Die Lausitz befindet sich mitten im energiewirtschaftlichen Umbruch. Der Braunkohleausstieg bis 2038 ist beschlossene Sache. Stück für Stück treten Wind und Solar an die Stelle des Tagebaus, der die Region viele Jahrzehnte geprägt und die Menschen in Lohn und Brot gebracht hat. Sie müssen sich jetzt beruflich neu orientieren und umschulen lassen.
Das Wegbrechen der alten, identitätsstiftenden Strukturen erzeugt Unsicherheit und Frustration. Der Wandel ist nicht nur ein wirtschaftlicher Prozess, sondern auch ein emotionaler und sozialer. Gleichzeitig stellt die Region schon die strukturellen Weichen für eine Zukunft ohne Braunkohle.
Der geplante Lausitz Science Park in Cottbus, konzipiert als Wirtschafts- und Wissenschaftspark, ist ein Beispiel dafür. Dort wird unter anderem zu den Themen Energiewende und Dekarbonisierung geforscht werden. Zudem sollen sich Start-ups aus den Bereichen erneuerbare Energien, Speichertechnologien oder Wasserstoff rund um den Campus ansiedeln.
Strukturwandel hautnah
Was bedeuten die Veränderungen für junge Leute aus der Region, die studieren oder in der Ausbildung sind – für diejenigen, die in den nächsten Jahren in den Arbeitsmarkt eintreten? An sie richtet sich die "Zukunftsakademie Lausitz", ein Gemeinschaftsprojekt des Qualifizierungsbundes in der Lausitz für Erneuerbare Energien (QLEE) und des DGB-Projektes "Revierwende". Initiatoren des QLEE sind der Lausitzer Energieversorger Leag, das Institut für betriebliche Bildungsforschung (IBBF) und der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE). Die Programmleitung hat Constantin Rücker vom BEE.
Die Akademie findet seit 2023 einmal jährlich im Leag-Konferenzcenter in Lübbenau statt und dauert vier bis fünf Tage. Wer sich bewerben will, muss zwischen 18 und 27 Jahre alt sein und aus Brandenburg, Sachsen oder Berlin kommen. "Wir wollen die Energiewende nicht nur theoretisch erklären, sondern verständlich und greifbar machen", sagt BEE-Projektmanagerin Hanna Ahrenberg, die die Akademie mitorganisiert und durchführt.
Gerade junge Menschen treffe der Umbruch: Sie wachsen in einer Region auf, deren Zukunft noch offen ist, erleben den Strukturwandel hautnah und müssen sich in einem neuen Arbeitsmarkt und gesellschaftlichen Umfeld orientieren. Zugleich seien sie zentrale Akteure und Akteurinnen der Transformation – als zukünftige Fachkräfte, Entscheidungsträger und Gestalter ihrer Heimat.
Unterwegs in einem der größten Braunkohletagebaue Deutschlands
Wie entwickelt sich diese energiewirtschaftlich weiter? Welche neuen Berufsfelder entstehen? Antworten darauf lassen sich am besten vor Ort finden, bei den Erzeugungsanlagen, die vom Konferenzcenter aus schnell erreichbar sind. Einen ganzen Tag lang werden sie besichtigt. Dieses Jahr, beim bisher dritten Treffen, ging es morgens zum Tagebau Welzow-Süd, einem der größten Braunkohletagebaue Deutschlands. Hier graben riesige, Tausende Tonnen schwere Eimerketten- und Schaufelradbagger den Braunkohleflöz um.
Der Tagebauleiter persönlich führte die 27-köpfige Gruppe herum, erklärte die Geschichte der Braunkohleförderung, ihre Bedeutung für die Region und die Komplexität des geplanten Ausstiegs. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer standen direkt vor der gigantischen F60-Förderbrücke, Sinnbild der industriellen Kraft des zu Ende gehenden Braunkohlezeitalters. Und sie bekamen ein Stück Kohle in die Hand gedrückt – so fühlt sich der Rohstoff an.
Nachmittags kamen die Orte der neuen Energiewirtschaft an die Reihe. Im Solarpark Schipkau erklärte ein Fachmann, wie Hunderte Hektar Solarpaneele überwacht werden, wie Wechselrichter funktionieren und ob es sinnvoll ist, Schafe zur Pflege der Flächen einzusetzen.
"Die Exkursionen sind echte Höhepunkte. Sie machen Kontraste sichtbar: Braunkohle gestern und erneuerbare Energien heute und ein Blick in die Zukunft mit dem Höhenwindrad."
Hanna Ahrenberg, Projektleiterin BEE

"Die Exkursionen sind echte Höhepunkte. Sie machen Kontraste sichtbar: Braunkohle gestern und erneuerbare Energien heute und ein Blick in die Zukunft mit dem Höhenwindrad."
Hanna Ahrenberg, Projektleiterin BEE

"Die Exkursionen sind echte Höhepunkte. Sie machen Kontraste sichtbar: Braunkohle gestern und erneuerbare Energien heute und ein Blick in die Zukunft mit dem Höhenwindrad."
Hanna Ahrenberg, Projektleiterin BEE
Anschließend ging es zum Windpark Klettwitz – und hinein in den Turm eines Windrads. Hier lernten die jungen Leute, wie die Abregelung bei Überproduktion funktioniert und dass Industriekletterer die Anlage warten. Danach besichtigte die Gruppe noch die Baustelle des Gicon-Höhenwindrades, mit 300 Metern Nabenhöhe das weltweit höchste.
"Die Exkursionen sind echte Höhepunkte", so Ahrenberg. "Nicht nur wegen der Orte selbst, sondern wegen der Kontraste, die sie sichtbar machen: Braunkohle gestern, erneuerbare Energien heute, und ein Blick in die nahe Zukunft mit dem Höhenwindrad – alles an einem einzigen Tag."
Virtuelles Wärmekonzept
Zu den zentralen Programmpunkten gehören auch die Workshops. Staubtrockene Power-Point-Präsentationen sind hier tabu, stattdessen gilt es knifflige Aufgaben zu meistern. So müssen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst ein Wärmekonzept für ein Stadtquartier entwerfen – als virtuelles Modell.
Und beim Leag-Kraftwerkssimulator spielen sie realistische Szenarien durch, etwa Störungen im Netz. Sie übernehmen Verantwortung, treffen Entscheidungen – und verstehen so, wie komplex Energieerzeugung ist und was es bedeutet, diese Systeme umzubauen. Gerade dieser Perspektivenwechsel – von Konsumenten zu Systemverantwortlichen – hinterlassen bei vielen einen bleibenden Eindruck.
"Realitätsnahe und differenzierte Zukunftsentwürfe"
2025 sei die Akademie konzeptionell gereift, findet Ahrenberg. Es gab methodische Veränderungen. So wurden drei Teams gebildet: das ökonomische (mit den Kernanliegen regionale Wertschöpfung, Arbeitsplätze), das gesellschaftliche (Teilhabe, Bildung), das ökologische (Artenvielfalt, Flächennutzung, Klimaschutz).
Jedes Team arbeitete für sich an der Frage, wie die Energiezukunft der Lausitz aussieht. Dafür schlüpften die jungen Leute in die Rolle fiktiver Akteure: Die eine spielte die Vertreterin eines Wirtschaftsverbands ("Wirtschaftsinitiative Lausitz"), der andere gehörte einem Umweltverein ("NaturWende Lausitz") an. Herausgekommen seien "realitätsnahe, differenzierte Zukunftsentwürfe". Bei der Umweltschutzgruppe etwa Vorschläge, wie Biodiversitätsmaßnahmen mit den CSR-Strategien und dem Employer Branding von Unternehmen verknüpft werden könnten.
Mitwirken statt nur beobachten
Ahrenberg sieht in der Akademie "weit mehr als eine klassische Bildungsmaßnahme". Sie leiste einen Beitrag zur Demokratisierung des Strukturwandels. So formulierten die Teilnehmer zum Abschluss des Treffens Handlungsempfehlungen, die zusammengefasst an Akteure aus Politik und Wirtschaft weitergereicht werden. Der erste Schritt vom Beobachten zur Mitwirkung.
Und der Fachkräftemangel? Der sei eine zentrale Herausforderung, so Ahrenberg. Die Lausitzer Energiewende brauche nicht nur Technik, sondern auch Menschen, die sie mitgestalten. "Deswegen müssen wir es schaffen, junge Leute in der Region auszubilden – und sie danach auch hier zu halten." Die Akademie sei zwar kein Rekrutierungsprogramm, könne aber etwas ins Rollen bringen. Wie das Beispiel eines 19-jährigen Cottbusers zeigt. Nach dem diesjährigen Treffen beschloss er, den Schwerpunkt bei der gerade begonnenen Ausbildung zum Elektrotechniker auf nachhaltige Technologien zu legen.



