Von: Dr. Andreas Kolo (Geschäftsführer) und Marcel Pongé (Senior Berater), beide arbeiten bei der BTU EVU Beratung GmbH
Die Bundesnetzagentur beabsichtigt mit dem Festlegungsverfahren zur künftigen Aggregation und Abrechnung bilanzierungsrelevanter Daten (MaBiS-Hub) die Strombilanzierung den Verteilnetzbetreibern (VNB) zu entziehen und den Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) zentralistisch anwachsen zu lassen. Die ca. 1.000 engagierten Strom-Energiedatenmanagement (EDM)-Kräfte bei den Verteilnetzbetreibern, setzen sich tagtäglich mit ihrer großen Expertise und Sorgfalt für ein funktionierendes Stromsystem ein, welches durch ein nicht durchdachtes MaBiS-Hub-Marktdesign nun gefährdet ist.
Die Verteilnetzbetreiber wurden im Vorfeld nicht gehört/eingebunden. Die Energiewirtschaftsstrukturen werden durch den massiven Photovoltaik (PV)-Zubau, Batteriespeicher, Wärmepumpenzubau und Elektromobilität zunehmend dezentraler, so dass ein zentraler MaBiS Hub diesen Entwicklungen widerspricht.
Datenschutz
Als Hauptmotiv für den MaBiS-Hub wird der Datenschutz vorgebracht. Es soll keine Stelle geben, die sowohl die personenbezogenen Daten (Name, Adresse) als auch den Lastgang aus einem zugebauten intelligenten Messsystem einsehen kann. Der Datenschutz könnte pragmatisch eingehalten werden, indem aus den dezentralen EDM-IT-Modulen alle personenbezogenen Daten wie Kundenbezeichnung und Adresse gelöscht werden.
Wenn alle Daten lediglich an einer zentralen Stelle des Aggregationsverantwortlichen (AGV) zusammenliefen, steigert das die Attraktivität von Hackerangriffen auf diesen einen zentralen Punkt, um die größte Volkswirtschaft Europas treffen zu können. Angriffe auf 900 dezentral verteilte Verteilnetzbetreiber sind als Ziel weniger attraktiv und gefährden nicht unmittelbar die Stabilität des gesamten Stromversorgungssystems.
Wer trägt die Differenzbilanzaggregat-Kosten und wer gewinnt dabei?
Der Verteilnetzbetreiber hat die Differenzbilanzaggregat (DBA) Kosten zu tragen, bekommt diese derzeit nicht als Netzkosten anerkannt und soll mit Einführung des MaBiS-Hub zusätzlich sämtliche Einflussgrößen und Kontrollmöglichkeiten verlieren.
Die Regelenergie würde durch die vorliegende Skizze des MaBiS-Hub stark steigen zugunsten des Handelsvolumens der Regelenergieanbieter. Dem Marktmachtbericht 2021 des Bundeskartellamts kann entnommen werden, dass zwei der größten Anbieter von Regelenergie zugleich Anteilseigner von Übertragungsnetzbetreibern sind. Wenn der Aggregationsverantwortliche aus den Reihen der Übertragungsnetzbetreiber mit seinem Wirken die Höhe und Entwicklung der Regelenergie beeinflusst, profitieren davon Regelenergieanbieter, die teilweise gesellschaftsrechtlich mit den Übertragungsnetzbetreibern verflochten sind.
Individuelle Profile zulassen
Bei einer Differenzbilanzaggregat-Durchschnittsabweichung von derzeit 16 Prozent ergibt sich auf Basis der Ausgleichsenergie (AE)-Preise vom KJ 2023 eine Differenzbilanzaggregat-Kostenbelastung von zwei Milliarden Euro über alle Verteilnetzbetreiber. Durch neue Standardlastprofile (SLP), die wir aktuell für den BDEW entwickeln, ist eine Halbierung der Differenzbilanzaggregat-Kostenbelastung möglich. Bei individuellen Profilen ist eine weitere Einsparung von einer halben Milliarde Euro möglich. Zum MaBiS-Hub Start 2028 ist eine Ausgeichsenergie-Preisverdopplung nicht unrealistisch. Das bedeutet, dass eine Verwehrung der Option netzspezifischer Profile Zusatzkosten von einer Milliarde Euro pro Jahr für die Verteilnetzbetreiber/Stadtwerke bedeuten würde.
TLP-Abschaffung
Die Bundesnetzagentur plant mit dem MaBiS-Hub die tagesparameterabhängigen Lastprofile (TLP) selbst für die temperaturabhängigen Wärmepumpen abzuschaffen und über SLP abzuwickeln. Ein Grad Unterschied bei der Außentemperatur führt in der Heizperiode zu 15 % Wärmemengenunterschied. Ein SLP ist hingegen temperatur-unflexibel. Gibt es eine fünf Grad Temperaturänderung liegt der Fehler dann bei 75 Prozent. Wegen des bevorstehenden massiven Wärmepumpenausbaus sollte daher das tagesparameterabhängige Lastprofil nicht abgeschafft werden.
Immer mehr Wärmepumpen werden in den Verteilnetzen zugebaut und laufen i.d.R. über separate Zähler. Bei einer IMS Einbaugrenze ab 6.000 kWh, entspricht das bei einer Jahresarbeitszahl von vier einer Wärmemenge von 24.000 kWh. Viele Wärmepumpen-Anwendungen erreichen diesen Verbrauch nicht, eine durchschnittliche Einfamilienhaus-Wärmepumpe liegt folglich unterhalb der Einbaugrenze von intelligenten Messsystemen und sollte auf keinen Fall über SLP abgewickelt werden.
PV Einfluss, Verbesserungsvorschläge
Die PV-Mittagsspitzen gefährden bereits heute bei ungehinderter PV-Einspeisung die Stabilität der Verteilnetze. Das MaBiS-Hub Konzept blendet dieses wichtige Feld komplett aus. Wegen des in 2022 und 2023 stattgefundenen enormen PV-Zubaus, sollte im Strom die lokale Globalstrahlung erfasst werden. Statt einer bisher monatlichen sollte unseres Erachtens vielmehr eine tägliche VNB-Strombilanzierung geprüft werden.
Man kann damit auch den bevorstehenden Wärmepumpenboom mit tagesparameterabhängigen Lastprofilen in einer täglichen Bilanzierung besser abbilden. Die Verteilnetzbetreiber würden am Vortag für den Folgetag Mengen für die Wärmepumpen und Prosumer mit PV an den Aggregationsverantwortlichen hoch melden analog zu dem bewährten Gas-Allokationskonzept.
Die Lieferanten könnten dann diese Werte 1:1 beschaffen und gehen kein Ausgleichsenergierisiko ein. Wenn der VNB täglich sehr genaue lokale Prognosen für die PV-Prosumer und die temperaturabhängigen Wärempumpen an den Aggregationsverantwortlichen hoch gibt, kann dieser ein besseres Gesamt- und Regionenbild generieren, auf Basis dessen die Übertragungsnetzbetreiber zielgenau in den Regionen PV- und Windkraftanlagen steuern können. Damit würde auch den zunehmenden Sorgen der Übertragungsnetzbetreiber zur Systemstabilität entgegen gewirkt werden. Ein etwaiger MaBiS-Hub mit dem Aggregationsverantwortlichen könnte so saubere, tägliche, dezentrale Daten von den Verteilnetzbetreibern heranziehen.
Probleme mit intelligenten Messsystemen dezentral besser lösbar
Nach den ersten Erfahrungen mit intelligenten Messsystemen und Aggregationsverantwortung durch den Übertragungsnetzbetreiber, wird es im Falle der Realisierung des MaBiS-Hub im Zuge des weiteren Zubaus von intelligenten Messsystemen eine massive Verschlechterung der Datenqualität geben und Regelenergieanstieg führen zugunsten der Regelenergieanbieter. Beispielhaft baut der wettbewerbliche Messstellenbetreiber (wMSB) intelligente Messsysteme ein, die Lastgangübermittlung bleibt aber teilweise aus.
Nicht einmal eine Prüfung auf nicht übermittelte oder Nullwerte leisten die Übertragugnsnetzbetreiber aktuell durchgehend. Wandlerfaktorprobleme, die in die Bilanzierung und die Differenzbilanzaggregat-Kostenverantwortung gelangen könnten, fallen lokal bei den Verteilnetzbetreibern prozentual eher auf, als in einem großen Sammelbecken beim Aggregationsverantwortlichen.
Fehlermeldungen am Gerät (z.B. Error-Code durch nicht sauber geschlossenen Klemmdeckel) oder ein oft mangelhafter Empfang (gerade in Kellerräumen) sorgt zusätzlich für eine sehr hohe Quote von Daten mit Ersatzwertstatus. Die wenig verbliebenen wettbewerblichen Messstellenbetreiber, können mit den geringen Preisobergrenzen bei den intelligenten Messsystemen kaum eine Qualitätssicherung leisten. Die verteilten, regionalen Anlagenorte lassen sich kostengünstiger und schneller von den Verteilnetzbetreibern als lokale/regionale Kräfte entstören; eine Qualitätssicherung durch eine Zentrale bedeutet eher Nachteile.
Fazit
Es gibt keinen triftigen Sachgrund für die Übertragung der Strombilanzierung vom Verteilnetzbetreiber auf den Übertragungsnetzbetreiber. Pragmatischer Lösungs-Vorschlag:
1. Datenschutz beim Verteilnetzbetreiber mit geringem Aufwand erzielbar, Kundenname und Adresse löschen.
2. SLP/TLP-Bilanzierung beim Verteilnetzbetreiber belassen.
3. Differenzbilanzaggregat-Kostenanerkennung als Belohnung/Anreiz für diejenigen synthetischen Verteilnetzbetreiber, die durch Optimierungsanstrengungen den Differenzbilanzaggregat-Schnitt unter acht Prozent bringen, dadurch weiterer Anreiz Regelenergie zu senken.
4. Statt monatlich, zukünftig tägliche Strombilanzierung, um am Vortag die steigende Zahl von Wärmepumpen über das bisherige temperaturbasierte tagesparameterabhängige Lastprofil und auch die PV-Prosumer über ein neues globalstrahlungsbasiertes tagesparameterabhängige Lastprofil mengenseitig zu prognostizieren.
5. Sternkommunikation reformieren. Lastgänge von intelligenten Messsystemen sollten stets zuerst die lokalen Verteilnetzbetreiber erhalten, plausibilisieren und in der Qualität sichern, bevor die Werte hoch an den zenrtalen Aggregationsverantwortlichen gehen. (sg)



