Sarah Tschachtli ist Vorständin vom Vivo Kommunalunternehmen, einem Entsorgungsunternehmen mit 120 Mitarbeitenden.

Sarah Tschachtli ist Vorständin vom Vivo Kommunalunternehmen, einem Entsorgungsunternehmen mit 120 Mitarbeitenden.

Bild: ©Vivo

Sie ist fast alles, was ihr Vorgänger nicht war. Sarah Tschachtli ist eine Frau, jung und neu im Unternehmen. Thomas Frey war über 30 Jahre für die Abfallwirtschaft im bayerischen Landkreis Miesbach zuständig. Im Januar 2024 übernahm Tschachtli dann den Vorstandsposten bei dem Kommunalunternehmen für Abfallwirtschaft Vivo. "Das ist ein Strukturwechsel", sagt die 40-Jährige. Nun leitet die Ingenieurin das kommunale Unternehmen mit eigener Müllabfuhr und 18 Wertstoffhöfen, die jährlich bis zu 60 000 Tonnen Abfälle umschlagen.

Der Start bei Vivo sei ihr einfacher gefallen, als sie es erwartet hatte. "Ich habe ein engagiertes Team, das mir alle Fragen beantwortet und mich herzlich willkommen geheißen hat", so Tschachtli. Insgesamt habe sie eine große Bereitschaft zur Zusammenarbeit und Offenheit gegenüber Veränderungsimpulsen erlebt. "Wir haben einen Betrieb, der stark operativ tätig ist und dafür fallen immer wieder einfache Neuerungen wie der Austausch vom Fuhrpark oder die Sanierung von Wertstoffhöfen an." So sei die Bereitschaft für Veränderung schon in Teilen der Belegschaft trainiert.

Das Horrorszenario, dass wir auf 2,7 Grad Erderwärmung zusteuern, versetzt mich regelmäßig in Angst und Schrecken.

Tschachtli bezeichnet sich selbst als »Überzeugungstäterin«. Nachhaltigkeit habe sie lange begleitet, schon als Kind begeisterten sie Pflanzen und Tiere. In ihrer Abiturzeitung prophezeiten ihre Mitschüler, sie werde einmal für den Umweltschutz arbeiten. "Das Horrorszenario, dass wir auf 2,7 Grad Erderwärmung zusteuern, und was dann tatsächlich alles passieren kann, versetzt mich regelmäßig in Angst und Schrecken", sagt die Managerin.

In Süddeutschland lernt sie die kommunalen Unternehmen kennen

Aus Überzeugung studierte Tschachtli technischen Umweltschutz mit dem Fokus auf regenerative Energienutzung: "Es hat mich fasziniert, dass man aus Sonne, Wind und Abfall Energie erzeugen kann", berichtet sie. Nach dem Studium wurde sie Projektmitarbeiterin beim Bifa-Umweltinstitut: "Als Consultant bin ich viel in Süddeutschland rumgekommen und habe verschiedenste Abfallwirtschaftsbetriebe kennengelernt", so Tschachtli. "Alle haben mehr oder weniger die gleichen Aufgaben, erledigen sie allerdings immer ein bisschen anders, und ich fand es total faszinierend, wie diese gemeinwohlorientierte Daseinsvorsorge so vielfältig umgesetzt wird."

2019 wurde Tschachtli dann Fachbereichsleiterin für Abfallwirtschaft bei der Awista in Starnberg. Neben dem Perspektivwechsel von ihrer Beratertätigkeit reizte sie die Führungsrolle. Bei Vivo wiederum lag ein starker Fokus auf der Steuerung der operativen Leistungen. "Die Stellenausschreibung betonte zudem das Familiäre und die gemeinwohlorientierte Aufgabe, für den Landkreis Miesbach als vollumfänglicher Entsorger da zu sein", sagt Tschachtli.

Ihre erste große Herausforderung als Vorständin ist eine Kündigung

Ihre erste große Herausforderung hat die Vorständin auch schon bestritten: Vivo betreibt eine Biogasanlage mit einem angeschlossenen Nahwärmenetz für ein Gewerbegebiet. Für Letzteres hat Tschachtli den Betrieb kündigen müssen. "Das war meine erste schwere Entscheidung", sagt sie, "aber wir machen damit Verlust."

Ursprünglich war die Biogasanlage als Kompostierungsanlage konzipiert und verfügte über überschüssige Wärme, die ins Wärmenetz eingespeist wurde. Nach dem Umbau zur Biogasanlage vor 14 Jahren wurde diese Wärme jedoch für den Eigenbedarf der Anlage benötigt, seither wurde das Wärmenetz mit Erdgas betrieben. Das war laut Tschachtli weder ökologisch noch wirtschaftlich rentabel, da die gestiegenen Energiebeschaffungskosten nicht in gleichem Maße über die Abnehmerverträge weitergegeben werden konnten. Über die letzten fünf Jahre sei so ein "nicht hinnehmbares" Defizit von rund einer halben Million Euro entstanden.

In Sachen Abfallverbrennung ist sie Realistin

Im Landkreis Miesbach betreibt der Kommunalunternehmer keinen eigenen Müllverbrennungsanlage. Stattdessen besteht eine Zweckvereinbarung mit der Stadt Rosenheim, die eine feste Anlieferung des Restmülls vorsieht. Die Rosenheimer Anlage zählt zu den kleinsten in Deutschland und ist in ein lokales Fernwärmenetz eingebunden. Die bei der Verbrennung entstehende Wärme wird über Prozessdampf direkt zur Versorgung benachbarter Betriebe genutzt. "Das ist wirklich ein gutes Beispiel für energetische Nutzung", sagt Tschachtli.

Mit Blick auf die Debatte zur Zukunft der Abfallverbrennung zeigt sich Tschachtli pragmatisch: "Zero Waste ist eine Illusion." Auch bei optimaler Getrenntsammlung blieben immer Reststoffe übrig, etwa Hygieneabfälle oder nicht verwertbare Fraktionen aus Bio- oder Verpackungsabfall. Solche Rückstände müssten dauerhaft verbrannt werden.

Abfallvermeidung bleibe zwar das oberste Ziel, aber eine völlige Abschaffung der Restmülltonne sei unrealistisch. Für die Geschäftsführerin behalten thermische Anlagen deshalb ihre Berechtigung im Abfallwirtschaftskonzept – insbesondere, wenn sie wie in Rosenheim eine gekoppelte Wärmenutzung aufweisen. "Wenn wir aus Abfall nutzbare Wärme erzeugen, ersetzen wir damit fossile Energieträger wie Erdgas oder Öl", so Tschachtli.

Zur Verbesserung der Datenbasis analysiert das Vivo derzeit Bio- und Restmüll, um die Zusammensetzung und den Störstoffanteil systematisch zu erfassen. Ziel ist es, weitere Optimierungspotenziale bei der Müllvermeidung und -verwertung zu identifizieren.

Das Unternehmen entwickelt eine gemeinsame Vision

Nach einem Jahr Einarbeitung wollte Tschachtli die Transformation im Unternehmen organisierter angehen – mit einer gemeinsamen Vision. "Ich mag das Wort Vision nicht wirklich, weil ich keine Visionärin bin", sagt Tschachtli. "In der Abfallwirtschaft sind wir vom Machen geprägt." Doch hier passe es.

Ihre Vision entwickelten Tschachtli und acht ihrer Führungskräfte bei einem gemeinsamen Workshop unter dem Titel »Zukunftskonferenz«. Sie stellten sich der Frage, wie das Unternehmen in fünf Jahren arbeiten könnte. Bei dem Workshop wurden auch praktische Herausforderungen identifiziert: "Das fängt an mit Schulungen für das neue MS Office" so Tschachtli. Ein weiteres Thema, das die Vorständin nun bearbeiten will, ist die Kommunikation mit den Mitarbeitenden: "Wir haben viele unterschiedliche Bereiche, die natürlich nicht immer oder regelmäßig in die Verwaltung kommen." Dazu zählen die Müllwerker und Mitarbeitenden auf den Wertstoffhöfen. Eine Mitarbeiter-App könnte hier zum Einsatz kommen.

Ein weiterer Vorschlag der Vivo-Führungskräfte war der verstärkte Einsatz digitaler Lösungen, etwa eine KI-gestützte Buchhaltung sowie der Übergang zu einem papierarmen Büro. Daneben wurden auch weniger realistische Ideen wie "ein Firmenwagen für jeden" eingebracht, was die Chefin mit Humor nimmt. Aus der Zukunftskonferenz sei vor allem klar hervorgegangen, dass das Unternehmen den Stillstand hinter sich lassen will und dass nun die Zeit für Veränderung ist.

Klar wurde auch, dass die Chefin und ihre Führungskräfte die gleichen Überzeugungen teilen. Es kamen Ideen zu einer stärkeren Nachhaltigkeitsausrichtung auf – beispielsweise wurde der Wunsch geäußert, künftig mit einem Umweltpreis für besondere ökologische Leistungen ausgezeichnet zu werden.

Das Porträt ist Teil der Reihe "Neue Perspektiven", die junge Führungskräfte vorstellt:

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