Zum 25-jährigen Jubiläum blickt EEX auf das Jahr 2024 zurück: "Wir konnten positive Entwicklungen in nahezu allen Märkten verzeichnen, in denen wir aktiv sind", sagt der CEO der European Energy Exchange, Peter Reitz. Im zweiten Teil des Interviews spricht er über die Treiber des Wachstums der Börse im Strom- und Gashandel und die künftige Rolle von Langzeitspeichern und Instrumenten zur CO2-Reduktion.
Herr Reitz, was waren die Haupttreiber für das signifikante Wachstum der EEX im abgelaufenen Geschäftsjahr?
Ein wesentlicher Wachstumstreiber waren die Strommärkte – sowohl im Spotmarkt als auch im langfristigen Handel. Der Intraday-Markt wuchs im vergangenen Jahr um 22 Prozent, angetrieben durch den steigenden Anteil erneuerbarer Energien, die eine kurzfristige Absicherung benötigen, da ihre Erzeugung nicht exakt planbar ist. Eine weitere bemerkenswerte Entwicklung ist das Wachstum des Day-Ahead-Marktes, der im vergangenen Jahr um 21 Prozent zulegte.
Wie begründen Sie diese Entwicklung des Strommarkts?
Zum einen ist das allgemeine Marktwachstum ausschlaggebend, insbesondere getrieben durch den steigenden Anteil erneuerbarer Energien, die nicht nur im Intraday-Handel, sondern auch in den Auktionen für den Folgetag verstärkt gehandelt werden. Hier spielen auch Speicherbetreiber eine zunehmende Rolle, da sie ihre Kapazitäten sehr genau steuern können und diese ebenfalls am Markt platzieren. Hinzu kommen neue Handelsteilnehmer an der Epex Spot sowie die verstärkte Nutzung automatisierter Handelsstrategien.
Neben dem Spotmarkt verzeichneten wir auch im europäischen Terminmarkt für Strom ein beachtliches Wachstum von 63 Prozent. Das Wachstum an den Terminmärkten für Strom wird durch zwei zentrale Trends gestützt.
Welche wären das?
Erstens bewegt sich der Handel immer stärker von OTC-Geschäften hin zur Börse und zum Clearing. Zweitens konnten wir viele neue Marktteilnehmer gewinnen – allein im letzten Jahr mehr als 60. Diese neuen Teilnehmer erhöhen nicht nur die Liquidität, sondern auch die Handelsmöglichkeiten für bestehende Kunden.
Während der Krise haben sich viele Marktteilnehmer vom OTC-Markt hin zur Börse bewegt. Wurden die Einstiegshürden gelockert, damit sie auch nach der Krise an der Börse bleiben?
Nein, wir haben die Sicherheitsanforderungen nicht gelockert. Die Sicherheiten, die für das Clearing hinterlegt werden müssen, hängen von der Volatilität der Preise und dem absoluten Preisniveau ab. Da beides in den Krisenjahren auf Rekordniveau war und inzwischen gesunken ist, müssen für die gleiche Position heute geringere Sicherheiten hinterlegt werden. Zudem haben viele Marktteilnehmer erkannt, dass der Börsenhandel mit Clearing erhebliche Kapitalvorteile bietet, da Positionen über verschiedene Märkte hinweg verrechnet werden können.
"Unser Handelsvolumen in Deutschland ist um 60 Prozent gewachsen."
Betrifft diese Tendenz hauptsächlich den deutschen Markt oder auch andere europäische Märkte?
Die Entwicklung ist nicht auf Deutschland beschränkt. Zwar sind wir in Deutschland mit großem Abstand Marktführer, doch auch in Europa sind wir insgesamt um 63 Prozent gewachsen. Besonders stark war das Wachstum in Frankreich, wo sich unser Handelsvolumen mehr als verdoppelt hat. Der deutsche Markt allein wuchs um 60 Prozent. Darüber hinaus sind wir mittlerweile die größte Strombörse weltweit. In den USA – mit der Nodal Exchange – haben wir ein weiteres Rekordjahr verzeichnet. Und in Japan hat sich unser Handelsvolumen im letzten Jahr vervierfacht. Japan ist derzeit unser am schnellsten wachsender Markt.
Eine marktrelevante Entwicklung ist derzeit die Einführung dynamischer Stromtarife. Spüren Sie bereits einen Einfluss auf das Handelsvolumen?
Dynamische Tarife spielen eine Rolle, aber sie sind nur ein kleiner Teil der Gesamtentwicklung. Der entscheidende Faktor ist Flexibilität. Mit steigenden Anteilen erneuerbarer Energien gehen die Preisschwankungen innerhalb eines Tages auseinander. Das ist besonders interessant für Unternehmen und Verbraucher, die ihre Lasten flexibel steuern können. Batteriespeicher auf industrieller Ebene sind ein weiterer wichtiger Faktor, da sie die Möglichkeit bieten, kurzfristige Preisschwankungen gewinnbringend zu nutzen.
"Langfristige Speicherlösungen werden in einer dekarbonisierten Energiewelt eine entscheidende Rolle spielen."
Der Trend geht hin zu Speichern mit längeren Laufzeiten, aber es scheint noch kein etabliertes Geschäftsmodell dafür zu geben. Sehen Sie diesen Trend an der Börse?
Langfristige Speicherlösungen werden in einer dekarbonisierten Energiewelt eine entscheidende Rolle spielen. Pumpspeicherkraftwerke existieren bereits seit Jahrzehnten, doch für neue Technologien und großskalige Speicher gibt es noch Herausforderungen. Die Marktentwicklung ist im Gange und mit zunehmender Volatilität und dem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien wird auch die Bedeutung langfristiger Speicher weiter steigen.
Das Verhalten dieses zusätzlichen Volumens ist kaum eindeutig zu bestimmen. Aber in einer vollkommen dekarbonisierten Energiewelt brauchen wir Speichermöglichkeiten, die über einige Stunden hinausgehen. Die Diskussion um die Dunkelflaute zeigt, dass eine langfristig speicherbare Energiekomponente notwendig ist. Der Konsens ist, dass auch Wasserstoff hierbei eine Rolle übernehmen wird. Unser Gasnetz ist der größte Speicher, den wir haben. Wenn wir es auf dekarbonisiertes Gas umstellen, kann es in einem CO2-freien Energiesystem effizient genutzt werden.
Batteriespeicher werden mittlerweile standardmäßig bei neuen Solarparks mitgeplant. Betreiber wollen ihren Strom nicht dann verkaufen, wenn die Preise aufgrund hoher Produktion niedrig sind, sondern zu Spitzenzeiten mit höheren Preisen. Alle diese Komponenten greifen ineinander. Der Markt funktioniert hier gut, da die Preissignale Investitionsentscheidungen für Speichertechnologien wie Batterien lenken. Diese Entwicklungen sind essenziell, um die Energiewende voranzutreiben.
Setzen Sie weiterhin stark auf CO2-Bepreisung als Steuerungsinstrument?
Ja, aber es ist nur ein Baustein. Wir sehen uns als Ermöglicher der Energiewende und bieten Instrumente zur CO2-Reduktion, das sind beispielsweise die Produkte im Emissionshandel sowie unsere Handelsprodukte für Herkunftsnachweise für erneuerbaren Strom. Diese Märkte wachsen stark, mit einer Zunahme von über 30 Prozent im letzten Jahr bei den Spotauktionen, die wir 2024 ergänzt haben um Futures auf Herkunftsnachweise. Diese Zertifikate ermöglichen es Unternehmen, den Bezug von grünem Strom nachzuweisen, und der Markt dafür entwickelt sich rasant. Mit zunehmender Liquidität können Unternehmen langfristige Preissicherungen für grünen Strom abschließen. Diese Entwicklungen sind essenziell für eine erfolgreiche Energiewende.
Kann man sagen, dass diejenigen profitieren, die die zunehmende Dezentralisierung und Komplexität des Energiemarktes aktiv nutzen?
Ja, genau. Der Energiemarkt entwickelt sich von einem zentralisierten System mit wenigen Akteuren zu einem dezentralisierten Markt mit vielen Beteiligten. Diese benötigen eine Plattform, auf der sie zusammenkommen können – und genau das bietet die EEX. Wir ermöglichen es Marktteilnehmern, sich effizient zu vernetzen. Das ist nicht nur ein Vorteil für den Markt, sondern auch für uns.
Betrifft diese Entwicklung vor allem Deutschland oder auch andere europäische Märkte?
Es ist eine europaweite Entwicklung. Überall dort, wo der Ausbau Erneuerbarer voranschreitet, werden die Strommärkte dezentraler. Und durch den EU-weit integrierten Strommarkt mit seiner Marktkopplung strahlt eine solche Entwicklung europaweit aus.
Das Interview führten Klaus Hinkel und Artjom Maksimenko
Lesen Sie im ersten Teil des Interviews, wie sich Peter Reitz zu den Kraftwerksreserven und den Folgen der US-Wahlen für die globalen Energiemärkte äußert.



