Die Geschichte hat es nicht immer gut gemeint mit Wilhelmshaven. Im 19. Jahrhundert als preußischer Marinestützpunkt gegründet, wurde die Nordseestadt im Zweiten Weltkrieg zerstört. Pläne in der Nachkriegszeit, ihre Position im globalen Ölgeschäft auszubauen, scheiterten. Und auch der geplante Bau eines Terminals zur Umwandlung von verflüssigtem Erdgas blieb Jahrzehnte genau das: ein Plan.
Nun hat Wilhelmshaven wieder einen Plan. Die Stadt will Deutschlands Wasserstoff-Drehscheibe werden. Doch erneut herrscht in Politik und Wirtschaft nicht nur Optimismus. "Der Wasserstoff-Hochlauf stockt", mahnte eine extra nach Berlin gereiste Wilhelmshavener Delegation. Es gebe einen "erkennbaren Engpass" bei finalen Investitionsentscheidungen.
Ideale Voraussetzungen in Wilhelmshaven
Derzeit seien nur knapp 0,5 Gigawatt (GW) Elektrolysekapazität finanziert beziehungsweise im Bau. "Dagegen gibt es Konzepte in der Größenordnung von 13 GW und Machbarkeitsstudien mit einem Projektvolumen von über 8,6 GW."
Eigentlich bringt Wilhelmshaven ideale Voraussetzungen mit, um eine bedeutende Rolle beim Wasserstoff-Hochlauf einzunehmen. Nicht weit von der Küste dürften sich bald noch deutlich mehr und leistungsstärkere Windkraftanlagen als jetzt drehen und grünen Strom produzieren.
Wasserstoff-Kernnetz
Auch für Wasserstoff geeignete Leitungen und Lagerstätten gibt es im Umland genug. Und dann hat Wilhelmshaven ja auch noch seinen Hafen, wo ein Terminal entstehen soll, das den Import von grünem Wasserstoff im Großmaßstab ermöglichen soll.
Doch an verschiedener Stelle hakt es. Die Rahmenbedingungen für den Bau des Wasserstoff-Kernnetzes wurden zwar vom Bundestag beschlossen. Noch ist aber unklar, ob die Fernleitungsnetzbetreiber den nächsten Schritt machen und bis zum 21. Mai einen gemeinsamen Kernnetz-Antrag stellen. Wie die ZfK erfuhr, gilt eine Verlängerung der Frist um einen Monat als wahrscheinlich.
"Beträchtliche wirtschaftliche Lücke"
Zeit ließ sich auch die EU-Kommission. Sie machte erst im Februar den Weg frei für die Förderung einiger milliardenschwerer Wasserstoffprojekte, wie sie beispielsweise die Energiekonzerne RWE und EWE in Norddeutschland anstreben. Die finale Freigabe der Gelder durch die Bundesrepublik steht weiterhin aus. So dürfte wichtige Infrastruktur wie Elektrolyseure oder Wasserstoffspeicher später als geplant fertig werden.
Als größte Hürde sehen Betriebe hingegen die anfangs mangelnde Wettbewerbsfähigkeit von Wasserstoff gegenüber anderen Energieträgern. Es gebe im Moment eine "beträchtliche wirtschaftliche Lücke", sagte Karl-Peter Thele vom Energieversorger Onyx Power. Es gebe kein Geschäftsmodell. Über die ganze Laufzeit bestehe eine Lücke in Höhe von 40 Mrd. Euro.
Klimaschutzverträge nicht ausreichend
Dabei würde gerade beim Hochlauf viel Geld benötigt, führte Thele im Namen zahlreicher Unternehmen aus, die grundsätzlich bereit wären, in Wilhelmshavener Energieprojekte zu investieren und sich zum Energy Hub Port of Wilhelmshaven zusammengeschlossen haben. "Die Frage ist: Wie kriegt man das finanziert?" Für ihn steht fest: Die von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) ausgerollten Klimaschutzverträgen reichen nicht. "Sie sind entweder zu komplex oder zu wenig anwendungsbezogen."
Am liebsten wäre ihm eine staatliche Anschubfinanzierung in Form von sogenannten zweiseitigen Differenzverträgen. Heißt: Investoren werden gewisse Mindesteinnahmen garantiert. Übersteigt der Preis dann aber einen ebenfalls definierten Maximalbetrag, darf der Staat abschöpfen.
"Wirksame Anreizregulierung" vonnöten
Auf die 40-Milliarden-Euro-Summe ging Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) nicht ein. Er weiß: Mit dem Ampel-Partner FDP, der schon viel kleinere Beträge blockiert hat, wäre eine solch kostenintensive Förderung nicht denkbar. Stattdessen drängte Lies dazu, "jetzt" Investitionen anzureizen, um den Wasserstoff-Hochlauf zu stärken.
Konkreter wurde Andreas Rimkus, der Wasserstoffbeauftragter der SPD-Bundestagsfraktion ist. Er plädierte für eine "wirksame Anreizregulierung" und verwies auf ein Konzept, das er zusammen mit Bengt Bergt im vergangenen Sommer entwickelt hatte: "eine sektorübergreifende, niedrig ansetzende und dann kontinuierlich ansteigende Grüngasquote". (Hier mehr dazu.)
FDP für "marktbasierte Versorgungsstrukturen"
Michael Kruse, energiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, prognostizierte, dass die bevorstehenden Investitionen ins Wasserstoff-Kernnetz "große Folgeinvestitionen" auslösen würden. Er erinnerte zudem daran, dass die Ampel derzeit "mit Hochdruck" an einem Wasserstoffbeschleunigungsgesetz arbeite. Das Ziel der FDP sei es, "marktbasierte Versorgungsstrukturen" zu schaffen.
Und was meint Wilhelmshavens parteiloser Oberbürgermeister Carsten Feist zu all dem? "Wir reden über 60 Prozent des gesamten Wasserstoffbedarfs in ganz Deutschland, der künftig über Wilhelmshaven und die Region kommen wird", ordnete er ein. "Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn all das nicht so kommt: Dann wird 60 Prozent der Betriebe Deutschlands keine Prozessenergie mehr zur Verfügung stehen."
"194 Tage später Terminal in Betrieb"
Und dann schloss er mit einer Anekdote, auf die sie in Wilhelmshaven sehr stolz sind. Am 27. Februar 2022, kurz nach Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine, habe Bundeskanzler Scholz im Deutschen Bundestag gesagt, dass seine Stadt doch mal schnell ein LNG-Terminal bauen solle, um Deutschland aus dem Gas-Würgegriff Russlands zu lösen, erzählte Feist.
"Und 194 Tage später haben wir das Terminal in Betrieb genommen. Wir sind also eine Region, die zeigt, dass Dinge auch schnell gehen können, wenn Bund, Länder, Kommunen und die Wirtschaft das gemeinsam machen wollen." (aba)



