Die geplante Reform der Anreizregulierung bei Strom- und Gasnetzen, auch Nest genannt, treibt die Energiebranche um. Während die Netzbetreiber wesentliche Änderungen fordern, ist der Energieversorger Octopus Energy mit der Stoßrichtung der Bundesnetzagentur ganz zufrieden. Aber warum eigentlich? Ein Gespräch mit Sebastian Schaule, Politikchef bei der deutschen Octopus-Tochter Octopus Energy Germany.
Herr Schaule, viele Netzbetreiber können nicht verstehen, warum die Bundesnetzagentur nach 20 Jahren Effizienzdruck die Regeln noch einmal derart verschärfen will. Sind Deutschlands Netzbetreiber wirklich so ineffizient?
Es mag sein, dass einige Netzbetreiber effizienter sind, als sie es noch vor 20 Jahren waren. Aber die Frage ist: Reicht das, um die Energiewende zu meistern? In unserer täglichen Praxis merken wir leider: Nein – es reicht nicht. Es hakt an zu vielen Stellen und oftmals sind die Netzbetreiber der Flaschenhals. Innovationen werden gebremst, Netzentgelte steigen stark und die Integration neuer Technologien wie Speicher, E-Mobilität oder Smart Meter läuft vielerorts schleppend. So kann es nicht weiter gehen.
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Fairerweise muss man sagen, dass die erst in den letzten Jahren deutlich gestiegenen Netzentgelte vor allem mit den Kosten der politisch gewollten Energiewende zu tun haben. Können Sie trotzdem noch einmal beispielhaft darstellen, wo es Ihnen zu langsam geht?
Ein konkretes Beispiel ist der Lieferantenwechsel innerhalb von 24 Stunden. Auch mehr als zwei Monate nach dem Start kommunizieren über 100 Netzbetreiber ihre Marktlokationen nicht. Bei den übrigen liegt die Rückmeldequote oft nur bei rund 50 Prozent. Allein bei Octopus hängen dadurch rund 10.000 Kundinnen und Kunden in Wechselprozessen fest. Dadurch rutschen viele ungewollt in die teure Grundversorgung – und das teilweise über Wochen hinweg. Das untergräbt das Vertrauen in den Markt.
Ein anderes Thema ist der verpflichtende Abschluss standardisierter Rahmenverträge für wettbewerbliche Messstellenbetreiber: Über 150 Netzbetreiber melden sich einfach nicht zurück. Wir schreiben Mails, rufen an und bekommen trotzdem keine Reaktion. Das blockiert Installationen vor Ort.
Auch beim Rollout von Smart Metern sehen wir pauschale Ablehnungen von Netzbetreibern – etwa wegen Softwareproblemen. Für uns bedeutet das: Geplante Installationen platzen. Wodurch wieder immense Kosten entstehen. Und all diese Mängel werden nicht sanktioniert. Wir haben im deutschen Netzbetrieb eine Art Wilder Westen.
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Hat die Effizienz von Netzbetreibern mit der Größe zu tun?
Leider ist es ein systemisches Problem. Auch bei manchen Großen gibt es eklatante Defizite. Aber gerade bei fehlender Kommunikation und unbearbeiteten Vorgängen sind es oft kleinere Häuser, denen offenbar Kapazitäten und Prozesse fehlen.
Kleine Netzbetreiber haben dafür einen Standortvorteil. Sie sind vor Ort verwurzelt und nah an den Menschen. Ein wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Energiewende.
Das hören wir oft. In der Praxis erleben wir es jedoch kaum. Viel eher sehen wir, dass gerade lokale Netzbetreiber nicht reagieren, Prozesse verschleppen oder sich verweigern.
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Jetzt könnte man aber auch sagen, dass nicht die Netzbetreiber an sich das Problem sind, sondern die Bürokratie, mit der sie tagtäglich zu kämpfen haben.
Es gibt sicher eine Menge Bürokratie im System. Das möchte ich gar nicht verneinen. Sicher ist auch der Reformdruck groß, das ist gar keine Frage. Das Problem der strukturellen Überforderung aber bleibt. Wir haben in Deutschland 866 Netzbetreiber und alle haben unterschiedliche Prozesse. Das ist nicht nur wahnsinnig ineffizient, sondern auch teuer.
Ein Beispiel: Beim Lieferantenwechsel müssen theoretisch alle 866 ihre eigenen Systeme umbauen. In keinem anderen Land, in dem wir tätig sind, gibt es eine derartige Zersplitterung. In Großbritannien sind es nur sechs Stromnetzbetreiber. Da wird vieles schneller, einfacher und unbürokratischer geregelt.
Die Zahl 866 klingt erst einmal nach sehr viel. Tatsächlich gibt es darunter einige Kooperationen.
Aber noch immer noch zu wenig. Das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Sie wollen also wenige große Netzbetreiber anstelle einer stark kommunal geprägten Netzbetreiberlandschaft.
Nein, die Anzahl der Betreiber ist nicht zwingend das Problem. Problematisch ist das Dickicht an verschiedenen Prozessen, das in diesem Bereich gerade langsam, aber sicher beginnt, unkontrollierbar zu wuchern. Das könnte relativ einfach gelöst werden, indem man zentrale, einheitliche Marktprozesse schafft. Eine zentrale Datenplattform, wie die Data Communications Company in Großbritannien, könnte eine Verbesserung für alle Beteiligten bringen. Ob Netzbetreiber, Lieferanten oder Kundinnen und Kunden – alle würden profitieren.
Kommen wir zu den Nest-Vorschlägen selbst. Wenn wir Sie richtig verstehen, zahlen Schlagwörter wie Energiewendekompetenz und Netzservicequalität genau auf das ein, was Sie sich wünschen.
Ja. Energiewendekompetenz heißt: Integration von Flexibilität, Speichern, Smart Metern, E-Mobilität. Servicequalität heißt: Kommunikationsfähigkeit, Verlässlichkeit, Reaktionszeit. Wenn diese Kriterien stärker gewichtet werden, ist das ein echter Fortschritt gegenüber der jetzigen Anreizregulierung. Hinter vorgehaltener Hand haben uns Netzbetreiber gesagt: Warum sollten wir in Digitalisierung investieren? Für uns lohnt es sich viel mehr, Kupfer in die Erde zu legen. Der regulatorische Fokus lag viel zu stark auf dem Ausbau physischer Infrastruktur statt auf operativer Exzellenz. Das war ein Innovationshemmnis ersten Ranges.
Und was halten Sie davon, dass die Regulierungsperiode von fünf auf drei Jahre verkürzt werden soll?
Es ist schon wichtig, dass man in einer Regulierungsperiode auf Anpassungen reagieren kann. Wir können aber auch nachvollziehen, dass eine fünfjährige Regulierungsperiode praktikabler ist. Es sollte nicht nur darum gehen, Netzbetreibern immer neue Vorschriften aufzubürden. Es sollte auch umsetzbar bleiben.
Jetzt haben Sie viel Kritik an den Netzbetreibern geübt. Kann sich Octopus denn vorstellen, selbst ins Netzgeschäft einzusteigen, um zu zeigen, wie es besser geht?
Nein, Pläne in diese Richtung haben wir derzeit nicht. Wir sind optimistisch, dass die bestehenden Netzbetreiber das schaffen. Aber sie brauchen Unterstützung – und der ein oder andere muss vielleicht wachgerüttelt werden.
Das Interview führten Lucas Maier und Andreas Baumer



