Die Gasspeicher sind diesen Winter weniger gefüllt als in den Krisenjahren – ohne Versorgungsrisiko. Ein Gastbeitrag analysiert, warum funktionierende Preissignale für die Speicherbewirtschaftung wieder wichtiger werden.
Die hohen Gasspeicherfüllstände der Jahre 2022 und 2023 waren mehr als eine technische Vorsorgemaßnahme. In einer Phase extrem angespannter Märkte sendeten staatliche Füllvorgaben ein klares politisches Signal: Versorgungssicherheit hat Vorrang, auch wenn dies kurzfristig hohe Kosten verursacht. Dieses Signal war notwendig, um Vertrauen zu stabilisieren und extreme Risikoaufschläge an den Märkten zu begrenzen.
Neue Ausgangslage im Winter 2025/2026
Der Winter 2025/26 zeigt jedoch eine veränderte Ausgangslage. Die Speicher sind zu Beginn der Heizperiode niedriger gefüllt als in den beiden Vorjahren, ohne dass dies bislang eine physische Knappheit ausgelöst hätte. Pipelineimporte aus Norwegen, stabile Gasflüsse aus den europäischen Nachbarstaaten und LNG-Lieferungen über neue Terminals tragen heute strukturell zur Versorgung bei. Entsprechend bewertet die Bundesnetzagentur das Risiko realer Engpässe weiterhin als gering.
Mit dieser Normalisierung stellt sich zunehmend die Frage nach der Rolle staatlicher Eingriffe in der Preisbildung. Füllvorgaben und nationale Gasreserven wirken nicht nur auf die physische Verfügbarkeit, sondern vor allem auf Erwartungen. In angespannten Märkten können sie preisdämpfend wirken, weil sie Risikoaufschläge reduzieren und die Angst vor Knappheit begrenzen. In stabileren Marktphasen entfalten sie jedoch eine andere Wirkung.
Staat schwächt marktbasierte Preissignale
Je stärker der Staat die Speicherbewirtschaftung vorgibt oder absichert, desto schwächer werden marktbasierte Preissignale. Sommer-Winter-Spreads, die traditionell den wirtschaftlichen Anreiz zur Einspeicherung liefern, verlieren an Bedeutung, wenn Marktteilnehmer davon ausgehen, dass der Staat im Zweifel einspringt. Die Folgen sind weniger eigenverantwortliche Speicherhaltung und eine schleichende Verlagerung von Preis- und Versorgungsrisiken auf den Staat.
Dabei sind funktionierende Preisspreads ein zentrales Element der Gasmarktlogik. Sie spiegeln saisonale Knappheiten wider, lenken Investitionen in Speicherinfrastruktur und sorgen dafür, dass Gas dort bevorratet wird, wo es volkswirtschaftlich sinnvoll ist. Werden diese Signale durch dauerhafte Eingriffe geglättet, sinkt nicht nur die Effizienz, sondern langfristig auch die Anpassungsfähigkeit des Systems.
Die aktuelle Marktlage spricht daher für eine Rückkehr zu größerer Zurückhaltung. Die Versorgung ist breiter aufgestellt als noch vor drei Jahren, LNG ist vom Notinstrument zum festen Bestandteil des Systems geworden, und globale Märkte reagieren wieder stärker auf Preissignale. Unter diesen Bedingungen kann und sollte der Markt die saisonale Speicherbefüllung wieder als Geschäftsmodell übernehmen.
Lehren aus 2022 nicht vergessen
Das bedeutet nicht, die Lehren aus 2022 zu vergessen. Notfallpläne, Füllvorgaben und staatliche Reserven behalten ihre Berechtigung als Instrumente für außergewöhnliche Stresssituationen. Sie sollten jedoch wieder das sein, was sie ursprünglich waren: temporäre Absicherungen in Ausnahmelagen und keine dauerhaften Eingriffe in die Preisbildung.
Versorgungssicherheit entsteht heute weniger durch politisch definierte Zielwerte als durch funktionierende Märkte. Wenn Sommer-Winter-Spreads wieder ihre Steuerungsfunktion übernehmen, verteilen sich Risiken effizienter, Preise werden aussagekräftiger, und Speicher werden dort gefüllt, wo es ökonomisch sinnvoll ist. Der Staat bleibt Garant im Hintergrund – nicht als ständiger Taktgeber, sondern als Rückversicherung für den Ernstfall.



