Der Nachfolger des Gebäudeenergiegesetzes treibt die Energiebranche um, noch bevor der erste offizielle Entwurf aus dem zuständigen Bundeswirtschaftsministerium überhaupt bekannt ist. Klar ist: Auch für Gasvertriebe dürfte das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz mehr sein als nur eine Fortsetzung des alten Gesetzes.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen zwei neue Instrumente: die sogenannte Biotreppe für neue Gasheizungen und eine Grüngasquote für Gaslieferanten. Ab 2029 müssen neue Gasheizungen zu mindestens zehn Prozent mit grünem Gas betrieben werden. Dieser Anteil steigt stufenweise bis 2040. Gaslieferanten werden ab 2028 verpflichtet, einen wachsenden Anteil grüner Gase wie Biomethan oder Wasserstoff zu liefern, wobei die Erfüllung bilanziell erfolgen kann.
Diese Vorgaben greifen tief in die Marktmechanismen ein. Sie betreffen nicht nur die Produktgestaltung und Beschaffung, sondern auch die Nachweisführung, das Vertragsmanagement und die IT-Systemlandschaft der Versorger. Gleichzeitig bestehen erhebliche Unsicherheiten bei Netzanschlussbedingungen, Förderungen und Nachweissystemen, die Investitionen erschweren.
Biogas-Renaissance auf wackeligem Fundament
Die Pflicht zur Grüngasquote und zur Biotreppe zwingt Versorger, frühzeitig grüne Gase in ausreichender Menge und Qualität zu beschaffen. Die bislang geringe Nachfrage nach Biomethan dürfte ab 2029 sprunghaft steigen, was zu Preisdruck und Versorgungsengpässen führen kann.
Die politisch gewollte Biogas-Renaissance steht zudem auf wackeligem Fundament, solange Förder- und Mengenfragen ungeklärt bleiben. Unsicherheiten bei Netzanschlussentgelten und Nachweissystemen erfordern Vorbehaltsklauseln und flexible Vertragsgestaltungen.
Neue Berichtspflichten kommen
Die sorgfältige Prüfung und Absicherung von Lieferverträgen, insbesondere bei bilanzieller Lieferung und Nachweisführung, wird essenziell.
Neue Berichtspflichten analog zu Steuer- und Emissionshandelsverpflichtungen kommen – Stand heute – hinzu. Unterschiedliche Qualitätsanforderungen und bestehende Nachweissysteme wie das EEG, die THG-Quote oder der Emissionshandel machen die Dokumentation nicht weniger komplex.
Hinzu kommen die gerade im Bundestag beschlossenen Regelungen zum Gas- und Wasserstoff-Binnenmarktpaket. Es stellt sich die Frage, wie die dort geforderten Verteilnetzpläne oder die Netzanschlussverweigerungs- beziehungsweise Netzanschlusstrennungsmöglichkeiten zusammen gedacht werden mit der kommunalen Wärmeplanung, der AVB Fernwärmeverordnung und den Vorgaben nach dem Gebäudemodernisierungsgesetz.
IT-Lösungen müssen die Integration von Marktdaten, regulatorischen Vorgaben und technischen Netzparametern unterstützen, um Investitionsentscheidungen und Nachweisführung effizient zu gestalten. Das hört sich erst einmal trivial an. Natürlich müssen Abrechnung, Bilanzierung und Nachweisführung die neuen Grüngasquoten und Qualitätsanforderungen abbilden.
IT-Systeme benötigen Erweiterungen
IT-Systeme und Marktkommunikationslösungen benötigen dazu Erweiterungen, um verschiedene Grüngasqualitäten, Nachweissysteme und Berichtsformate zu integrieren. Schnittstellen zu Herkunftsnachweis- und Emissionshandelssystemen müssen geschaffen oder ausgebaut werden, automatisierte Workflows für Fristenmanagement, Nachweisführung und Compliance-Monitoring werden unverzichtbar, um Fehler und Sanktionen zu vermeiden.
Die Dokumentation der Grüngasquote und die Nachweisführung gegenüber Behörden erfordern aber auch eine konsistente, revisionssichere Datenhaltung. Die digitale Abbildung von Vorbehaltsklauseln und Fristenüberwachung im Vertragsmanagement gewinnt an Bedeutung, um auf kurzfristige regulatorische Änderungen reagieren zu können. Nicht zu vergessen: digitale Tools zur Information und Beratung von EndkundInnen, etwa über Kundenportale, werden wichtiger.
Diese Systeme sind nicht von heute auf morgen ausgeprägt, auf Herz und Nieren getestet und eingeführt. Einmal mehr zeigt sich: Ein schnell entschiedenes Gesetz bedeutet noch keine schnelle Integration.
Knüller zur Kundenbindung?
Das Gebäudemodernisierungsgesetz möchte die Gaswirtschaft in eine grüne Zukunft bugsieren. Wie grün sich diese jedoch gestalten lässt, ist noch unklar. Denn solange Mengen-, Nachweis- und Implementierungsfragen ungelöst bleiben, droht sich die Biogas-Renaissance an regulatorischer Unsicherheit abzunutzen. Für die Versorger bedeutet das, ihre Beschaffungs-, Vertrags- und Reportingprozesse grundlegend zu überarbeiten und zu digitalisieren.
Merken Sie etwas? – Ja! Wir haben noch nicht von den EndverbraucherInnen gesprochen. Auch sie wollen im Zuge ihrer Fragen zu einem anstehenden Heizungswechsel diese Mechanismen leicht verständlich erläutert haben, in Abgrenzung zu Wärmepumpen und Fern- oder Nahwärmelösungen. Mir fehlt gerade ein wenig die Fantasie, daraus einen Knüller zur Kundenbindung zu entwickeln, ich lasse mich da aber sehr gern eines Besseren belehren.
Unsere Kolumnistin Constanze Adolf leitet den Stabsbereich Energiewirtschaft: Strategie & Wissen bei Items, einem Dienstleister für die Energiewirtschaft. In der Kolumne "Megawatt & Paragrafen" bringt die promovierte Politologin regelmäßig auf den Punkt, was Stadtwerke, Netzbetreiber und kommunale Entscheider über neue Gesetze, Verordnungen, politische und energiewirtschaftliche Trends wirklich wissen müssen. Ihr letzter Beitrag: "Warum der Smart-Meter-Rollout nicht an der Uhr, sondern an der Kette scheitert".


