Bild: © Marijan Murat/dpa

Der Investitionsbedarf in den kommenden Jahren ist hoch, ebenso der Regulierungsdruck: Für viele kleine und mittelgroße Netzbetreiber bedeutet das enorme Herausforderungen sowohl mit Blick auf den Kapitalbedarf, Fachkräfte und die wachsende Komplexität des Netzgeschäfts. Kooperationen untereinander oder auch Partnerschaften mit kapitalstarken größeren Versorgern können hier eine Lösung sein. So können Synergien und Skaleneffekte gehoben werden, so die Theorie. Oftmals steht dem der Wunsch nach kommunaler Eigenständigkeit und die Sorge, Einfluss auf die Mitbestimmung über die Energiewende vor Ort zu verlieren, entgegen.

Enercity aus Hannover hat als Antwort darauf ein neues Modell, eine sogenannte "Netzpartnerschaft" im Rahmen eines kommunalen Partnermanagements entwickelt – in unterschiedlichen Ausprägungen. Dort, wo der Energieversorger Eigentümer und Betreiber der Netze ist, sollen die jeweiligen Städte und Kommunen sich an der Enercity Netz GmbH beteiligen können. Über einen neu gegründeten Netzbeirat haben sie weiterhin ein Mitspracherecht bei der Investitionsplanung und Modernisierung der Netze. Die Kommune entsendet mehrheitlich Vertreter aus den Ratsfraktionen oder der Verwaltung in den Netzbeirat.

Kommunen werden an Erlösen beteiligt

"Die klassischen Netzbeteiligungsmodelle stoßen angesichts des immensen Investitionsbedarfs im Stromnetzbereich an ihre Grenzen", sagt Mathias Timm, Leiter Kommunales Partnermanagement und Konzessionen, im Gespräch mit der ZfK. Dem wolle man mit einem Modell begegnen, das die Risiken der Kommune deutlich reduziere, diese aber weiterhin an den Erlösen aus dem Netz beteilige.

Zudem unterstützt Enercity die jeweiligen Kommunen und ihre Stadtwerketöchter bei der strategischen Weiterentwicklung, etwa beim Auf- und Ausbau neuer Geschäftsfelder. Darüber hinaus unterstützt Enercity auch außerhalb des eigenen Netzgebietes bei der kommunalen Wärmewende. 

Flächendeckender Smart-Meter-Rollout in Garbsen geplant

Erstmals wurde dieses neue Partnerschafts-Modell in diesem Jahr mit den Städten Ronnenberg und Garbsen umgesetzt. In der 60.000-Einwohner-Stadt Garbsen, in direkter Nachbarschaft zur niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover gelegen, übernimmt Enercity zum ersten Januar den Betrieb der Stromnetze und mit Jahresbeginn 2028 auch den Betrieb der Gasnetze.

Bei der erforderlichen Digitalisierung der Stromnetze soll die Stadt Garbsen künftig ebenfalls vom Know-how und der Finanzkraft von Enercity profitieren. Im Laufe des kommenden Jahres soll dort der flächendeckende Smart-Meter-Rollout starten. Dies soll die Versorgungssicherheit weiter erhöhen und die Ressourcen beim Netzausbau optimieren, heißt es weiter.

Minderheitsgesellschafter und Unterstützung beim Konzessionswettbewerb in Celle

Eine andere Form der Netzpartnerschaft hat Enercity vor kurzem mit den Stadtwerken Celle etabliert. Dort unterstützt das Energieunternehmen die Stadtwerke mit seinem technischen und regulatorischen Know-how bei der Rekommunalisierung der Netze. Die neu gegründete Stadtwerke Celle Netz GmbH beteiligt sich am Konzessionswettbewerb um die zum Ende kommenden Jahres gekündigten Strom- und Gasnetzkonzessionen.

"Wir verstehen uns als Teil der kommunalen Familie und schauen sehr genau, wo organisches Wachstum sinnvoll für uns ist und wo nicht", ergänzt Timm. Das Unternehmen habe eine klare Strategie mit Blick auf den Konzessionswettbewerb und denke hier das Thema Partnerschaften unabhängig von der Region Hannover.

Einvernehmliche Lösung des Rechtsstreits Neustadt am Rübenberge

Wie bei der Bilanzpressekonferenz im Frühjahr bestätigt wurde, ist Enercity in den vergangenen Jahren sehr aktiv im Konzessionswettbewerb gewesen. Das führt naturgemäß auch zu der ein oder anderen Rechtsstreitigkeit.

Das war auch in Garbsen der Fall. Die Stadtwerke Garbsen und die benachbarten Stadtwerke Neustadt am Rübenberge hatten 2017 ihre Netze in die gemeinsame Netzgesellschaft "Leinenetz" eingebracht. Nachdem die Stadt Garbsen Anfang 2024 die Netze zum Verkauf ausgeschrieben hatten, klagten die Stadtwerke Neustadt am Rübenberge dagegen. Dieser Konflikt ist offenbar mittlerweile einvernehmlich und für beide Seiten auskömmlich beigelegt. "Wir danken ausdrücklich allen Beteiligten, die zu dieser konstruktiven Lösung beigetragen haben", sagt Timm.

Um die Herausforderungen beim Stromnetzausbau und der Energiewende bewältigen zu können, führe kein Weg an Kooperationen und Partnerschaften innerhalb der "kommunalen Familie" vorbei.  Die Notwendigkeit hierzu werde durch die geplanten Effizienzvorgaben im Rahmen des Nest-Prozesses eher noch verschärft.

Viele Konzessionen im Großraum Hannover laufen in den nächsten zwei Jahren aus

Anders als in Garbsen ist der Netzbetrieb und das Eigentum an den eigenen Netzen in Neustadt am Rübenberge nach wie vor ein ganz zentrales strategisches Asset. Die Netzstruktur gilt mit einem Saidi-Wert von 0,88 als sehr gut, es gibt viele Syneergieeffekte beim Betrieb des flächendeckenden und profitablen Glasfasernetzes mit dem Strom- und Wärmenetz.

Die Stadtnetze Neustadt am Rübenberge haben in rund vier Jahren die Stadt Neustadt komplett mit einer Anschlussquote von 50 Prozent mit Glasfaser erschlossen. In den nächsten Jahren ist ein umfassender Smart-Meter-Rollout geplant, die intelligenten Messsysteme wie auch die Wärmepumpen und Trafostationen sollen über das Glasfasernetz gesteuert werden. Die notwendigen Investitionen in den Netzausbau in den nächsten Jahren kann man nach Angaben des Unternehmens aus eigener Kraft finanzieren. 

Im Großraum Hannover laufen in den kommenden Jahren viele Konzessionen aus, laut ZfK-Informationen hat die Eon-Tochter Avacon eine sehr starke Stellung im Bereich der Netzkonzessionen in der Region. Das Modell der Netzpartnerschaft ist also auch vor dem zu erwartenden, intensiven Konzessionswettbewerb in der Region ein wichtiger Baustein in der Strategie von Enercity.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper