Bruno Burger, Professor am Fraunhofer ISE und Leiter der Datenplattform Energy-Charts

Bruno Burger, Professor am Fraunhofer ISE und Leiter der Datenplattform Energy-Charts

Bild: © Fraunhofer ISE

Stunden mit negativen Preisen prägten den Strommarkt im Jahr 2024 aber auch zwei Dunkelflauten. Das heizte auch die Debatte um Stromimporte, neue Kraftwerke und die Kernenergie weiter an. Bruno Burger ist Professor am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE und hat die Plattform Energy-Charts aufgebaut. Mit seinen Analysen zu Strompreisen und zur Energiewende ist er auch in der Tagespresse ein gefragter Gesprächspartner.

Herr Burger, die Dunkelflauten im November und im Dezember dürften vielen in Erinnerung geblieben sein. War 2024 es ein gutes oder schlechtes Jahr am Strommarkt? 

Das ist genau das Problem. Wir hatten eigentlich 15 Prozent niedrigere Strompreise als im Vorjahr. Das Thema Dunkelflaute wird aber immer wieder hochgekocht. Im Fernsehen wird dann über Betriebe berichtet, die ihre Arbeiter nach Hause schicken. Aber es gibt ja auch die andere Seite. Wir hatten gut 450 Stunden mit Strompreisen unter null Euro. Da konnten die Maschinen auf Hochtouren laufen – und das umsonst. Das schafft es leider nie in die Presse.  Am Ende gab es am Strommarkt nur an vier Tagen hohe Preisausschläge. Der Strommarkt hat da immer noch funktioniert und die Reservekraftwerke mussten nicht einspringen.

Bei den hohen Strompreisen gab es eine Debatte, ob einzelne Energieerzeuger ihre Marktmacht ausgenutzt haben. Wie blicken Sie darauf? 

Wir haben uns das angeschaut. Es waren viele Kraftwerke nicht verfügbar, aber das hatte hauptsächlich technische Gründe. Wir sehen nicht, dass Kraftwerke absichtlich zurückgehalten wurden. Letztendlich haben wir einen europäischen Strommarkt und die Versorger können ihren Strom gemäß den kalkulierten Kosten anbieten. Die Strombörse entscheidet dann aufgrund der Gebote, der Bedarfe und der Netzkapazitäten, wer produzieren darf.

Warum wurde die Kapazitätsreserve nicht genutzt?

Wir haben 1,4 GW Kraftwerke in der Kapazitätsreserve. Die dürfen aber erst ab einem Börsenstrompreis von 4000 Euro pro MWh in den Markt eingreifen. Da könnten wir mal überlegen, ob bei Extremfällen wie im Dezember eine so hohe Grenze gerechtfertigt ist oder ob diese nicht weiter nach unten gesetzt werden sollte. Zudem haben wir 8,6 GW Kraftwerke in der Netzreserve, die in Extremfällen auch eingesetzt werden könnten. Auf der anderen Seite schaffen solch hohe Preisausschläge auch einen Anreiz für den Bau von Speichern. 

Bei großen Kraftwerken ist bekannt, wann diese laufen. Bei kleineren Anlagen ist das schon schwieriger. Ist die fehlende Transparenz ein Problem? 

Die Meldepflicht für Viertelstundenwerte gilt erst ab 100 Megawatt Leistung. Anlagen ab einem Megawatt sind zwar auch meldepflichtig, aber nur für Monatsenergien. Aus diesen lässt sich nicht mehr erschließen, was diese Kraftwerke zu einer bestimmten Stunde gemacht haben. Bei Kraftwerken unter einem Megawatt, was für viele Blockheizkraftwerke der Fall ist, gibt es keine Meldepflicht. Viele wärmegeführte Blockheizkraftwerke wissen auch gar nicht, wo der Börsenstrompreis liegt und greifen deshalb nicht aktiv in das Geschehen ein. Das ist schon ein Problem. 

2024 stieg der Importanteil beim Strom weiter. Können wir uns noch selbst versorgen? 

Wir hatten einen Importsaldo von rund 25 Terawattstunden. Deswegen meinen manche, dass die Welt untergeht. Aber wir können uns allein versorgen. Frankreich hat im Sommer viel Strom aus Kernkraft übrig und bietet diesen günstig an der Börse an. Wenn es hart auf hart kommt, dreht sich die Stromrichtung auch wieder. Gerade erst haben wir im Winter wieder mehr Strom nach Frankreich geliefert als von dort importiert. Wenn wir 2025 erneut15 Gigawatt Solar und noch Windenergie ausbauen, könnten wir die Importe im Saldo ausgleichen. Tatsächlich wird aber aufgrund der Kosten auch die fossile Erzeugung weiter sinken, so dass wir trotzdem noch Strom im Saldo importieren werden. Entscheidend ist vor allem, ob wir weniger Gas verbrauchen. 

Können Sie das ausführen? 

Gas ist gerade kritisch, weil keines mehr durch die Pipeline in der Ukraine fließt. Deshalb ist die Frage, wie sich der Gaspreis entwickelt. Und der Gaspreis macht letztendlich über die Merit-Order den Strompreis. Wenn wir auf die Strompreise 2025 schauen, zählen vor allem zwei Dinge: Wie entwickelt sich die erneuerbare Erzeugung? Und wie ist der Gaspreis? Mit zunehmender erneuerbarer Erzeugung sinkt der Strompreis und die Volllaststunden der Gaskraftwerke fallen. Das kann einen eventuell steigenden Gaspreis teilweise kompensieren. Wenn der Gaspreis 2025 aber stark steigt, kann es durchaus sein, dass auch der Strompreis steigt. 

Norwegen und Schweden haben angekündigt, die Stromexporte nach Deutschland prüfen zu wollen. Inwiefern können wir uns darauf überhaupt verlassen? 

Wir haben uns die Situation in Norwegen angeschaut. In Norwegen gibt es viele Smart Meter und die Börsenstrompreise werden an die Endkunden durchgereicht.  Während der Dunkelflaute flossen von 25 GW Erzeugung nur 1,4 GW nach Deutschland. Der Staatskonzern Statkraft verdient also im Inland mehr mit den hohen Preisen als im Export. Deshalb subventioniert der Staat mit den zusätzlichen Einnahmen wieder die Strompreise in Norwegen, wenn diese über 7 Cent die Kilowattstunde steigen, aber eben nur zu 90 Prozent. Der eigentliche politische Streit in Norwegen geht deshalb darum, ob der Staat hohe Strompreise zu 90 oder zu 100 Prozent subventionieren sollte. Das ist also eine norwegische Diskussion, die mit Deutschland wenig zu tun hat. 

Mit Blick auf Frankreich sagen Kritiker, Deutschland würde hier Atomstrom durch die Hintertür nutzen. Wie sehen Sie das? 

Frankreich ist ein großer Profiteur des europäischen Strommarktes. Gäbe es ihn nicht, müsste Frankreich im Sommer fast die Hälfte der Kernkraftwerke abschalten. Dann wären diese Anlagen alle unrentabel. Im Winter wiederum braucht Frankreich viel elektrischen Strom zum Heizen, dann profitieren sie zeitweise als Importeur. 

Würden wir nicht auch von neuen Kernkraftwerken profitieren, gerade im Winter? 

Wir haben in Deutschland die drei letzten Kernkraftwerke abgeschaltet und die hatten zuletzt sechs Prozent des Stroms erzeugt. Alle Kernkraftwerke sind im Rückbau und die Betreiber haben erklärt, dass es mit ihnen keine Wiederinbetriebnahme geben wird. Wir sollten die Diskussion um die Kernenergie endlich beerdigen und den Blick nach vorne richten auf die Stromerzeugung der Zukunft.

Frankreich setzt weiterhin auf die Kernkraft

Wenn man sich die Pläne des französischen Netzbetreibers RTE anschaut, gibt es sechs verschiedene Szenarien. Im ersten Szenario werden nur Erneuerbare zugebaut und es gibt keine Atomkraft mehr. Das sechste Szenario ist das Atomkraftszenario. Aber hier wird die Kapazität von Kernkraftwerken bis 2045 nur konstant gehalten. Der zusätzliche Stromverbrauch durch die Sektorkopplung kommt aus erneuerbaren Energien. Selbst Frankreich plant also keinen Nettozubau von Atomkraftwerken. Außerdem hat der französische Rechnungshof gerade vor den hohen Kosten der Kernenergie gewarnt.

Ein großer Hoffnungsträger im Wahlprogramm der Union ist die Kernfusion. Auch bei FDP und AfD kommt sie vor. Was halten Sie von der Technologie? 

Es gibt drei Konzepte für die Kernfusion. Der Tokamak ist am weitesten erforscht und fortgeschritten. Am Forschungsreaktor Iter sollen ab 2035 Fusionsexperimente gefahren werden. Der Stellarator bietet Vorteile beim Einschluss des Plasmas aufgrund seines komplexen Magnetfeldes. In Garching wird an diesem Konzept gearbeitet. Bei der Laserfusion sind in den USA große Fortschritte erzielt worden. Die Technologie ist aber sehr kompliziert. Außerdem ist noch unklar, wie aus diesen kleinen Wasserstoffbomben überhaupt Strom erzeugt werden soll. Meiner Meinung nach werden alle drei Technologie aufgrund der Komplexität und der hohen Materialanforderungen teurer als die normale Kernspaltung werden.

Der Ausbau der Photovoltaik schreitet schnell voran: Ist diese Technologie schon ausgereizt? 

Bei der Photovoltaik haben wir eine kontinuierliche Effizienzsteigerung gesehen. Bei Silizium kommen wir mittlerweile an eine physikalische Grenze. Da ist beim Wirkungsgrad nicht mehr viel zu erwarten. Eine deutliche Leistungssteigerung könnten Perowskit-Silizium-Tandemsolarzellen bringen. Dazu forschen wir auch am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg. Wenn die erst mal im Massenmarkt sind, sehen wir wieder höhere Wirkungsgrade und damit mehr Leistung auf gleicher Fläche. Dann können die Preise rasch fallen, vor allem, weil die Installationskosten pro Watt sinken. 

Der rasche PV-Zubau belastet die Netze stark. Wie sehen Sie die geplanten Maßnahmen im Rahmen der Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG), das sogenannte „Stromspitzenpaket“? 

Ich bin kein Fan der pauschalen Wirkleistungsbegrenzung auf 60 Prozent. Wir haben das Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur ausgewertet. Unser Ergebnis war, dass von den 100 Gigawatt installierter PV-Leistung rund 60 Gigawatt fernsteuerbar sind, entweder über den Netzbetreiber, den Direktvermarkter oder sogar beide. Die verbliebenen 40 Gigawatt speisen aufgrund verschiedener Winkel zur Sonne, des negativen Temperaturkoeffizienten, des Eigenverbrauchs und des Ladens von Heimspeichern nur ca. 20 GW ins Netz ein. Diese können an Ostern oder an Pfingsten lediglich den Mittagspeak im Verbrauch auf das Nachtniveau absenken – vorausgesetzt, die Verteilnetzbetreiber sind in der Lage, ihre Fernsteuermöglichkeiten auch wirklich zu bedienen. Mit der richtigen Vorbereitung müsste das machbar sein. 

Übrigens gab es 2011 die erste Meldung zu einem möglichen Blackout an Pfingsten aufgrund zu hoher Solareinspeisung. Der damalige Chef der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, warnte damals schon vor Netzüberlastungen. Ich bin dann mit den ersten Grafiken über die Stromerzeugung an die Presse gegangen, um das einzuordnen. Das war sozusagen die Geburtsstunde der Energy-Charts Plattform. Seitdem gab es immer wieder Diskussionen zur Solarstromeinspeisung an Pfingsten, zu einem Blackout kam es aber nie. 

Wie geht es mit Energy Charts weiter, sind noch mehr Funktionen geplant? 

Wir haben mittlerweile die Daten zu allen Ländern Europas. Mit Blick auf den grenzüberschreitenden Stromhandel und die Import-Diskussion wollen wir ein Tool bauen, das noch genauer sagt, welche Herkunft importierter oder exportierter Strom hat, also, ob es sich um Kernenergie, Erneuerbare, oder fossilen Strom handelt. 

Außerdem wollen wir noch mehr in Richtung Prognose anbieten. Für das Laden von Elektroautos ist es zum Beispiel wichtig, auch mehrere Tage im Voraus zu wissen, wie sich der Strompreis entwickelt. Damit kann das Laden in Zeiten günstigen Stroms gelegt werden.

Das Interview führte Julian Korb

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