Von Andreas Baumer
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat die zweite Stufe des Notfallplans Gas, die sogenannte Alarmstufe, auf die erste Stufe, die sogenannte Frühwarnstufe herabgesetzt. Seit dem 23. Juni 2022 hatte die zweite Stufe des Notfallplans gegolten. Damals war der russische Energiekonzern Gazprom mittendrin, die Gasflüsse über die Ostseepipeline Nord Stream 1 zu drosseln.
Zur Ausrufung der dritten Stufe des Notfallplans, der sogenannten Notfallstufe, war es nie gekommen. Eine Gasnot, die eine staatlich gelenkte Zuweisung von knappem Gas an Kunden bedeutet hätte, trat nicht ein. Hier ein Überblick:
Was unterscheidet die Frühwarnstufe von der Alarmstufe?
Damit sendet das Bundeswirtschaftsministerium das Signal, dass es auf absehbare Zeit nicht mit einer Beeinträchtigung der Gasversorgung rechnet.
Voraussetzung für die Alarmstufe ist, dass eine Störung der Gasversorgung oder eine außergewöhnliche Gasnachfrage vorliegt, die zu einer erheblichen Verschlechterung der Gasversorgungslage führt. In der Alarmstufe ist der Markt aber noch in der Lage, diese Störung oder Nachfrage zu bewältigen, ohne dass der Staat eingreifen muss.
Noch aber wiegt das Bundeswirtschaftsministerium Deutschland nicht ganz in Sicherheit. Da durch geopolitische Einflüsse Risiken mit Wirkungen auf den Gasmarkt nicht auszuschließen seien, werde die Frühwarnstufe derzeit noch beibehalten, schreibt das Ministerium. Als mögliche Bedrohungen gelten Anschläge auf wichtige Gaspipelines – etwa die norwegischen Pipelines zum europäischen Festland – oder eine künstliche Verknappung von Gas durch das Schließen wichtiger Seehandelsrouten. In den Sinn kommt beispielsweise die Straße von Hormus, die die Golfregion mit dem Indischen Ozean verbindet.
Was passiert in der Frühwarnstufe?
Zentral ist ein sogenanntes Bundeskrisenteam, das regelmäßig tagt. Zum Krisenteam gehören neben Vertretern des Wirtschaftsministeriums auch Vertreter der Bundesnetzagentur, des Marktgebietsverantwortlichen THE, der Fernleitungsnetzbetreiber und der Bundesländer.
Das Krisenteam beobachtet die Entwicklung des Gasmarkts auf Basis täglicher Meldungen von Fernleitungsnetzbetreibern und des Marktgebietsverantwortlichen. Auch die EU-Kommission ist eingebunden.
Fernleitungs- und Verteilnetzbetreibern kommt eine besondere Systemverantwortung zu. Gasversorger sind prinzipiell verpflichtet, das Wirtschaftsministerium bei der Lagebeurteilung zu unterstützen und im Zweifel im Bundeskrisenteam mitzuwirken. Verbände wie der BDEW oder der DVGW können als nichtständige Mitglieder ebenfalls in das Krisenteam einberufen werden.
Für Verbraucher ändert sich mit der Ausrufung der Frühwarnstufe nichts. Die Versorgungssicherheit ist gewährleistet. Es gibt aktuell keine Versorgungsengpässe.
Warum braucht Deutschland die zweite Stufe des Notfallplans Gas nicht mehr?
Laut Reiche liegen die Voraussetzungen dafür nicht mehr vor. Die Ministerin nannte die Errichtung von Flüssigerdgasterminals, die Auffächerung der Gasversorgung und die Stabilisierung der Gaspreise als Gründe.
Wie viele Flüssigerdgasterminals hat Deutschland inzwischen?
In Betrieb sind insgesamt vier schwimmende Flüssigerdgasterminals in Wilhelmshaven (Niedersachsen), Brunsbüttel (Schleswig-Holstein) und auf Rügen (Mecklenburg-Vorpommern). Laut Reiche sind sie in diesem Jahr auch schon komplett ausgebucht.
Wie ist der deutsche Gasimportmix aktuell?
Im Vergleich zur Vorkrisenzeit hat er sich deutlich verändert. Laut Reiche war Deutschland im Jahr 2021 noch zu 65 Prozent von russischem Gas abhängig. Nach Angaben der Bundesnetzagentur stammten die Gasimporte im vergangenen Jahr zu 48 Prozent aus Norwegen, zu 25 Prozent aus den Niederlanden und zu 18 Prozent aus Belgien. Anzumerken ist hier, dass ein Großteil des aus Belgien und den Niederlanden stammenden Gases Flüssigerdgas ist. Ein Großteil davon kommt aus den USA.
Experten gehen davon aus, dass die globalen Flüssigerdgasmengen auch wegen steigender Nachfrage und neuer erschlossener Gasfelder etwa in Katar in den nächsten Jahren steigen werden.
Haben sich die Gaspreise wirklich stabilisiert?
Am Dienstagmittag notierte die Megawattstunde für den Liefermonat Juli am Handelsplatz TTF bei 34 Euro. Auf dem Höhepunkt des jüngsten Krieges zwischen Israel und dem Iran schnellte der Gaspreis auf bis zu 42 Euro hoch. In der Energiekrise lagen die Preise allerdings deutlich darüber und erreichten in der Spitze mehr als 300 Euro pro Megawattstunde (MWh).
Im Vergleich zu den 2010er-Jahren sind die Gaspreise aber noch immer sehr hoch. Damals galten 20 Euro pro MWh als normal.
Wie ist die Lage auf dem Gasspeichermarkt?
Die Lage bessert sich. Inzwischen sind die deutschen Gasspeicher im Durchschnitt wieder zu mehr als 50 Prozent gefüllt. Allein in den vergangenen Monaten stieg der Füllstand um neun Prozentpunkte. Bis zum 1. November müssen die Gasspeicher maximal zu 70 Prozent gefüllt sein, manche Gasspeicher müssen sogar nur 40 Prozent erreichen.
Den bundesdeutschen Schnitt drückt insbesondere Deutschlands größter Gasspeicher im niedersächsischen Rehden. Theoretisch hätten dort bis zu 45 Terawattstunden (TWh) Platz. Das entspricht etwa fünf Prozent des gesamten jährlichen Gasverbrauchs in Deutschland. Derzeit ist die Anlage jedoch nur zu zwei Prozent voll.
Derzeit sei es unwirtschaftlich, in Rehden einzuspeichern, erklärte Reiche. "Er wird derzeit nicht benötigt." Das sei aber kein Anlass zur Sorge, weil andere Gasspeicher deutlich voller seien und zudem Flüssigerdgasterminals als Alternative bereitstünden.
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