Die Großhandelspreise für Erdgas sind seit dem Beginn des Kriegs im Iran um über 60 Prozent gestiegen. Iranische Angriffe auf Nachbarstaaten in der Region ließen am Dienstag (17. März) die Preise für den Frontmonat April am Handelspunkt TTF zeitweilig auf über 52 Euro pro Megawattstunde (MWh) klettern. Die geopolitische Lage und das anhaltend hohe Preisniveau macht den Gasspeicherbetreibern große Sorgen. Der Grund: Der Spread zwischen Sommer- und Winterpreisen hat sich ins Negative gedreht. Gas ist für den kommenden Winter derzeit günstiger als es für den Sommer verfügbar ist. Damit fehlen dem Markt jegliche ökonomische Anreize zur Einspeicherung von Gas.
Unter diesen Bedingungen werde die Wiederbefüllung der Gasspeicher für den kommenden Winter 2026/27 zu einer "außergewöhnlich großen Herausforderung", warnt deshalb die Initiative Energien Speichern (Ines). Vor dem Hintergrund der historisch niedrigen Ausgangsfüllstände stelle dies ein erhebliches Risiko für die Vorbereitung der kommenden Winterversorgung dar.
Die deutschen Gasspeicher sind aktuell im bundesweiten Schnitt zu 22 Prozent befüllt. Dieser Füllstand wird laut Marktexperten selbst bei extrem kalten Temperaturen ausreichen, um die Gasversorgung bis zum Ende der Heizperiode sicherzustellen.

Der Status quo ist nicht tragfähig. Die bestehenden Mechanismen sichern die Gasversorgungssicherheit nicht ausreichend ab.
Sebastian Heinermann
Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern
Technisch wäre eine Wiederbefüllung der Speicher im Sommer in Höhe des Buchungsstands vom Vorjahr – das heißt 81 Prozent zum ersten November – möglich, heißt es in einer Ines-Pressemitteilung. Die aktuellen Marktrealitäten seien aber andere und entsprächen nicht den theoretischen Modellannahmen der Initiative.
"Der Status quo ist nicht tragfähig – bestehende Mechanismen sichern die Gasversorgungssicherheit nicht ausreichend ab, weil die Anreize zur Befüllung der Gasspeicher unzureichend sind", mahnt Ines-Geschäftsführer Heinermann. Der gesetzliche und regulatorische Rahmen müsse weiterentwickelt werden, indem verbesserte Instrumente implementiert werden.
Nach Einschätzung vieler Marktakteure hätten insbesondere die bisherigen Füllstandsvorgaben und die damit verbundenen Marktverzerrungen die Preisbildung verändert und die Anreize zur Einspeicherung deutlich reduziert.
Zudem zeige der Vergleich mit anderen europäischen Ländern, dass geeignete politische Rahmenbedingungen die Speicherbewirtschaftung deutlich stabilisieren können. Harmonisierte Regeln im EU-Binnenmarkt seien daher ein wichtiger Baustein, um Wettbewerbsnachteile für deutsche Speicher zu vermeiden, heißt es weiter in der Pressemitteilung.
Wirtschaftsministerium will abwarten und arbeitet an Gasreserve
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) will vorerst abwarten, wie sich die Einspeicherungen in dem relevanten Zeitraum von Ende April bis Anfang Mai entwickeln, und ob sich der Spread dann wieder ins Positive dreht. "Wir haben aber auch schon 60 Prozent Vorbuchungen für die Speicher, die uns ein gutes Fahrgefühl geben", versicherte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bei einem Pressebriefing vor Journalisten am Montag (16. März). Die Buchungen seien physisch hinterlegt und bereits vor dem Iran-Krieg erfolgt. Weitergehende Maßnahmen seien davon abhängig, wie sich die Gaspreise entwickelten und wie lange der Krieg im Nahen Osten andauere.
Neben dem marktlich organisierten Speichergeschäft hält Reiche aber auch ein Notfallinstrument für exogene Schocks, wie etwa den aktuellen militärischen Konflikt am Persischen Golf, für notwendig. Über die Bildung einer abgegrenzten und gesicherten Gas-Reserve werde derzeit diskutiert. Nach welchen Kriterien diese aufgestellt und wie diese genau ausgestaltet werden solle, werde zurzeit durch Gutachten ermittelt. Man werde zu diesem Thema auch mit der Öffentlichkeit und der Gasspeicherbranche in einen intensiven Dialog gehen, heißt es aus dem BMWE.
Der Aufbau einer strategischen Reserve wird auch von der Speicher-Initiative Ines gefordert. "Wir empfehlen eine Dimensionierung von rund 78 Terawattstunden", sagt Sebastian Heinermann. Mit einer solchen Reserve könnten exogene Schocks – wie zum Beispiel ein Ausfall norwegischer Importpipelines – über 90 Tage ausgeglichen werden.



