Christoph Schneider (39) bringt frischen Wind in die Stadtwerke Henningsdorf.

Christoph Schneider (39) bringt frischen Wind in die Stadtwerke Henningsdorf.

Bild: © Stadtwerke Hennigsdorf

Sich selbst nennt er einen "überzeugten Hennigsdorfer". Seine 27.000 Einwohner zählende Heimatstadt, nur wenige Fahrminuten von den Stadtgrenzen zu Spandau und Reinickendorf entfernt, vereine die Vor- und Nachteile des Berliner "Speckgürtels", sagt der 39-jährige Christoph Schneider.  Einerseits gibt es viel Natur, mit der Havel im Osten und ausgedehnten Wald- und Wiesenflächen im Westen.

Andererseits ist die Stadtbebauung industriell geprägt mit dem Riva-Stahl- und Walzwerk und dem Schienenfahrzeughersteller Alstom. Gleich neben Alstom, auf dem Gelände des Biomasse-Heizkraftwerkes, entsteht momentan das neue Zuhause der Stadtwerke: ein Verwaltungsgebäude, das alle technischen und kaufmännischen Bereiche unter einem Dach zusammenführt. Schneider sieht den Neubau als "klares Statement, dass wir zentraler Gestalter der Hennigsdorfer Energiezukunft sein wollen."

Branche durchlebt lehrreiche Zeit

In die Branche kam Schneider auf Umwegen. 2005 fing er "ganz bodenständig", wie er sagt, mit einer Ausbildung bei der Stadtverwaltung Hennigsdorf an. Da war er noch "weit weg von Strom und Gas", aber das änderte sich. Nach dem berufsbegleitenden BWL-Diplomstudium in Wismar und dem Master Kommunalwirtschaft in Eberswalde baute er den Marketingbereich der Stadt auf und leitete diesen.

Dann wechselte er ins Beteiligungsmanagement der städtischen Gesellschaften, zu denen auch die Stadtwerke gehören. 2020 wurde er gebeten, deren Leitung zu übernehmen – der alte Chef war abberufen worden. Auf dem Höhepunkt der Energiekrise Ende 2022 entschied er sich, Geschäftsführer in Vollzeit zu werden.

Die letzten Jahre seien die "herausforderndsten, aber auch lehrreichsten" gewesen, die die Branche je erlebt habe, sagt Schneider jetzt. Bei ihm bildete sich in dieser Zeit sein persönliches Langzeitziel heraus: das Unternehmen zu einem zukunftsfähigen, modernen Energiedienstleister zu entwickeln.

Stadtwerke müssen den steigenden Energiebedarf nicht nur decken, sondern ihn nachhaltig, sicher und intelligent steuern.

Auf Stadtwerke komme grundsätzlich eine "neue, zentralere Rolle" zu, und das habe viel mit künstlicher Intelligenz (KI) zu tun, sagt er. Diese potenziere den technologischen Fortschritt und verändere Wirtschaft und Gesellschaft fundamental, sie erhöhe aber auch den Energiebedarf.

Industrialisierung und das Aufkommen des Internets hätten gezeigt, dass Umbrüche immer zu einem "Mehr" führen: mehr Produktivität, mehr Wohlstand – mehr Energieverbrauch. "Genau hier liegt unsere gewachsene Verantwortung. Stadtwerke müssen den steigenden Energiebedarf nicht nur decken, sondern ihn nachhaltig, sicher und intelligent steuern. In diese Rolle müssen wir erst hineinwachsen."

Das Unternehmen sucht Anwendungsfälle für KI

Wie gedenkt er, KI im Unternehmen einzusetzen? Große Sprachmodelle stünden zum Beispiel bereits zur Verfügung, doch fehlten oft konkrete Anwendungsideen. Deshalb hat Schneider die Stelle eines Digitalisierungsmanagers geschaffen, der Anwendungspotenzial aufspüren soll; im Controlling oder bei der Steuerung der Netze für Strom, Gas und Fernwärme.

Alle im Betrieb müssten behutsam ans Thema herangeführt, Berührungsängste abgebaut werden. "Wir sollten aber ehrlich sein: Dass dank KI plötzlich alle weniger arbeiten müssen und mehr Freizeit haben, ist ein Mythos." Frei werdende Ressourcen würden immer durch neue, oft anspruchsvollere Tätigkeiten gefüllt.

Wir sollten unsere menschliche Intelligenz für das einsetzen, was sie unersetzlich macht.

Die Frage, die sich Mitarbeiter zu Recht stellen: Warum soll ich KI unterstützen, wenn am Ende nicht die 30-Stunden-Woche auf mich wartet? Darauf muss eine Geschäftsführung überzeugende Antworten geben können. Sich wiederholende Arbeitsprozesse und die Verarbeitung von Massendaten seien keine angemessenen Aufgaben für unser hoch entwickeltes Gehirn.

"Wir sollten unsere menschliche Intelligenz für das einsetzen, was sie unersetzlich macht: Kreativität, strategisches Denken und die Lösung komplexer Probleme." KI gibt erstmals die Möglichkeit dazu, weil damit nicht nur simple Abläufe, sondern auch komplexere Denkmuster automatisierbar sind.

Sein Führungsstil – geprägt durch Erfahrungen während seiner ersten Berufsjahre, als er Langzeitarbeitslose im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wieder in feste Strukturen zu bringen versuchte – passt gut zu diesem Blick auf KI. Schneider will kein gedankenloses Abarbeiten. Er versucht, Mitarbeiter in wegweisende Prozesse einzubinden, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie unternehmensverändernde Entscheidungen mittreffen.

Die Stadtwerke steigen in den Stromvertrieb ein

Der Aufbau der Geschäftsfelder Stromvertrieb und -handel 2024 war eine solche gemeinsame Entscheidung. Auch wenn es aufwendig ist, im täglichen Geschäft alles umfassend zu kommunizieren und zu kommentieren: "Dadurch etablieren sich Abläufe und Strukturen, die so robust und klar sind, dass sie ganz ohne die ständige Absicherung bei der Geschäftsführung funktionieren." Das erhöhe die Effizienz und befähige Mitarbeiter, ihre Expertise voll einzubringen und Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen.

Derzeit wird in Hennigsdorf mit Hochdruck am Wärme-Transformationsplan gearbeitet. Schneider will frühzeitig wissen, welche Erzeugerquellen vor Ort tatsächlich genutzt werden können und genehmigungsrechtlich zulässig sind. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Flusswärme der Havel, saisonale Aquiferspeicher und Großwärmepumpen zum Dekarbonisierungspfad bis 2045 gehören.

Eine "Wärmedrehscheibe" hat die Stadt schon: den Stahlspeicher, der Prozesswärme aus dem Walzwerk aufnimmt und bei Bedarf ins Fernwärmenetz abgibt. Das Besondere: Deutschlandweit haben ihn 226 Personen via Crowdfunding mitfinanziert. 61 Investoren waren Hennigsdorfer, die 498.000 Euro beisteuerten, ein Zehntel der Gesamtinvestition.

Ohne irgendeine Form der Beteiligung gelingt die Energiewende nicht, ist Schneider überzeugt. "Sie schafft nicht nur Transparenz, sondern auch direktes Interesse an der Transformation vor Ort." Auch wenn diese Finanzierungsform teurer ist als ein Bankkredit, stellt sie doch eine "unbezahlbare Investition in Akzeptanz und Vertrauen" dar.

Schneider warnt vor Fehlanreizen in der Wärme

Was das aktuelle Regelwerk für die Wärmetransformation angeht, so möchte Schneider zum Nachdenken anregen. Dass Abwärme aus Müllverbrennungsanlagen mit erneuerbarer Energie gleichgesetzt ist, verursache ein strukturelles Problem. "Stadtwerke, die zufällig eine solche Anlage in der Nähe haben, erhalten so eine günstige und risikoarme Wärmequelle, ohne dafür innovative Ingenieursleistungen erbracht oder unternehmerische Risiken auf sich genommen zu haben."

Wenn der Zugang zur Wärmequelle eine Art "geografischer Lottogewinn" ist, würden falsche Anreize gesetzt und Bemühungen zur Müllvermeidung konterkariert. Damit es gerecht zugeht bei der Wärmewende, brauche es faire und transparente Spielregeln, die Innovation und Risiko belohnen, statt auf Zufällen zu basieren.

"Wird an der aktuellen Regelung festgehalten, sollte es zumindest einen Ausgleichsmechanismus für jene Kommunen und Versorger geben, die den gesetzlichen Auftrag nur mit sehr hohem finanziellen und infrastrukturellen Aufwand erfüllen können", fordert er.

Schneider sieht ein zweites Problem: die Konkurrenz um günstige Wärmequellen. Wenn sich weit entfernte, aber finanzstarke Konzerne Wärmelieferverträge über lange Strecken sichern, hätten weniger finanzstarke lokale Stadtwerke das Nachsehen. "Angesichts der vor uns liegenden Mammutaufgabe können wir uns einen solchen Verdrängungswettbewerb nicht leisten." Auch dafür brauche es faire Spielregeln. 

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