar, wie viele Optionen Verbraucher nach Erstellung der Wärmepläne faktisch haben werden. Das Heizungsgesetz macht es hier den Netzbetreibern nicht gerade leicht.
Wenn hier etwas pragmatischen Lösungen im Weg steht, ist das für unser immer ein Handlungsauftrag. Entscheidend wird sein, dass wir einen Ausgleich schaffen. Wir müssen vermeiden, dass die eine Straßenseite zwischen mehreren Optionen entscheiden kann, die andere aber nicht und dann allein gelassen wird. Wir benötigen Frieden in den Heizungskellern. Und dafür brauchen wir einen möglichst großen Werkzeugkasten, der von Elektronen bis hin zu flüssigen und gasförmigen Molekülen reicht.
Wie zufrieden sind Sie mit dem Heizungsgesetz?
Wir haben das Gesetz in den parlamentarischen Verhandlungen deutlich verbessert. Wir haben es sozusagen vom Kopf auf die Füße gestellt. Aber klar ist auch, dass noch Dinge fehlen, die wir im Wärmeplanungsgesetz machen müssen.
Weniger Hürden bei der Transformation der Gasnetze zum Beispiel?
Wir müssen auf jeden Fall die Pläne zur Transformation der Gasnetze noch stärker mit der kommunalen Wärmeplanung verzahnen. Das Wasserstoff-Kernnetz, dessen gesetzliche Grundlage wir parallel in der Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes verhandeln, ist eine wunderbare Idee. Aber auch die Gasverteilnetze müssen mitadressiert werden, damit Industrie, Gewerbe und Haushalte eine Perspektive bekommen.
Wir müssen außerdem den Mut finden, nicht nur zusätzliche finanzielle Mittel in das Gebäudeenergiegesetz zu stecken, sondern auch in die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze. Wir müssen die Schicksalsgemeinschaft von Energie und Netzen immer zusammendenken.
Kommen wir zum Grüngasquotenkonzept, das Sie zusammen mit Ihrem Fraktionskollegen Bengt Bergt vorgeschlagen haben. Was steckt dahinter?
Wir wollen einen effektiven Anreiz schaffen, in die Produktion erneuerbarer Gase zu investieren. Damit wollen wir den Wasserstoffhochlauf voranbringen und der Transformation der Erdgasinfrastruktur einen verlässlichen Rahmen geben. Konkret wollen wir Gaslieferanten verpflichten, von 2025 an einen jährlich steigenden Prozentanteil der durch sie in Verkehr gebrachten Gasmengen durch grüne Gase zu ersetzen. Wir fangen bei 0,67 Prozent an. 2030 sind wir dann bei gut 7,5 Prozent und 2035 bei knapp 48 Prozent. 2045 muss das Gas dann komplett klimaneutral sein.
Dabei könnten Lieferanten anfangs statt erneuerbarem Gas auch Gase mit reduziertem Kohlendioxid einsetzen?
Genau. Es muss dann aber so viel davon beschafft werden, dass die Treibhausgasemissionen im selben Maße gemindert werden. Es müsste also ein größerer Anteil an Erdgas durch sogenanntes Low-Carbon-Gas ersetzt werden, als dies beim Einsatz des erneuerbaren Gases der Fall wäre. Dies führt dazu, dass der Einsatz von Low-Carbon-Gasen nur zeitlich begrenzt möglich ist, weil ich damit logischerweise niemals die vollständige Treibhausgasvermeidung erreichen würde.
Wie ist denn Ihr Grüngasquotenkonzept bislang angekommen?
In der Energiebranche und weiten Teilen der Industrie haben wir sehr viele positive Rückmeldungen erhalten.
Und bei Ihren Koalitionspartnern?
Ich gehe davon aus, dass es dort ebenfalls auf fruchtbaren Boden fällt. Unser Konzept kostet ja den Staat nichts. Das dürfte die FDP begrüßen. Zudem würde unser Vorschlag garantieren, dass die Gaswirtschaft bereits von 2025 an immer grüner wird, und zwar deutlich schneller, als beispielsweise durch die EU-Regulierung vorgegeben. Das dürfte unsere grünen Koalitionspartner zufriedenstellen. Man muss ja auch sagen, dass wir hier nicht eine vom Rest der Welt losgelöste Debatte führen.
Sondern?
Mit Blick auf die EU – Stichwort Gasbinnenmarktpaket und EU-Richtlinie für erneuerbare Energien – wissen wir schon jetzt sicher, dass neue Quotenregelungen auf uns zukommen. Uns geht es darum, nicht nur das Minimum zu tun, sondern dieses Instrument möglichst ambitioniert auszugestalten, um die Transformation voranzubringen und der grünen Wasserstoffwirtschaft einen starken Wachstumsimpuls zu geben.
Das Interview führten Andreas Baumer und Ariane Mohl
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