Herr Neuhaus, mit Meyer Burger hat einer der größten Solarhersteller in Deutschland angekündigt, seine Produktion in die USA zu verlagern, sollte die Politik nicht handeln. Auch Solarwatt stellt Module in Deutschland her. Wie sieht die Lage bei Ihnen aus?
Bei der Solarproduktion sieht es bei uns ähnlich aus. Wir haben 2023 eine massive Einfuhr von PV-Modulen chinesischer Hersteller in die Europäische Union erlebt. Und das zu Preisen, die deutlich unter den Herstellungskosten lagen. Auf der anderen Seite beobachten wir, dass die USA die Solarindustrie mit vielen Milliarden Dollar fördert und die Einfuhr von chinesischen Konkurrenzprodukten verhindert. Unter normalen Umständen sind europäische Hersteller mit Blick auf Technologie und Preise sehr wohl wettbewerbsfähig und waren dies auch über viele Jahre hinweg. Aber bei diesen erheblichen Marktverzerrungen reichen normale betriebswirtschaftliche Antworten nicht mehr aus. Wenn wir dauerhaft eine zumindest ausreichend große produzierende und entwickelnde Solarindustrie in Deutschland und Europa haben wollen, brauchen wir Maßnahmen der Europäischen Union und der deutschen Bundesregierung. Das ist auch eine Frage der Resilienz.
Da Sie das Thema Resilienz ansprechen: Das Bundeswirtschaftsministerium denkt nach eigenem Bekunden über Resilienz-Ausschreibungen und -Boni nach. Wären das aus Ihrer Sicht sinnvolle Maßnahmen?
Ich finde es gut, wenn der Endkunde die Wahl hat, ob er Produkte aus lokaler Produktion kauft oder eben andere. Und wenn er sich für Produkte aus heimischer Produktion entscheidet und dafür einen zusätzlichen Bonus erhält, finde ich das grundsätzlich gut. Einige Marktteilnehmer warnen ja davor, dass dies den Solarausbau verlangsamen und teurer machen würde. Das verstehe ich nicht. Der Endkunde hat doch die Wahl, für welches Produkt er sich entscheidet.
Und Resilienzausschreibungen?
Im Ausschreibungssegment ist es so, dass zusätzliche Resilienzauktionen der deutschen Solarindustrie kaum helfen. Dort sind wir ohnehin kaum vertreten. Im Ausschreibungsgeschäft herrscht ein enormer Kostendruck, da geht es vor allem über die Masse. Solarwatt selbst ist zum weit überwiegenden Teil auf die Bereiche Residential, also Häuslebauer, und Geschäftskunden spezialisiert. Dort können wir unsere systemische Intelligenz in der Sektorenkopplung einbringen, wodurch wir uns von anderen Marktteilnehmern unterscheiden. Für die Kunden in diesen Segmenten sind Service, Qualität und Produktgarantien deutlich wichtiger als bei den großen Solarparks. Neben der Hardware bieten wir hier auch Planung und Montage an. Deshalb sehen wir uns gut aufgestellt in einem Markt mit riesigem Wachstumspotenzial.
Sie haben von Wettbewerbsverzerrungen gesprochen. Wären da nicht auch handelspolitische Maßnahmen wie etwa Strafzölle denkbar?
Wenn es nicht ganz dramatische Gründe gibt, haben Strafzölle noch nie etwas gebracht. Im Gegenteil könnte es sogar zu weiteren Verwerfungen kommen. Nehmen wir die Glasindustrie als Beispiel, wo es bereits Strafzölle gibt. Als produzierendes Unternehmen hier in Deutschland führen wir bereits Glas aus China ein, weil es in Europa gar nicht genügend gibt. Darauf zahlen wir dann Strafzölle, was sich in den Modulpreisen natürlich niederschlägt. Chinesische Hersteller, die ganze Module mit dem gleichen Glas einführen, zahlen aber keine Strafzölle. Strafzölle mögen gut gemeint sein, haben aber unkontrollierbare Auswirkungen. Hinzu kommt, dass wir mit der einstelligen Gigawatt-Zahl an Produktionskapazitäten in Europa niemals den geplanten Solarausbau stemmen können.
Wenn Sie sagen, die EU und Deutschland sollen Wettbewerbsverzerrungen ausgleichen: Wie sieht denn die zeitliche Perspektive aus? Wann wäre wieder ein Level-Playing-Field hergestellt?
Ich denke, wir müssen uns auf eine langfristige staatliche Unterstützung einstellen. So wie das auch bei allen Energieerzeugungsarten in der Vergangenheit der Fall war. Die Erneuerbaren werden hier mit anderen Maßstäben gemessen. Dennoch bin ich sicher, dass die Photovoltaik einen Siegeszug erleben wird, weil es die günstigste Technologie ist. Wenn wir irgendwann nicht mehr die Fähigkeit haben, Module zu produzieren oder zu entwickeln und nicht mehr verstehen, was da technologisch passiert – das hielte ich für fahrlässig.
Die Bundesregierung steht in der Haushaltsplanung durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts mittlerweile stark unter Druck. Kürzungen gab es ja auch bei der Förderung neuer Solarfabriken aus dem Klima-und Transformationsfonds. Wie wirkt sich das bei Ihnen aus?
Direkte Auswirkungen auf unsere Vorhaben hat das nicht. Wir haben uns beim Interessenbekundungsverfahren Leuchtturmprojekte der Solarindustrie beworben, das Geld kommt von der EU-Kommission. Unabhängig von der Finanzierung kann ich sagen, dass die bürokratischen Hürden enorm sind. Wir haben uns vor über einem Jahr beworben und wissen noch nicht, wie es ausgeht. Zudem sind die Anforderungen realitätsfremd. Zum Beispiel müssen Sie nachweisen, dass Sie Ihr Vorhaben nicht auch ausschließlich mit verschiedenen Herstellern aus Europa realisieren können. Dabei haben Sie faktisch heute keine Möglichkeit mehr, eine moderne Solarfabrik nur mit europäischen Komponenten aufzubauen.
Währenddessen können Sie in den USA über den Inflation Reduction Act (IRA) zu negativen Kosten produzieren. Alle Kosten – Land, Gebäude, Mitarbeiter, Materialien und Energie – werden abgedeckt. Sie erhalten persönliche Referentinnen oder Referenten, die Ihnen beim Ausfüllen von Anträgen helfen. Mal unabhängig von den möglichen Kürzungen, von denen wir nicht wissen, welche Auswirkungen sie haben, ist es diese bürokratische und langsame Herangehensweise in Deutschland und Europa, die uns stört.
Der Solarhersteller Meyer Burger hat angekündigt, im Laufe des Februars entscheiden zu wollen, ob er die Produktion in Deutschland dicht macht. Gibt es bei Ihnen auch eine Deadline?
Nein, es gibt keinen Termin. Die Produktion am unserem Dresdner Standort läuft gut im Zwei-Schicht-Betrieb durch. Das werden wir mindestens bis Mitte des Jahres noch fortsetzen. Wir können auch weiterhin in Nischenmärkten – etwa für Fassaden-Anlagen – unsere Module verkaufen. Aber natürlich nicht in dem Maßstab, wie wir uns das vorstellen. Wir halten uns alle Optionen offen und haben trotz allem eine klare Wachstumsstrategie. Selbst wenn wir unsere eigene Produktion wirklich schließen müssten, bestehen gute Chancen, dass wir möglichst viele davon betroffene Mitarbeiter dann im Unternehmen halten. Wir bauen gerade neue Installationsstandorte auf, für die wir Mitarbeiter umschulen könnten. Es geht nicht um das Unternehmen Solarwatt als Ganzes. Wir werden unsere Zukunft haben. Fraglich ist nur, ob wir unsere Module weiterhin in Deutschland produzieren.
Sollte es mit der Produktion in Deutschland nicht weitergehen, wohin würden Sie die Kapazitäten verlagern?
Wir haben unsere Fabrikstandorte bereits vor Jahren weltweilt diversifiziert. Neben dem Standort in Dresden fertigen wir auch in Asien. Dort werden derzeit unsere Glas-Folie-Module hergestellt. Wir sind auf Glas-Glas-Module spezialisiert. Die Nachfrage nach Glas-Folie-Modulen war aber so groß, dass wir uns Partner in Asien gesucht haben, um unser Sortiment zu erweitern. Alle Produkte, egal an welchem Herstellungsort gefertigt, werden aber vom Forschung- und Entwicklungsteam in Dresden konzeptioniert und designed. Sollten die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen, wäre es eine Möglichkeit, dass wir die reine Fertigung komplett nach Asien verlagern.
Das Interview führte Julian Korb
Lesen Sie auch: Nach Austritt von 1Komma5°: Auch Enpal mit heftiger Kritik an BSW-Position
Habeck: "In fünf Jahren wird es noch Solarhersteller in Deutschland geben"



