Nach Auffassung des Bundesnetzagentur-Präsidenten Klaus Müller sind die Folgen kurzfristiger Netzentgelterhöhungen infolge des Wegfalls eines milliardenschweren Bundeszuschusses noch lange nicht verdaut.
"Ich glaube, dass das in der Bevölkerung noch nicht richtig angekommen ist", sagte er beim diesjährigen Handelsblatt-Energiegipfel. Möglicherweise sei das auch darauf zurückzuführen, dass seine Behörde auf Wunsch des Stadtwerkeverbands VKU Verteilnetzbetreibern viel Flexibilität bei der Kostenvergabe gewährt habe.
5,5 Milliarden Euro brechen weg
Für die Bundesbehörde ist es demnach ein "gangbarer Weg", wenn die Netzentgelte nicht zum Jahresanfang angepasst werden und stattdessen die vorläufigen Entgelte bestehen bleiben. Ihr sei daran gelegen, "dass die im Wettbewerb befindlichen Stromlieferanten nicht übermäßig belastet werden", schrieb Müller vor Weihnachten auf VKU-Nachfrage. (Die ZfK berichtete.)
Eigentlich wollte die Bundesregierung eine Verdopplung der durchschnittlichen Übertragungsnetzentgelte vermeiden, indem sie 5,5 Milliarden Euro aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds zuschießen wollte. Dieser wurde jedoch nach einem umfassenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts aufgelöst.
Netzentgelte um 20 Prozent gestiegen
Der Zuschuss wurde angesichts notwendiger Haushaltszwänge ersatzlos gestrichen. In der Folge stiegen nach Angaben der Übertragungsnetzbetreiber die entsprechenden Entgelte im Mittel tatsächlich von 3,12 Cent pro Kilowattstunde (kWh) auf 6,43 Cent.
Nach Zahlen des Energiedienstleisters Enet gingen im Januar die Netzentgelte im Durchschnitt um 20 Prozent nach oben. Einige Stromversorger wie die Schweriner Wemag verzichteten bislang, gestiegene Netzkosten direkt an ihre Kunden weiterzureichen.
Öffentliche Debatte Richtung Ostern
Leonhard Birnbaum, Chef des größten deutschen Stromlieferanten Eon, geht allerdings davon aus, dass am Ende alle Versorger politisch bedingte Aufschläge an ihre Kunden weitergeben müssen. "Vielleicht nicht sofort, aber wohl in den kommenden Monaten", sagte er der "Rheinischen Post".
Bundesnetzagentur-Präsident Müller prognostizierte nun, dass es Richtung Ostern oder Pfingsten noch einmal eine öffentliche Debatte über die Netzkosten geben werde. Bis dahin ist es auch Grundversorgern möglich, ihre Preise den gesetzlichen Regeln entsprechend anzupassen. "Dann werden wir vorbereitet sein", sagte der Behördenchef.
"Keine einzige Einsparentscheidung konfliktfrei"
Auf die Nachfrage, was dies denn genau bedeute, blockte Müller ab. Er berate Bundesregierungen nicht über Handelsblatt-Energiegipfel, sondern in vertauensvollen Gesprächen. Nur so viel: "Keine einzige Einsparentscheidung ist eine konfliktfreie Entscheidung."
Zuvor hatte sich Stefan Kapferer, Vorsitzender der Geschäftsführung beim Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, dafür ausgesprochen, künftig wieder verstärkt Freileitungen anstelle von Erdkabelleitungen zu bauen. Damit ließen sich bis zu 20 Milliarden Euro sparen, führte er aus. Für diesen Vorschlag hatten sich zuletzt auch die Netzbetreiber Tennet und Transnet BW stark gemacht. (Die ZfK berichtete.)
Kapferer räumt mit Missverständnis auf
Fraglich ist allerdings, wie groß die Akzeptanz in der betroffenen Bevölkerung für diese Maßnahmen wäre. Bundesnetzagentur-Chef Müller beschwichtigte. Es gebe zwar nach wie vor Widerstand, berichtete er. "Aber es ist weniger [geworden]."
50Hertz-Chef Kapferer räumte zudem mit einem Missverständnis auf. Die Investitionen in neue Netze seien nicht der Haupttreiber der Übertragungsnetzentgelte, sagte er. Verantwortlich seien dafür vielmehr zwei andere Punkte. "Wir haben extrem hohe Redispatch-Aufwendungen", sagte er. "Und wir haben für diese hohen Redispatch-Aufwendungen hohe Strompreise."
Rückgang der Redispatch-Kosten ab 2027
Tatsächlich gehen die Übertragungsnetzbetreiber davon aus, dass zumindest die Redispatch-Kosten mittelfristig wieder zurückgehen dürften. "Mit jedem Lückenschluss im Übertragungsnetz sinkt der Bedarf für Engpassmanagement", sagte Amprion-Chef Hans-Jürgen Brick vergangenen Herbst im ZfK-Interview.
"Unsere Prognosen zeigen, dass mit der Fertigstellung einzelner Projekte ab dem Jahr 2027 eine Trendumkehr bei den Engpassmanagementkosten entsteht." (aba)



