Das Jahr hatte viel besser angefangen für Frankreichs alternden Kernkraftwerkspark, als es mancher Beobachter vorhergesagt hatte. Die von der französischen Nationalregierung befürchteten gezielten Stromausfälle als Notfallmaßnahme gab es bislang nicht. Im Gegenteil: Frankreich wurde sogar wieder zum Nettostromexporteur. (Die ZfK berichtete.)
Doch dann kam diese Woche eine neue Hiobsbotschaft. Da teilte die französische Atomsicherheitsbehörde ASN mit, dass sie im Reaktor 1 in Penly im Norden des Landes einen Riss gefunden habe – und zwar in der Nähe einer Schweißnaht in einer Rohrleitung im Sicherheitseinspritzsystem.
Penly seit Monaten nicht mehr am Netz
Der Riss, den EDF selbst als "signifikant" bezeichnet, erstreckt sich demnach über 155 Millimeter, was etwa einem Viertel des Leitungsumfangs entspricht. Seine maximale Tiefe betrage 23 Millimeter bei einer Leitungsdicke von 27 Millimetern, hieß es. Fazit: Die Sicherheit der Rohrleitung sei nicht mehr nachgewiesen, die ordnungsgemäße Kühlung des Reaktors nicht mehr gewährleistet.
Auf Frankreichs Stromproduktion hatte dies keine unmittelbaren Auswirkungen. Penly 1 ist seit Monaten nicht mehr am Netz gewesen – wegen anderer Korrosionsschäden.
Kontrollen bei anderen Kernkraftwerken
Mittelfristig könnte der neu festgestellte Korrosionsschaden aber nicht nur die für Anfang Mai geplante Wiederinbetriebnahme des Penly-1-Reaktors vereiteln, sondern auch die Rückkehr weiterer Kernkraftwerke vergleichbarer Bauart verzögern. Nach EDF-Angaben könnten die Standorte Cattenom, Civaux, Chooz B und Penly 2 betroffen sein.
Tatsächlich meldete der Stromkonzern am Freitag zwei weitere Risse in den Kraftwerken Penly 2 und Cattenom 3, die bei Kontrollen entdeckt worden seien. Auch diese beide Reaktoren produzieren seit mehreren Monaten keinen Strom. Zumindest Cattenom 3 sollte jedoch Ende März wieder hochgefahren werden.
ASN fordert Überarbeitung der EDF-Strategie
Noch Mitte Februar hatte der staatliche Stromkonzern EDF angekündigt, bis Ende 2023 alle Meiler wieder ans Netz zu bringen. Damals standen 16 Kernkraftwerke still.
Zugleich will EDF ab diesem Jahr sämtliche Kraftwerke einer Kontrolle unterziehen. Die ASN forderte den Konzern nun auf, seine Strategie zu überarbeiten, um die neu festgestellten Probleme zu berücksichtigen.
EDF hält an Stromprognose vorerst fest
Insgesamt waren am Donnerstagabend laut der Plattform Nuclear Monitor wegen Reparatur- und Wartungsarbeiten sowie infolge von Streiks 19 von insgesamt 56 Reaktoren nicht in Betrieb. Am Donnerstag speisten in der Spitze 36 GW Kernkraft ein – ein historisch eher niedriger Wert. Insgesamt weist der französische Kraftwerkspark eine Leistung von 61 GW auf.
Vorerst hielt EDF an seiner Stromprognose für dieses Jahr fest. Der Konzern will zwischen 300 und 330 TWh Elektrizität erzeugen. Im vergangenen Jahr waren es lediglich 279 TWh gewesen – der niedrigste Wert seit 1988.
Frankreichs Strompreise steigen
Im Vergleich zu den panikgetriebenen Phasen im Dezember 2021 und Sommer 2022 reagierten die Strommärkte diesmal aber etwas moderater. In Frankreich stieg das Frontjahr an der Börse EEX von 148 am Montag auf 190 Euro pro MWh am Freitagmittag – ein Plus von 28 Prozent. Mehr Aufwärtsdruck verspürte das Stromprodukt für das erste Quartal 2024. Hier kletterten die Preise im selben Zeitraum von 222 auf 320 Euro pro MWh – ein Anstieg von 44 Prozent.
Auch die deutschen Strompreise auf den Terminmärkten folgten diesem Trend, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Das Frontjahr stieg von 134 Euro pro MWh zum Wochenauftakt auf 152 Euro pro MWh. Das erste Quartalsprodukt für 2024 kostete am Freitagmittag 165 Euro pro MWh. (aba/dpa)



