Wie lassen sich Netzentgelte, die nicht zuletzt durch den Wegfall eines milliardenschweren Bundeszuschusses stark gestiegen sind, wieder dämpfen? Diese Debatte hat in den vergangenen Tagen an Fahrt gewonnen. Dabei zeigten große Netzbetreiber auf, wie – fernab von Netzausbau und Redispatch – bereits kleine Auflagen Mehrkosten in schwindelerregender Höhe verursachen.
Leonhard Birnbaum, Chef des Energiekonzerns Eon, zu dem beispielsweise die Netzbetreiber Westenergie und Bayernwerk gehören, nannte das Beispiel Anschlusspflicht für Biogasanlagen. Laut Verordnung sind Netzbetreiber verpflichtet, entsprechende Anlagen auf Betreiberantrag an ihr Gasnetz anzuschließen.
"Anschluss kostet schnell mal fünf Millionen"
Aber: Die anfallenden Netzanschlusskosten muss der Betreiber zu höchstens 25 Prozent übernehmen. Bei einem Betrag von 250.000 Euro mit einer Länge von bis zu einem Kilometer ist Schluss.
"So ein Anschluss kostet aber schnell mal fünf Millionen Euro", sagte Birnbaum auf dem "Handelsblatt"-Energiegipfel. "Den Rest sozialisieren wir auf die Netzkunden." Allein bei den Eon-Netztöchtern würden so mittlere dreistellige Millionensummen auflaufen.
"Milliarden zum Fenster rausgeschmissen"
Beim norddeutschen Energiekonzern EWE, der in Niedersachsen und Brandenburg Netze betreibt, bewegen sich die Kosten sogar im hohen dreistelligen Bereich, wie das Unternehmen bestätigte. Kleine Sünden seien das nicht, bilanzierte Eon-Chef Birnbaum. Insgesamt würden durch diese Regelung "Milliarden einfach so zum Fenster rausgeschmissen".
Eigene kostspielige Beispiele hatte Stefan Kapferer, Chef des ostdeutschen Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz, parat. Es gebe eine Ersatzbaustoffverordnung der Europäischen Union, sagte er. "Die zwingt mich dazu, Erde, die ich beim Kabeltunnelprojekt in Berlin ausheben muss, auch in Berlin zu lagern. Ich darf die nicht nach Brandenburg bringen." In Berlin sei aber Lagerfläche knapp. "Das kostet zehn Millionen [Euro] extra."
Freileitungen statt Erdkabel
In Sachsen-Anhalt wiederum zwinge die Landesregierung sein Unternehmen, jeden Meter Erde, der für die Stromtrasse Südostlink benötigt werde, vorab archäologisch zu untersuchen. "Kosten: 80 Millionen Euro", sagte Kapferer. "Das sind alles Kosten, die überhaupt keinen Beitrag zur Klimaneutralität leisten. Da bräuchten wir einen gemeinsamen Ansatz, um die Kosten in den Griff zu kriegen."
Kapferer sprach sich außerdem dafür aus, künftig wieder verstärkt Freileitungen anstelle von Erdkabelleitungen zu bauen. Damit ließen sich bis zu 20 Milliarden Euro sparen, führte er aus. Für diesen Vorschlag hatten sich zuletzt auch die Netzbetreiber Tennet und Transnet BW stark gemacht. (Die ZfK berichtete.)
Müller prognostiziert öffentliche Debatte
Ebenfalls auf dem "Handelsblatt"-Energiegipfel hatte Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller vor den Auswirkungen kurzfristiger Netzentgelterhöhungen gewarnt. Er prognostizierte, dass es Richtung Ostern oder Pfingsten noch einmal eine öffentliche Debatte über die Netzkosten geben werde.
Bis dahin ist es auch Grundversorgern möglich, ihre Preise den gesetzlichen Regeln entsprechend anzupassen. "Dann werden wir vorbereitet sein", sagte der Behördenchef, ohne konkreter zu werden, was er damit genau meinte. (aba)
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