Der Ausbau der Windenergie in Deutschland verläuft zunehmend asymmetrisch. In den jüngsten Ausschreibungsrunden der Bundesnetzagentur konzentrierten sich die Zuschläge erneut stark auf Standorte im Norden und Nordwesten. Projekte in Baden-Württemberg und Bayern hatten dagegen – trotz steigender Genehmigungszahlen – nur geringe Chancen auf einen Zuschlag.
Diese Entwicklung verstetigt ein Muster, das sich seit Jahren abzeichnet. Während Länder wie Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen regelmäßig hohe Zuschlagsvolumina erreichen, bleibt der Südwesten deutlich unterrepräsentiert. Dabei mangelt es dort nicht an Projekten. In Baden-Württemberg etwa ist die Zahl der Genehmigungen zuletzt gestiegen. Mehrere Vorhaben sind baureif. Doch ohne Zuschlag im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) fehlt die wirtschaftliche Grundlage für den Bau.
Nachteile für den Süden bei Windausschreibungen
Der Mechanismus ist bekannt: In den Ausschreibungen konkurrieren Projekte bundesweit über den gebotenen Preis. Wer die geringsten Förderkosten verlangt, erhält den Zuschlag. Dieses Modell begünstigt Standorte mit vorteilhaften Rahmenbedingungen – etwa mit konstant hohen Windgeschwindigkeiten, großen zusammenhängenden Flächen und vergleichsweise niedrigen Erschließungskosten. Diese Bedingungen finden sich häufiger im Norden als im Süden.
In Baden-Württemberg und Bayern sind die Projekte oft kleinteiliger, liegen in anspruchsvoller Topografie und erfordern aufwendigere Infrastrukturmaßnahmen. Erschließungswege, Kabeltrassen und Speziallogistik treiben die Kosten.
Gleichzeitig unterscheiden sich die Windverläufe: Im Süden weht der Wind zeitlich anders als an der Küste. Aus systemischer Sicht kann das ein Vorteil sein, weil sich Erzeugungsspitzen entzerren und regionale Lastzentren näher an der Erzeugung liegen. Im gegenwärtigen Ausschreibungsdesign spielt dieser Aspekt jedoch keine Rolle.
Vor diesem Hintergrund haben sich 22 im Südwesten aktive Projektierer – darunter die Freiburger Badenova sowie die EWS Elektrizitätswerke Schönau – mit einem gemeinsamen Papier an die Politik gewandt. Sie verweisen darauf, dass genehmigte Projekte zunehmend nicht mehr realisiert werden, weil sie im Preiswettbewerb unterliegen. Das bremst Investitionen und erschwert den weiteren Projektaufbau.
EEG-Entwurf übersieht regionale Unterschiede
Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat in einer Stellungnahme zur Vorabfassung des Referentenentwurfs betont, dass die Ausschreibungsvolumina für Wind an Land kurzfristig erhöht werden sollten, insbesondere mit Blick auf den bislang schwachen Ausbau in Süddeutschland. Gleichzeitig begrüßt der Verband, dass die Ausbaupfade bis 2030 grundsätzlich erhalten bleiben.
Der nun bekannt gewordene Arbeitsentwurf für ein EEG 2027 hält zwar an den nationalen Ausbauzielen fest. Der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch soll bis 2030 bei mindestens 80 Prozent liegen. Die Ausschreibungsvolumina für Windenergie an Land werden fortgeschrieben.
Eine gezielte regionale Differenzierung sieht der Entwurf jedoch nicht vor. Weder werden systemische Standortvorteile im Süden gesondert berücksichtigt, noch enthält das Dokument spezifische Instrumente, um strukturelle Kostennachteile auszugleichen.
Ungleichgewicht bei Erneuerbaren-Ausbau verstärkt sich
Damit bleibt die zentrale Frage offen, wie der Ausbau räumlich ausgewogener gestaltet werden kann. Denn die regionale Verteilung hat energiewirtschaftliche Folgen. Wenn zusätzliche Kapazitäten überwiegend im Norden entstehen, wächst der Bedarf an Transportkapazität in Richtung Süden. Netzausbau und Speicherbedarf steigen entsprechend. Gleichzeitig entstehen Erzeugungsschwerpunkte fernab großer industrieller Verbrauchszentren in Süddeutschland.
Die Debatte berührt damit nicht nur regionale Interessen, sondern die Systemarchitektur insgesamt. Das EEG ist als zentrales Förderinstrument auf Kosteneffizienz ausgerichtet. Mit zunehmendem Anteil erneuerbarer Energien rückt jedoch die Frage stärker in den Vordergrund, wie Erzeugung, Netze und Verbrauch räumlich zusammenwirken.
Ob und wie das Gesetzgebungsverfahren hier noch Anpassungen vorsieht, ist offen. Klar ist jedoch: Während die Gesamtzahlen beim Windenergieausbau steigen, verschärft sich das regionale Ungleichgewicht. Ohne geeignete Instrumente dürfte sich dieses Nord-Süd-Gefälle weiter verfestigen – mit Auswirkungen auf Investitionen, Netzinfrastruktur und die räumliche Balance der Energiewende.






