"Die zweite Halbzeit der Energiewende braucht andere Regeln", fordert Eon-Chef Leo Birnbaum bei der Vorstellung der soliden Konzernzahlen für das Geschäftsjahr 2025. Der bisherige Kurs der Energiewende sei an seine Grenzen gekommen, betonte er bei der Bilanzpressekonferenz in Essen.
Der Essener Energiekonzern schloss das abgelaufene Geschäftsjahr mit einem bereinigten Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) von 9,8 Milliarden Euro ab und lag damit am oberen Ende seines Prognosekorridors (+9 Prozent gegenüber dem Vorjahr). 7,7 Milliarden Euro entfielen auf das Geschäftsfeld Energy Networks, also das regulierte Netzgeschäft (+12 Prozent ).
Das Jahr 2025 war geprägt von wirtschaftlicher und geopolitischer Unsicherheit, die sich nach Einschätzung Birnbaums auch 2026 nicht verbessern werde: "Wir werden vermutlich — wie bereits in den vergangenen Jahren — auch in Zukunft mit dieser Unsicherheit leben müssen."
"Zweite Halbzeit" mit neuen Regeln
Eon hat seine Position als größter Verteilnetzbetreiber weiter ausgebaut. Rund 70 Prozent der Windkraftleistung an Land und fast 50 Prozent der PV-Kapazitäten in Deutschland speisen inzwischen in Eon-Netze ein. Die zweitmillionste Erneuerbarenanlage wurde kürzlich angeschlossen — die erste Million hatte rund 15 Jahre gebraucht, die zweite nur fünf. Die gesamte angeschlossene Kapazität liegt bei etwa 110 Gigawatt.
Für Birnbaum ist es nun Zeit für politische Nachjustierungen: "Die erste Halbzeit der Energiewende ist vorbei. In der zweiten Halbzeit müssen wir ein anderes Spiel spielen." Entscheidend seien nun Kostenkontrolle und Systemstabilität. Ein ungesteuerter weiterer Zubau treibe die Systemkosten nach oben und gefährde "die Akzeptanz und den langfristigen Erfolg der Energiewende".
Netzpaket, Überbauung und flexible Einspeisung
Birnbaum bewertet den Entwurf des Netzpakets des Bundeswirtschaftsministeriums positiv: "Der grundlegende Richtungswechsel ist richtig." Besonders begrüßt er das Ende des bisherigen Windhundprinzips: "First-come-first-serve hat zu spekulativem Handtuch-Auslegen im Netz geführt. Plätze wurden blockiert, ohne dass Projekte realisiert wurden. Wir können Netze nicht hinter einem ungesteuerten Zubau her bauen."
Technische Instrumente wie Überbauung oder flexible Einspeiselösungen hält er für sinnvoll. Überbauung bedeutet, dass Netzanschlüsse bewusst mit mehr Erzeugungsleistung belegt werden, als physisch gleichzeitig transportiert werden kann. Dadurch lassen sich vorhandene Netze effizienter auslasten und Netzausbaukosten senken: "Damit können wir mehr Netz für weniger Geld bereitstellen – vorausgesetzt, die Regulierung wird entsprechend angepasst."
Wir brauchen Lokalisierungssignale mit Zähnen.
Kritisch sieht Birnbaum offene Punkte bei regionalen Steuerungsinstrumenten: "Wir brauchen Lokalisierungssignale mit Zähnen. Wenn eine Regelung nicht beißt, bewirkt sie nichts." Noch seien Begriffe wie "temporär" oder fehlende Entschädigungen unklar. "Ob daraus ein gutes Paket wird, sehen wir erst, wenn die Details stehen."
Eon fordert eine stärkere staatlich gesteuerte Bedarfsplanung statt des bisherigen Fördersystems. Durch koordinierte Energiesystemplanung ließen sich Einsparungen "im zweistelligen Milliardenbereich, 15 bis 20 Milliarden Euro" erzielen. Gleichzeitig unterstützt der Konzern die Bundesregierung bei lokalen Kostensignalen, um Netzengpässe zu reduzieren: "Ohne ein solches Lokalisierungsinstrument werden wir die Engpässe nicht auflösen können."
Forderungen nach vollständig redundanten Netzen lehnt Birnbaum als "weder zielführend noch kosteneffizient" ab. Resilienz bedeute vielmehr, Systeme so auszulegen, dass sie sich nach Störungen schnell erholen. Angriffe auf Energieinfrastruktur seien "ein terroristischer Akt".
Finanzvorständin Nadia Jakobi ergänzt, dass die Umsetzung der Energiewende "maßgeblich von einer angemessenen Regulierung abhängt". Eon erhöht seine Investitionen bis 2030 von 43 auf 48 Milliarden Euro. "Investitionen in dieser Größenordnung setzen zwingend voraus, dass die regulatorischen Rahmenbedingungen stimmen", betonte Jakobi.
Operativ präsentierte der Konzern ein solides Bild: Das bereinigte EBITDA erreichte 9,8 Milliarden Euro, getragen vor allem vom regulierten Netzgeschäft. Die Investitionen stiegen auf 8,5 Milliarden Euro, der Großteil floss in Verteilnetze — den zentralen Schauplatz der Energiewende.
Eon signalisiert damit klar: Die Verantwortung für Tempo und Erfolg der Energiewende liegt zunehmend bei der Politik, nicht mehr allein beim Netzbetreiber.
Kein Kommentar zur GEG-Novelle
Zur jüngsten Novelle des Gebäudeenergiegesetzes wollte sich Birnbaum nicht äußern: "Das ist ein riesiges Paket – mit Aussagen zu Fernwärme, Lieferverordnungen, Förderinstrumenten und Quotenregelungen. Ehrlich gesagt: Wir konnten es noch nicht in voller Tiefe analysieren." Positiv sei jedoch, dass überhaupt ein Vorschlag vorliege: "Jetzt können wir endlich sachlich diskutieren, statt nur zu spekulieren."





