Wenn es um die Zukunft des deutschen Strommarkts geht, ist Lion Hirth in der Regel nicht weit weg. Der frühere Vattenfall-Marktanalyst ist nicht nur Energiepolitik-Professor an der renommierten Hertie School sowie Gründer und Chef des Consultingunternehmens Neon, sondern berät auch das Bundeswirtschaftsministerium in Energiefragen. Ein Interview über Toleranzgrenzen bei Strompreisspitzen, komplizierte Kapazitätsmechanismen und die Aussicht auf stabilere Strompreise in der Zukunft.
ZfK: Herr Hirth, die Bundesregierung hält einen deutschen Kapazitätsmechanismus für notwendig, um in Versorgungssicherheit zu investieren. Sie gelten als Verfechter des Merit-Order-basierten Energy-Only-Marktes. Aber hat genau dieser Markt an dieser Stelle nicht versagt?
Nein, diese Aussage ist so nicht korrekt. Es ist natürlich möglich, dass sich Kraftwerke durch Preisspitzen refinanzieren. Dann müssten wir aber in Knappheitssituationen zulassen, dass die Strompreise in den hohen drei- und vierstelligen Eurobereich je Megawattstunde steigen.
Und das trauen Sie Deutschland nicht zu?
Die Energiekrise hat jedenfalls gezeigt, dass Politik, Wirtschaft und Medien, aber auch ganz normale Menschen nicht bereit sind, solch hohe Strompreise zu akzeptieren, weil sie die Mechanismen nicht verstehen oder glauben, dass sich da jemand bereichert.
Entsprechend haben wir Erlösabschöpfungen und Preisdeckel gesehen. Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass Investoren kein Vertrauen mehr darin haben, dass sie Gaskraftwerke über wenige hohe Preisspitzen im Jahr refinanzieren können. Wenn man an diesem Punkt ist, dann braucht man eben einen Kapazitätsmechanismus, der die notwendigen Investitionssignale bereitstellt.
An diesem Punkt ist die Bundesregierung nun und hat von der Branche vier Kapazitätsmechanismus-Optionen sondieren lassen. Welche halten Sie für optimal?
Die Frage ist immer, was man sich wünschen kann. Wenn Politik und Öffentlichkeit hohe Knappheitspreise aushalten würden, wäre eine Absicherungspflicht die minimalinvasivste und eleganteste Lösung. Aber ich kann anerkennen, dass der Druck auf die Bundesregierung, den Neubau steuerbarer Kraftwerke sicherzustellen, sehr hoch ist.
Dieser Druck kommt ja nicht von irgendwo. Dabei handelt es sich ja um reale Bedürfnisse und Wünsche von Unternehmen, Verbänden und der Öffentlichkeit. Bei einer reinen Absicherungspflicht ist jedoch nicht garantiert, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Anzahl von Gaskraftwerken in Betrieb geht.
Mit Ausschreibungen in einem zentralen Kapazitätsmarkt kann man das dagegen schon mit einer gewissen Sicherheit garantieren. Insofern kann ich anerkennen, dass wir auch ein zentrales Element, also direkte staatliche Ausschreibungen von Kraftwerksleistung, benötigen.
Womit wir beim Kombi-Modell aus zentralen und dezentralen Elementen sind, welches das Wirtschaftsministerium favorisiert. Aber benötigt Deutschland überhaupt auf Wasserstoff umrüstbare Gaskraftwerke über jene zwölf Gigawatt hinaus, die in separaten Kraftwerksausschreibungen angereizt werden sollen?
Es ist unstrittig, dass Deutschland noch in diesem Jahrzehnt eine substanzielle Menge an neuen Kraftwerken benötigt. Dann aber hört die Sicherheit auch schon auf. Wie groß die Rolle von Wasserstoffkraftwerken wirklich ist, hängt von vielfachen Entwicklungen ab, die noch nicht völlig absehbar sind.
Nehmen wir das Thema Demand Side Management, also die Steuerung der Stromnachfrage durch das gezielte Ab- und Zuschalten von Lasten aufgrund von Marktsignalen. Dieses Thema wird von Entscheidungsträgern notorisch unterschätzt – sowohl in der Industrie als auch von Verbänden und der Politik.
Können Sie das ausführen?
Das Stromsystem hat 150 Jahre lang so funktioniert, dass sich im Wesentlichen die Produktion nach dem Verbrauch richtete. Das wird in dieser Einseitigkeit zukünftig nicht mehr der Fall sein. Wir müssen in der Elektrolyse, in der Elektromobilität, bei Wärmepumpen, aber auch im industriellen Stromverbrauch deutlich stärker die Möglichkeit mitdenken, dass auch mal für eine Weile der Verbrauch reduziert, wenn Wind- und Photovoltaikanlagen weniger Strom produzieren, – oder auch gesteigert wird, wenn beispielsweise zur Mittagszeit die Sonne scheint und Strom im Überfluss vorhanden ist.
Tragischerweise ist dieser elementare Aspekt in einem Kapazitätsmechanismus notorisch schlecht abzubilden, weil diese Fähigkeit sich nur schwer in die Nennleistung eines Kraftwerks übersetzen lässt. Ich habe die Sorge, dass durch den Kapazitätsmechanismus das alte Energiesystem zementiert und Lösungen des 21. Jahrhunderts von Batterien bis Hochtemperatur-Wärmespeichern benachteiligt werden.
Daher ist dem Wirtschaftsministerium das dezentrale Element auch so wichtig. Eine Heirat aus zentralen und dezentralen Elementen macht den Kapazitätsmarkt aber doch ziemlich kompliziert, oder?
Das stimmt. Aber ein guter Kapazitätsmechanismus, der einigermaßen technologieneutral ist und all die oben genannten Wünsche auch nur in Ansätzen erfüllt, ist notwendigerweise ganz schön kompliziert. Einen schönen Kapazitätsmechanismus gibt es nicht.
Welche Auswirkungen hat ein Kapazitätsmechanismus eigentlich auf den Energy-Only-Markt? Wird er Preisspitzen dämpfen?
Ich hoffe nicht. Kapazitätsmärkte sind kein Ersatz für Knappheitssignale auf dem Strommarkt. Wir müssen dem Strommarkt die Möglichkeit geben, in Zeiten großer Knappheit, wenn Strom teuer und wertvoll ist, den echten ökonomischen Wert von Strom auch preislich abzubilden. Kapazitätsmärkte sind auch nicht unabhängig vom Strommarkt, sondern basieren auf ihm.
Die Rückzahlungsverpflichtungen, die Kraftwerksbetreiber auferlegt bekommen, weil sie im Kapazitätsmarkt sind, errechnet sich aus dem Spotpreis. Wir brauchen also einen gut funktionierenden Spotmarkt, damit auch Kapazitätsmechanismen eine Chance haben, gut zu funktionieren. Das heißt: Wir müssen zulassen, dass Preise manchmal sehr hoch und oft auch sehr niedrig sein werden.
Das dürften Unternehmen und Haushalte, die sich stabile Preise wünschen, ungern hören.
Deshalb ist es wichtig, dass Versorger und Unternehmen auch in Zukunft die Möglichkeit haben, sich preislich abzusichern und sich auf den Terminmärkten einzudecken. Auch das müssen wir bei der Ausstattung des Kapazitätsmechanismus mitdenken. Es muss klar sein: Wer Preisspitzen vermeiden will, muss sich auch in Zukunft absichern.
Das Interview führten Andreas Baumer und Julian Korb
Teil zwei des Interviews, bei dem es um die Reform der Erneuerbaren-Förderung geht, erscheint in den kommenden Tagen. Zudem dreht sich der Schwerpunkt der neuen ZfK-Printausgabe, die am Montag erscheint, um das Strommarktdesign. Das neue E-Paper finden Sie dann hier.
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