Herr Fees, EnBW hat gerade einmal zwei Jahre gebraucht, um sein Direktvermarktungsportfolio von fünf auf zehn Gigawatt zu verdoppeln. Wollen Sie uns Ihr Erfolgsrezept verraten?
Seit 2021 sind Betreiber von Anlagen mit mehr als 100 Kilowatt verpflichtet, am Redispatch-Verfahren teilzunehmen. Darauf waren wir gut vorbereitet. Denn mit unserem Virtuellen Kraftwerk, dem Interconnector, haben wir frühzeitig eine automatisierte und leicht zugängliche Plattform auf den Markt gebracht.
Es ging dann auch schon 2021 los, dass unser Portfolio Monat für Monat kräftig wuchs – zusammen mit unserem Großkunden-Portfolio auf schließlich zehn Gigawatt und mehr. Da haben wir einen gewissen Boom erlebt.
Wenn das Virtuelle Kraftwerke weiterhin wächst, müssen die Portfolioverluste aus dem Großkunden-Geschäft gekommen sein.
Ja, da haben wir etwas eingebüßt. Dazu muss man aber auch sagen: Die Portfoliogröße ist zwar wichtig. Wir werden sicher immer zu den größten Direktvermarktern in Deutschland gehören.
Für uns ist aber sicher nicht ausschlaggebend, ob wir jetzt Nummer eins oder Nummer zwei sind. Das Wichtigste ist, dass wir aus Kundensicht ein stabiler, langfristiger Partner sind. Und wenn wir sehen, dass nun ein großer Wettbewerber eine Plattform wie die unsere auf den Markt gebracht hat, dann zeigt das, dass wir richtig unterwegs sind.
Sie sind zu dieser Zeit auch größter Direktvermarkter geworden. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das EnBW-Portfolio zu Beginn dieses Jahres etwas geschrumpft und danach nur leicht wieder angezogen hat. Inzwischen ist auch ein Mitbewerber im Direktvermarkter-Ranking an Ihnen vorbeigezogen. Ist der Boom vorbei?
Wir haben angesichts stark schwankender Großhandelspreise im letzten Jahr unsere Preise anpassen müssen. Unser Virtuelles Kraftwerk wächst zwar weiterhin. Wir verzeichnen weiter monatlich neue Abschlüsse. Aber es geht nicht mehr so schnell wie zuvor.
Welchen Stellenwert hat die Direktvermarktung für den großen EnBW-Konzern?
Die Direktvermarktung ist ein sehr wichtiger Baustein für uns und wird es immer bleiben. Wichtig ist aber auch, dass sie sich selbst trägt und wirtschaftlich ist.
Das ist auch einer der Gründe, warum wir in Phasen stark schwankender Strompreise unsere Preise auf vergleichsweise hohem Niveau stabil halten müssen. Denn nur so können wir ein stabiler Partner bleiben. Wirtschaftlichkeit und Größe. Diesen Spagat versuchen wir bestmöglich zu halten.
Geben Sie uns doch eine Vorstellung davon, welche Anlagen im Virtuellen Kraftwerk zu finden sind und welche im Großkunden-Portfolio.
Auf der Plattform sind 90 Prozent der Anlagen Photovoltaik. Im Großkundengeschäft sind überwiegend Windkraftanlagen vertreten. Im Gesamtportfolio halten sich Wind und Photovoltaik dann ungefähr die Waage. Insgesamt haben wir ein sehr ausgeglichenes Portfolio.
Gegenüber Wind und Solar fällt das Biomasse-Portfolio deutlich ab. Dabei wären doch flexible Anlagen Gold wert, um Strompreisschwankungen im Portfolio auszugleichen. Wollen Sie Ihr Biomasse-Portfolio ausbauen?
Flexibilität im Portfolio ist wichtig. Den größten Hebel sehen wir in den nächsten Jahren aber über Gewerbe-Batteriespeicher, weswegen wir deren Vermarktung auch in den Fokus genommen haben.
Und welche Ziele verfolgen Sie bei der Vermarktung von Speichern?
Wir bei EnBW bauen unsere neuen Photovoltaikparks nur noch mit Speichern. Wir wollen aber natürlich auch Speicher Dritter vermarkten. Die Nachfrage ist da. Der Markt wird boomen.
Noch sind zu wenige Batteriespeicher auf dem deutschen Markt, um die Zahl der Negativstunden einzudämmen. Wie sehr setzt das Ihnen zu?
Wir sehen weiterhin nicht unerhebliche Risiken. Der Spread zwischen den Preisen im Intraday-Handel ist teilweise sehr groß. Da muss man als Vermarkter schon eine gewisse Stabilität und Flexibilität im Portfolio haben.
Als die Strompreise ab 2021 in den Himmel schossen, sind viele andere Direktvermarkter, auch Quadra und Statkraft, auf variable Entgelte umgeschwenkt. Heißt: Statt einen fixen Aufschlag pro vermarkteter Megawattstunde zu verlangen, wurde ein Prozentsatz festgehalten. EnBW dagegen hat weiterhin auf feste Entgelte gesetzt. Bleiben Sie bei dieser Strategie?
Wir werden dieses Jahr erstmals auch dynamische Entgelte anbieten. Wir passen uns hier an die Marktanforderungen an, nachdem wir zunächst abgewartet haben.
Was meinen Sie damit, dass Sie sich an Marktanforderungen anpassen? Sind es Sie, die damit Marktrisiken besser managen wollen, oder fordern Ihre Kunden dynamische Entgelte?
Wir haben zurückgespiegelt bekommen, dass auch ein Produkt mit dynamischen Entgelten gewünscht wird.
Wie hart ist eigentlich der Preiskampf in der Direktvermarktung derzeit? Man hört, dass vermehrt auch Stadtwerke vor Ort ihr Glück wagen.
Wir befinden uns trotz des insgesamt höheren Preisniveaus als vor zwei Jahren in einem kompetitiven Umfeld. Wie jedes Jahr kommen neue Player in den Markt, darunter auch Stadtwerke. Nach dem Motto "Konkurrenz belebt das Geschäft" sehen wir das auch nicht negativ, da sich alle Vermarkter den gleichen Marktrisiken stellen müssen und wir uns in der Rolle als erfahrener und sicherer Partner wohl fühlen.
Das Interview führten Julian Korb und Andreas Baumer
Dieser Artikel ist Teil der ZfK-Sommerserie zur Direktvermarktung. Bereits veröffentlichte Artikel hier im Überblick:
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"Viele Betreiber in Not": Sorgenkind der Direktvermarktung steht am Scheideweg
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Neue Nummer eins in der Direktvermarktung
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