Die IHK Schleswig-Holstein liefert einen neuen Beitrag zur Debatte um eine mögliche Teilung der Stromgebotszone in Deutschland.

Die IHK Schleswig-Holstein liefert einen neuen Beitrag zur Debatte um eine mögliche Teilung der Stromgebotszone in Deutschland.

Bild: © gjp311/AdobeStock

Es ist ein Vorschlag, der Deutschland spalten würde. Geht es nach der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schleswig-Holstein, sollen Schleswig-Holstein, Hamburg und Westdänemark eine gemeinsame Strompreiszone bilden. Der Verband stellte das Konzept "Nordic Twin Sea Zone" am Dienstag vor EU-Vertretern in Brüssel vor. Eine solche Zone würde den Strom- und Wasserstoffmarkt im Norden neu zuschneiden.  

Die IHK erwartet, dass so mehr Wind- und Solarstrom dort genutzt wird, wo er produziert wird. Das könne Netzengpässe entschärfen und teure Eingriffe wie Redispatch-Maßnahmen reduzieren, argumentiert die Handelskammer. Starten könnte die Umsetzung laut IHK "sofort". In Betrieb wäre eine solche Zone aber frühestens ab 2030. 

Das Konzept hätte auch Vorteile für den Rest des Landes: "Diese Vision reduziert darüber hinaus Systemkosten für ganz Deutschland und macht uns zum Vorreiter der europäischen Energiewende", erklärt Björn Ipsen, Hauptgeschäftsführer der IHK Schleswig-Holstein. Die vorgeschlagene Energiezone würde die Strompreise senken – das wäre attraktiv für die Herstellung von grünem Wasserstoff. So könne der Vorschlag auch die Wasserstoffversorgung Deutschlands sichern. 

Warum der einheitliche Strommarkt unter Druck steht 

Dieser Vorschlag ist Teil einer Debatte, die die Energiewirtschaft seit Jahren beschäftigt. Deutschland hat bislang eine einheitliche Strompreiszone, zu der auch Luxemburg gehört. Der Börsenstrompreis ist überall gleich, obwohl Erzeugung und Verbrauch regional unterschiedlich verteilt sind.

Im Norden wird oft mehr Strom aus Windkraft produziert, als sich wegen beschränkter Leitungskapazitäten in andere Regionen abtransportieren lässt. Dann greift der Redispatch: Netzbetreiber müssen Erneuerbare abregeln und hinter dem Engpass andere Kraftwerke hochfahren.  

Mehr dazu lesen Sie hier: Teure Strompreise: Agora will Ende der einheitlichen Preiszone

Regionale Preiszonen würden diese Engpässe besser abbilden, argumentieren die Befürworter einer Aufsplittung. Schon lange werben norddeutsche Bundesländer dafür, die deutsche Strompreiszone zu teilen. Sie würden dann stärker vom Ausbau der erneuerbaren Energien profitieren. 

Gegner fürchten neue Verteilungs- und Akzeptanzprobleme. Im energiehungrigen Süden des Landes gibt es vergleichsweise wenig erneuerbare Energien, dafür aber teurere fossile Kraftwerke. Bayerns Wirtschafts- und Energieminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) kritisierte die Diskussion im April 2025: Die Debatte führe "nur zu einer großen Verunsicherung bei allen Akteuren und schadet der Wirtschaft in Süd wie Nord gleichermaßen".  

Bundesregierung: Netzausbau statt Zonenaufteilung 

Die Bundesregierung positioniert sich in ihrem Koalitionsvertrag gegen eine Teilung der deutschen Gebotszone. Sie will den einheitlichen Strommarkt erhalten und Konflikte über dauerhaft unterschiedliche Strompreise zwischen Regionen vermeiden. 

Auch auf EU-Ebene wird über die Gestaltung des deutschen Strommarkts diskutiert. Im April 2025 hat eine Gebotszonenüberprüfung ("Bidding Zone Review") des Verbands europäischer Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) strukturelle Netzengpässe in Deutschland festgestellt. Ein Mitgliedstaat kann innerhalb von sechs Monaten nach einer solchen Feststellung seine Stromgebotszone entweder neu organisieren oder einen Aktionsplan aufstellen.  

Mehr dazu lesen Sie hier: Ergebnis zur Gebotszonenteilung: Geringer Nutzen, hohe Risiken

Letzteres hat das Bundeswirtschaftsministerium im Dezember 2025 getan: Der Aktionsplan beschreibt gezielte Maßnahmen, um Engpässe zu beseitigen, etwa den Ausbau der Netze und besseres Engpassmanagement, und liegt der Europäischen Kommission vor. Sollte die deutsche Regierung die im Aktionsplan formulierten Instrumente nicht rechtzeitig umsetzen, stünde bei der nächsten Bidding Zone Review erneut eine Zonenaufteilung zur Debatte. 

Die Bundesnetzagentur unterstützt den Kurs der Regierung. Die Regulierungsbehörde will das Marktdesign nicht grundlegend ändern und setzt stattdessen auf schnelleren Netzausbau. Im April 2025 erklärte Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur, im Gespräch mit dem Sender NTV: "Wenn wir das Problem lösen möchten, brauchen wir mehr und größere Stromautobahnen." 

Zentral dafür sind zusätzliche Transportkapazitäten von Nord nach Süd. Energieintensive Unternehmen sind vor allem im Süden Deutschlands ansässig: Dorthin soll mehr erneuerbarer Strom aus dem Norden gelangen. 

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